So eine Kur ist kein Pfusch

Die Kur ist eine teure Einrichtung und belastet den öffentlichen Haushalt. Dass sie trotzdem höchst sinnvoll ist, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

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Nicht nur im Naturbecken des berühmten Villacher Maibachls …..

Die Jahre fordern ihren Tribut. Und so wird man, eh‘ man sich’s versieht, vom Kalt- zum Warmduscher. Ich hab’s inzwischen sogar schon zum Warmbader gebracht. Doch das ist eine Übertreibung. Denn die Villacher Urquelle hat „nur“ knapp 30 Grad, was im Vergleich zu anderen Thermen fast schon kalt ist. Das berühmte Maibachl sprudelte heuer ungewöhnlicherweise Ende November. Und so kam ich in den Genuss dieses Phänomens und badete in dem Naturbecken, dort, wo ein Strang des unterirdischen Wassernetzes an die Oberfläche kommt. Draußen spazieren Kurgäste und andere Wanderer dick vermummt vorbei und bestaunen die (gar nicht so) Mutigen.

Wer regelmäßig im Maibachl badet, wird hundert Jahre alt, sagen die Villlacher.
Ich weiß nicht, ob ich das will. Aber auch wenn eine Kur an sich das Leben vermutlich nicht wesentlich verlängert: Wenn sie so verläuft wie in meinem Fall, ist sie ihr Geld wert. Und das ist nicht wenig, sowohl was die tatsächlichen Kosten als auch was den Effekt betrifft. Gewiss, man hat einen Eigenanteil zu bezahlen. Aber der ist, gemessen am Gebotenen, sehr bescheiden. Rund 20 Euro pro Tag, bei einer dreiwöchigen Kur. Dafür gibt es ein komfortables Einzelzimmer, Verköstigung nach Wahl und ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie drei bis vier Therapien täglich.

Die Wirkung von Kuren ist nicht unumstritten. Manche Mediziner halten wenig davon, unter ihnen mein Hausarzt. Auf meine Bitte unter Hinweis auf die immer wieder auftauchenden, im wahrsten Sinn des Wortes nervigen Kreuz- und Hüftgelenksschmerzen hat er trotzdem eine Kur beantragt. Und so begab ich mich, nach eingehender Beratung mit einem befreundeten Kurprofi, ins berühmte Warmbad Villach. Ich bereue es nicht.

Ob meine Beschwerden wirklich nachlassen werden, zumindest für eine gewisse Zeit, weiß ich noch nicht. Aber darauf kommt es auch gar nicht so sehr an. Worauf dann? Man wird während einer Kur gewissermaßen aus seinem gewöhnlichen Selbst gerissen, auf eine andere Bewusstseinsebene gehoben. Wenn man sich unvoreingenommen darauf einlässt, gehören diese 21 Tage ganz einem selbst. Man hat viel Zeit zum Nachdenken – und kommt darauf, dass man vielleicht gar nicht so viel nachdenken sollte. Sondern sich vorbehaltlos auf das Hier und Jetzt einlassen, ob auf dem heißen Parafango, unter den Händen eines äußerst kundigen Masseurs, auf dem genialen Massage-Wasserbett namens Hydrojet oder beim Schwimmen in der Urquelle. Jede Minute, jede Tätigkeit ein bewusster und zugleich entrückter Akt des Lebens. So ähnlich lehrt es auch der Zen-Buddhismus.

Natürlich spielt auch das Ambiente eine Rolle. Im Fall Villach würde ich sagen, man spürt geradezu jahrtausendealte Heilquellenerfahrung. Schon vor den Römern soll hier ja die wohltuende Kraft des Wassers erkannt und genutzt worden sein. Dass Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, Anfang des 16. Jahrhunderts mit seinem Vater aus Italien hierher zog (dieser wirkte 32 Jahre als Arzt in Villach) dürfte, so gesehen, auch kein Zufall gewesen sein.

