Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.
Demokrit

Wir wissen es alle, aus eigener Erfahrung, aus Erzählungen, aus Medienberichten: das Wirtshaus ist ein Auslaufmodell. Ob an einer beliebigen Straße, in einem Dorf, in einer Kleinstadt oder auch in den urbanen Zentren: Irgendwann begegnen wir an einem leeren Parkplatz einem sichtlich verödeten Portal mit dem Schild „Auf Dauer geschlossen“ auf einer schmutzigen Fensterscheibe. Tristesse pur.
Wir alle kennen die Ursachen: steigende Preise der Grundprodukte und der Energie, fehlender oder uninteressierter Nachwuchs, Personalprobleme. Aber auch Gästeschwund. Die jüngeren Generationen, oft auch durch „soziale“ Medien getrieben in dem Wahn, überall dabei sein und alles mitmachen zu müssen, haben weder Zeit noch Lust zu einem längeren, genussvollen Beisammensein im Gasthaus. Der Stammtisch als Kommunikationszentrale und Nachrichtenbörse ist ein absolutes Minderheitenprogramm geworden – falls er jemals mehr war.
Wer sich heute noch das Wirt- oder Wirtin-Sein antut, muss ein Idealist sein. Früher sind die Kinder von Wirtsleuten ins Geschäft hineingewachsen und haben seine schönen und die vielen weniger schönen Seiten quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Das ist, mit wenigen Ausnahmen, längst vorbei. Kein Familienleben – außer an der Schank, in der Gaststube oder in der Küche -, fast bis gar keine Freizeit, Ärger mit dem Personal – falls überhaupt vorhanden -; dazu der tägliche Kampf mit der Bürokratie; und für all das unter dem Strich ein bescheidener Lohn: wer tut sich das heute noch an?
Jetzt kann man natürlich sagen, was nicht nur prominente Gastronomen schon seit längerem wie ein Mantra predigen: Das Wirtshaus ist ein Kulturgut. Und wie jede Kultur muss es gefördert werden, um (über-)leben zu können. So berechtigt er sein mag: angesichts des allgemeinen Sparzwanges ist das ein frommer Wunsch. Wobei die Vorstellung, dass der Dorfwirt sein karges Dasein nur dadurch fristet, dass er am öffentlichen Tropf hängt, nicht unbedingt die Gemütlichkeit fördert.
Zum Wirtsein muss man geboren sein, hieß es einmal. Und: Wer nix wird, wird Wirt. Ersteres hat wohl etwas für sich, letzteres ist ein ausgemachter Blödsinn, geboren vermutlich aus dem Neid. Heute jedenfalls muss man Wirtsleute, die ihr Geschäft mit Leidenschaft und Hingabe betreiben, mit der Lupe suchen. Die Gasthausszene hat sich zum überwiegenden Teil auf zwei Pole verteilt: Spitzengastronomie mit entsprechenden Preisen und Fastfood – Pizza, Burger etc., das allermeiste davon Convenience-Produkte, also halb oder ganz vorgefertigte Speisen oder Bestandteile, meist tiefgefroren und aufgetaut. Convenience bedeutet übersetzt übrigens Bequemlichkeit. Immerhin ehrlich.

Und doch gibt es sie noch: die echten, unverfälschten Kleinode, buchstäbliche Oasen in der gastronomischen Wüste. Auf sie trifft das Eingangszitat, das dem Philosophen Demokrit zugeschrieben wird, auf ganz besondere Weise zu.
Wir haben das Glück, ein paar dieser Kleinode zu kennen, in der eigenen Gemeinde, in der Region, in der Metropole, wo wir früher lebten, und im nahen Ausland. Und jedes Mal, wenn wir an einem dieser Plätze für einige Stunden verweilen, fühlen wir uns in eine andere Welt versetzt, die uns dennoch so vertraut erscheint. Nicht dass unsere Leben einer Reise durch die Wüste gliche – aber diese gastlichen Orte sind Oasen. Oasen, in denen wir die Welt und ihre Probleme rundherum ausklammern, zu uns kommen, uns mit Freunden austauschen – kurz: genießen im umfassenden Sinn des Wortes. Man kann schwer sagen, was es im Einzelnen ist, das dieses Gefühl erzeugt. Das Ambiente mit Einrichtung und Dekorelementen, die Herzlichkeit der Wirtsleute und auch der Mitarbeiter:innen, die Qualität der Speisen und Getränke – es ist alles zusammen, natürlich mit unterschiedlichen Gewichtungen. Was man sagen kann: In den aller-, allermeisten Fällen handelt es sich um Familienbetriebe, in denen der Generationenwechsel offenbar sehr gut funktioniert. Das (natürlich nicht völlig konfliktfreie) Gefühl, an einer guten gemeinsamen Sache zu arbeiten, die vielen Menschen Freude bereitet, überträgt sich auf die Gäste. Und so sind diese besonderen Orte auch Oasen der Menschlichkeit.
Dazu kommt, dass viele dieser Wirtshäuser (ja, es kommt auf die Wirtsleute an!) die Veränderungen der Ess- und Genussgewohnheiten von jeher auf völlig unaufgeregte Weise mitvollzogen haben, ja sogar fördern. Man bestellt gemeinsam, die Gerichte werden in der Mitte der Tische platziert und jeder nimmt sich, was er mag. Zusammen mit den guten Gesprächen erzeugt das, bei aller Individualität der Einzelnen, ein Gemeinschaftsgefühlt. Man teilt Geschmack und Gedanken. Ja, solche Stunden sind hochgradig kulturelle Ereignisse.

Wir können nur dankbar dafür sein, dass es solche Plätze gibt. Dass es Menschen gibt, die diesen Dienst am umfassenden Wohlbefinden ihrer Mitmenschen noch immer zu leisten bereit sind – und dass sie in diesem Dienst offenbar auch Erfüllung finden. Denn sonst würden sie es wohl nicht tun.

























