Auf der heurigen Singwoche in Rab mit mehr 70 Teilnehmer:innen aus ganz Österreich und darüber hinaus haben wir, unter anderem, ein Lied einstudiert, das mir seither nicht mehr aus dem Sinn geht. Unser umtriebiger Chorleiter Georg Lenger, der nicht nur ein großartiger und humorvoller Musikpädagoge, sondern auch ein profunder Literaturkenner ist, sucht immer wieder ganz besondere Stücke aus. Und er hat auch unzählige bekannte und weniger bekannte lyrische Klassiker selbst vertont.

Heuer war ein vertontes und von Georg für vierstimmigen Chor arrangiertes Liebesgedicht aus dem 17. Jahrhundert dabei: Drink to me only von Ben Jonson aus dem Jahr 1606. Es ist in wunderschönem, melodischem Altenglisch abgefasst. Bemerkenswerterweise hat es Johnny Cash als Siebzehnjähriger bei der Aufnahmeprüfung ins Musikgymnasium erstmals gesungen – und später, als er schon berühmt war, immer wieder bei seinen Auftritten. (Zu finden auf YouTube.) Für mich, der ich sowohl Wein als auch Blumen – und natürlich Menschen – liebe, ist es eines der schönsten Liebesgedichte überhaupt:
Drink to me only with thine eyes
And I will pledge with mine.
Or leave a kiss within the cup
And I’ll not ask for wine.
A thirst that from the soul doth rise
Doth ask a drink divine.
But might I of Jove’s nectar sip
I would not change for thine.
I sent thee late a rosy wreath
Not so much hon’ring thee,
As giving it a hope that there
It could not withered be.
But thou thereon did’st only breathe
And sent’st it back to me.
Since when it grows and smells, I swear,
Not of itself, but thee.
Frei übersetzt:
Trink mir nur mit deinen Augen zu,
und ich antworte mit meinen.
Oder hauch‘ einen Kuss ins Glas,
und ich werde nicht nach Wein fragen.
Ein Durst, der aus der Seele kommt,
verlangt nach göttlichem Getränk.
Doch könn’t ich auch an Jupiters Nektar nippen,
ich würd‘ ihn nicht gegen deinen tauschen.
Ich schickte dir jüngst einen Rosen-Kranz,
nicht so sehr zu deinen Ehren
als in der Hoffnung,
er würde dort nicht verdorren.
Du aber hast nur daran gerochen
und mir die Rosen zurückgeschickt.
Seither duften sie, ich schwör’s,
nicht nach ihnen selbst sondern nach dir.
Es ist eine ganz, ganz innige Zärtlichkeit auf Distanz, die sich in diesen Zeilen ausdrückt. Er sagt es ihr, im wörtlichen Sinn, durch die Blume. Und diese Liebe braucht offenbar keine Probe aufs Exempel, sie ist unerfüllt – wenn man unter Erfüllung auch die körperliche Vereinigung versteht -, aber auch unzerstörbar.

Zwei bekannte Liebesgedichte von Goethe fallen mir spontan dazu ein. Das eine über herrschsüchtige, gewalttätige Liebe, das andere über völlig selbstlose, hingebungsvolle Liebe.
Das Heidenröslein
Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt’ es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.
Das Gedicht tut fast körperlich weh. Es wird ja auch als Metapher einer Vergewaltigung interpretiert. Auf jeden Fall macht es auf zutiefst berührende, aufwühlende Weise klar, wie eng Liebe und Gewalt beieinander liegen können. Denn wenn das Heidenröslein dem Knaben gleichgültig wäre, würde er achtlos an ihm vorübergehen. Aber wenn er das Röslein wirklich liebte, würde er sich zu ihm hinknien, es bewundern – und nicht pflücken, sondern stehen lassen. Und es in seinem Herzen mit nach Hause nehmen. Dass das Gedicht vielfach vertont wurde, unter anderen von Franz Schubert, Roman Schubert und Franz Lehár, macht seinen Inhalt nicht weniger verstörend.

Geradezu um das Gegenteil geht es in Goethes ebenso berühmtem Gedicht
Das Veilchen
Ein Veilchen auf der Wiese stand,
gebückt in sich und unbekannt;
es war ein herzigs Veilchen.
Da kam ein‘ junge Schäferin
mit leichtem Schritt und munterm Sinn
daher, daher,
die Wiese her und sang.
Ach! denkt das Veilchen, wär‘ ich nur
die schönste Blume der Natur,
ach, nur ein kleines Weilchen,
bis mich das Liebchen abgepflückt
und an dem Busen matt gedrückt,
ach, nur, ach nur
ein Viertelstündchen lang!
Ach, aber ach! Das Mädchen kam
und nicht in acht das Veilchen nahm,
ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb, und freut‘ sich noch:
und sterb‘ ich denn, so sterb‘ ich doch
durch sie, durch sie,
zu ihren Füßen doch!
Ich muss gestehen, dass mir bei diesen Versen beinahe die Tränen kommen. Die Sehnsucht, geliebt zu werden, ist so überwältigend, dass das Veilchen dafür in den Tod geht – und dabei die Erfüllung findet. Es ist sozusagen negative Gewalt, die Antithese zum Heidenröslein, das sich vergeblich gegen die Gewalt wehrt und ebenso stirbt. Das Veilchen dagegen nimmt die – unabsichtliche, aber gedankenlose – Gewalt hin, als einzige Möglichkeit, Liebe zu erfahren. Mozart, der große Experte in Sachen Liebe, hat das Veilchen wunderbar vertont.
Das waren jetzt Beispiele für drei jeweils auf ihre Art extreme Beispiele von Liebe:
Die prosaische, die aus einem leeren Weinglas und durch die Blume spricht – kann sie wirklich erfüllend sein?
Die herrschsüchtige, gewalttätige „Liebe“, die dieses Wort in Wahrheit nicht verdient und sich heute beispielsweise als ohnmächtige, hilflose männliche Wut in den schrecklichen Femiziden äußert.
Und die aufopfernde, unbeachtete und unerwiderte Liebe, die die Erfüllung nur im Tod findet.

Die Frage, welche dieser Formen von Liebe oder „Liebe“ nachahmenswert ist, wird jede und jeder für sich selbst beantworten. Eines aber machen alle drei Varianten klar: wie wertvoll eine erfüllende Beziehung zwischen zwei Menschen ist, in der sich Geben und Nehmen die Waage halten – und wie sehr beide unablässig daran arbeiten müssen, diesen kostbaren, aber sehr labilen Zustand zu erhalten.