Wer die Gelegenheit und das Glück hat, von Stadtführerin Lisbeth Stampfer auf eine Tour zum Thema Paracelsus und die Heilkunst in Villach mitgenommen zu werden, wird dazu viel Interessantes erfahren. Und noch einiges mehr. Etwa, dass der Turm der Pfarrkirche St. Jakob im Zentrum einst ein frei stehender italienischer Campanile war, weil das Gebiet südlich der Drau bis 1751 zum Patriarchat Aquileia gehörte. Karl der Große hatte 811 den Streit zwischen Aquileia und dem Erzbistum Salzburg geschlichtet, indem er die Drau zur Grenze erklärte. Der Schiedsspruch hielt fast tausend Jahre.

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…. sondern auch im Thermal-Urquellenbecken sprudelt das Heilwasser direkt aus dem Boden. Im Hintergrund die Marmorintarsia von Franz Rogler.

Architektonisch ist nicht nur das alte Stadtzentrum interessant. Das Kurzentrum am Fuße des Dobratsch ist eine Mischung aus alter und neuer Architektur. Ob gelungen oder nicht, wird jeder für sich entscheiden. Interessante Kontraste sind es in jedem Fall. Die moderne Therme Kärnten wurde von dem Team um den Grazer Architekten Titus Pernthaler entworfen. Sie spielt auf zerklüftete Felswände an – quasi ein Zitat der nahen Kadischenwand.

Altmodisch, auf geradezu gemütliche Art, dagegen das Thermalurquellenbad. Seine gesamte Fläche stellt praktisch den natürlichen Quellschacht dar. Durch den Schotter auf dem Boden sieht man auch die Gasbläschen aufsteigen. Die Gase, darunter Radon, wirken positiv auf die Gelenke, aber weniger günstig auf den Kreislauf, wenn man die Badedauer übertreibt. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ (Paracelsus) Zur anregenden Wirkung eines Bades in der Urquelle trägt – zumindest für mich – auch die große Marmorintarsia an der Stirnseite bei. Sie erzählt die Geschichte des Villacher Heilbades und wurde 1959 nach einem Entwurf des Grazer Künstlers Franz Rogler (1921-1994) geschaffen. (Die Grazer scheinen eine besondere Beziehung zu diesem Ort zu haben.)

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Der spätere Paracelsus besuchte in Villach die Lateinschule.

Und da wäre dann noch, und nicht zuletzt, der menschliche Faktor. Die Tischgesellschaft im Kurhotel kommt per Zufallsgenerator zustande. Oder steht da doch ein kreativ arrangierender Geist dahinter (was vielleicht auf das Gleiche hinausläuft)? „Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist“, meinte Louis Pasteur. „Zufällig“ also repräsentierte unser Tisch einen schönen gesellschaftlichen und geografischen Querschnitt des heutigen Österreich, einschließlich Migrationshintergrund. Entsprechend vielseitig entwickelten sich die Gespräche, ob man die eine oder andere Ansicht nun teilte oder nicht. Die Menschenkenntnis, auf die man sich vielleicht etwas einbildet, wird jedenfalls auf die Probe gestellt. Und da erweist sich ein Urteil mitunter als vorschnell. Auch eine Lektion, die man von einer Kur mitnehmen kann.

Angesichts der Kosten des Kurwesens für unser Gesundheitssystem wird verständlicherweise über die Zukunft dieser Einrichtung diskutiert. Nach meiner Erfahrung ist die Kur, wie schon eingangs angemerkt, ihr Geld absolut wert (was eine höhere Eigenbeteiligung nicht ausschließen soll). Paracelsus ging von einem ganzheitlichen Menschenbild, der Einheit von Körper, Geist und Seele, aus – und wurde dafür nicht nur von etablierten Medizinern seiner Zeit als Kurpfuscher bekämpft. Eine Kur, die sich auch an seinen Prinzipien orientiert – und eine solche habe ich bewusst erlebt – ist jedenfalls alles andere als ein Pfusch.

Karl der Große starb übrigens sehr wahrscheinlich an Gicht – Folge seiner Vorliebe für gebratenes Fleisch. Alles ist Gift, wenn die Dosis nicht stimmt: Für ihn kamen Paracelsus‘ Einsichten um ein Dreivierteljahrtausend zu spät. Darauf kann sich heute niemand mehr ausreden. Schon gar nicht nach einer Kur.

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Bis zum nächsten Mal …. Nach ein par Tagen war der Novembersprudel des Maibachls wieder versiegt.                                                                                                  Fotos: Kirchengast

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Orbáns Ungarn-Mythos: das beste Argument für Europa

Nach den Vorstellungen von Premier Viktor Orbán soll Europa am ungarischen Wesen genesen. Damit liefert der Nationalpopulist das beste Argument für eine starke, solidarische EU.

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Von Partnern zu Kontrahenten: Viktor Orbán (re.) mit seinem damaligen polnischen Amtskollegen Donald Tusk, dem heutigen EU-Ratspräsidenten, bei einer Konferenz 2014 in Bratislava. Foto: Kirchengast

„Früher haben wir geglaubt, dass Europa unsere Zukunft ist. Heute spüren wir, dass wir die Zukunft Europas sind.“ An Selbstbewusstsein mangelt es dem ungarischen Premier Viktor Orbán nicht. In der Flüchtlingskrise hat er sich – und wurde – zum Gegenpol der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hochstilisiert, die ihrerseits unter wachsendem internen Druck die deutsche Flüchtlingspolitik deutlich den Vorstellungen Orbáns angenähert hat. In den jungen EUMitgliedsländern Mittel- und Südosteuropas ist Orbán schon fast so etwas wie ein Held, der es den großen alten EU-Staaten, allen voran Deutschland, zeigt. Auch Österreichs Kanzler Sebastian Kurz zeigt kaum verhüllte Sympathien für den Amtskollegen in Budapest.

Orbán seinerseits bedient sich ungeniert aus dem Bauchladen der ungarischen Geschichte. Wenn er die besondere historische und zukünftige Rolle der Magyaren beschwört, weiß er, dass dies bei vielen Landsleuten den Adrenalinspiegel hebt. Der Wiener Literat und Kabarettist Peter Hammerschlag (er kam 1942 im KZ Auschwitz um) hat diesen Einzigartigkeitsmythos in seiner Ungarischen Schöpfungsgeschichte unnachahmlich persifliert. Die folgende Strophe schildert die Ereignisse nach der Sintflut:

Wie Erde bissel trocken war, / hat angefangt zu reiten / Held Attila mit Hunnenschar, / um Kultur zu verbreiten. / Erst hat geschaffen Ungarland, / dann Rom, Athen és (= und) Kreta, / und alle Menschen, was bekannt, / sind nachgekommen späta.

Unter den historischen Legenden, auf die Orbán referiert, scheint zwar der Hunnenkönig nicht auf. Aber gleich hinter dem heiligen Stephan I. (von 1000 bis 1038 erster König des von ihm gegründeten Königreiches Ungarn) kommt Admiral Miklós Horthy (1868-1957). Er wird als Retter des Vaterlandes zelebriert, wobei seine problematischen Seiten weitgehend ausgeblendet bleiben. Horthy wurde im März 1920 von der ungarischen Nationalversammlung als „Reichsverweser“, also quasi Statthalter eines künftigen Königs, eingesetzt. Vorangegangen waren der Zusammenbruch der Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs und innenpolitisches Chaos in Ungarn mit der kurzzeitigen kommunistischen Räterepublik unter Béla Kun. Den Friedensvertrag von Trianon (Juni 1920) konnte der als Erlöser gerufene Horthy nicht verhindern. Mit diesem Friedensdiktat der Siegermächte verlor Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets. Die Revision des Vertrags, mit welchen Verbündeten auch immer, blieb Horthys oberstes Ziel bis zum Ende seiner Regentschaft. Trianon ist bis heute ein tief sitzendes Trauma im ungarischen Selbstverständnis.

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Ungarischer Ur-Vater: König Stephan auf einem alten 10.000-Forint-Schein.

Die französische Historikerin und profunde Mitteleuropa-Kennerin Catherine Horel hat 2014 eine bemerkenswerte Horthy-Biographie veröffentlicht, von der leider keine deutsche Ausgabe vorliegt (L’amiral Horthy – Régent de Hongrie, Perrin, Paris 2014). Horel beschreibt darin höchst kenntnisreich die widersprüchliche Persönlichkeit Horthys, seine Zerrissenheit und die Wirrnisse in der Zeit seiner Regentschaft bis 1944, als Hitlerdeutschland Ungarn besetzte. Vom Mythos des Vaterlandsretters bleibt nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr viel.

Horthy war ein Flügeladjutant von Kaiser Franz Joseph, den er uneingeschränkt bewunderte. Dessen Nachfolger Karl I. ernannte ihn im letzten Kriegsjahr, 1918, zum Oberkommandierenden der österreichisch-ungarischen Flotte. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie dankte Karl weder als österreichischer Kaiser noch als ungarischer König formell ab, sondern verzichtete nur auf die Ausübung der Staatsgeschäfte. In Ungarn war damit nicht nur für die erklärten Monarchisten die Legitimität für die spätere Ernennung Hortys zum königlichen Statthalter gegeben.

Horel stellt Horthy als einen wenig charismatischen, ideologisch nicht fixierten Gefangenen der Verhältnisse dar, der mehr reagierte, als aktiv in das Geschehen einzugreifen. Die unter dem wachsenden Druck der Rechten verabschiedeten antijüdischen Gesetze akzeptierte er ebenso wie die Vertreibung und damit Auslieferung von Juden durch die mit Hitlerdeutschland verbündeten ungarischen Truppen in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Erst nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen 1944 widersetzte er sich den Deportationen und trug damit zur Rettung Hunderttausender ungarischer, vor allem Budapester Juden bei. Das bewahrte ihn laut Horel davor, nach Kriegsende vor das Nürnberger Kriegsverbrechertriunal gestellt zu werden.

Horty versuchte die Pfeilkreuzler, die ungarische Spielart der Nationalsozialisten, von der Regierung fernzuhalten. Nach der Besetzung musste er aber unter dem Druck der Nazis eine Kollaborationsregierung ernennen. Die Deutschen hatten seinen Sohn entführt. Horthy selbst wurde dann mit seiner Familie bis Kriegsende auf einem Schloss in Bayern interniert. Horthy starb 1957 im portugiesischen Exil. 1993, zwei Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Truppen (das war Horthys testamentarisch verfügte Bedingung), wurden seine sterbliche Überreste in einem Mausoleum seines ungarischen Geburtsortes Kenderes beigesetzt.

Nach verbreiteter Ansicht, die auch Horel teilt, hing Horty bis zuletzt einem von den Magnaten beherrschten Ungarn nach und hatte kein Verständnis für die dramatischen gesellschaftlichen Umbrüche. Eine drastische Darstellung der tiefen sozialen Kluft und unvorstellbaren Armut im Ungarn der Zwischenkriegszeit aus „linker“ Sicht liefert János Székely (1901-1958) in seinem packenden Roman Verlockung. Székely flüchtete mit 18 zunächst nach Berlin und emigrierte 1938 in die USA, wo er sich als Drehbuchautor einen Namen machte. In der McCarthy-Ära wurde er politisch verfolgt. Nachdem er 1957 ein Angebot der DDR-Filmagentur DEFA in Ost-Berlin angenommen hatte, erlag er dort im Jahr darauf einer schweren Krankheit. Der autobiographisch gefärbte Roman Verlockung erschien posthum. Er schildert das Leben eines in ärmlichsten Verhältnissen auf dem Land aufwachsenden Buben, der sich seinen Weg durch alle persönlichen Krisen und Schicksalsschläge hindurch bahnt und in der Hauptstadt zwischen die Fronten der politischen Lager gerät – bis er schließlich über Wien emigriert.

In weiten Teilen der ungarischen Rechten waren Antisemitismus und Antikommunismus die ideologischen Klammern. Abgesehen davon gingen die Vorstellungen über die Zukunft des Landes teils weit auseinander. Zur künftigen geopolitischen Rolle Ungarns kursierten unter den Pfeilkreuzlern krause Ideen. Sie sahen die Magyaren als Verbündete, zugleich aber auch als Konkurrenten Hitlerdeutschlands bei der Schaffung eines neuen Europas – auch hier wieder der so typische innere Widerspruch. Ihre östliche Herkunft, so eine der Thesen, bestimme die Ungarn zu Anführern eines großen Reiches im Donau-Karpaten-Raum und damit zumindest gleichrangigen Partnern der Deutschen. Vorstellungen, wie sie einem Viktor Orbán nicht fremd zu sein scheinen.

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Königreich ohne König, Admiral ohne Flotte: Reichsverweser Miklós Horthy.

Horthy wiederum, erklärter Gegner der Pfeilkreuzler, symbolisiert mit all seinen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten, mit dem Gegensatz zwischen Anspruch und Möglichkeiten, nicht nur das Ungarn seiner Zeit, sondern in gewisser Weise auch das Magyarentum an sich. Bezeichnend für dessen absurde Dimension ist ein von Horel dokumentierter Dialog zwischen dem ungarischen Geschäftsträger in Washington und einem hohen Beamten des State Department kurz nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg:

Ist Ungarn eine Republik? – Nein, mein Herr, es ist ein Königreich. – Sie haben also einen König? – Nein, wir haben einen Admiral. – Sie haben also eine Flotte? – Nein, denn wir haben kein Meer. – Haben Sie Forderungen an wen auch immer? – Ja. – An die Vereinigten Staaten? – Nein. – An England? – Nein. – An Russland? – Nein. – An wen haben Sie dann Forderungen? – An Rumänien. – Sie werden also gegen Rumänien Krieg führen? – Nein, mein Herr, wird sind Verbündete.

Wenn Orbán „sein“ Ungarn als europäisches Vorzeigemodell darstellt und dabei kräftige Anleihen in der ungarischen Geschichte und bei Persönlichkeiten wie Horthy, aber auch im einstigen Rechtsaußen-Lager nimmt, dann liefert er damit unfreiwillig das beste Argument für eine starke, handlungsfähige Europäische Union. Denn wie anders als im Rahmen einer Solidargemeinschaft mit gelebtem Respekt vor gemeinsamen Werten und Regeln sowie unterschiedlichen Mentalitäten und mit fairer Verteilung der Lasten ließen sich Traumata und Obsessionen wie im Fall der vielleicht gar nicht so selbstbewussten Magyaren nachhaltig überwinden?

Umgekehrt müssen alle EU-Partner untereinander mehr Verständnis und Sensibilität entwickeln, damit sich jeder mit seinen Eigenheiten verstanden fühlt. Der Beschluss des Europaparlaments, ein Rechtsstaatsverfahren gegen Ungarn einzuleiten, war angesichts der autoritären Tendenzen der Orbán-Regierung sicher gerechtfertigt. Aber es wäre klug gewesen, zugleich zu betonen, dass man nicht die Ungarn als Volk auf die Anklagebank setzen wolle – was Orbán in seiner beleidigten Reaktion dann auch prompt unterstellte.

Wechselseitiges Verständnis unter den Nationen zu fördern, kann nur mit einem langfristig angelegten Kultur- und Bildungsprogramm gelingen. Das von der EU-Kommission ins Leben gerufene Europäische Solidaritätskorps ist ein sehr guter Ansatz. Es ermöglicht es jungen EU-Bürgern, sich in anderen Mitgliedsländern sozial zu engagieren, und findet bereits großen Widerhall. Das kann aber nur Teil eines breiten Prozesses sein, der die ganze Gesellschaft einbezieht. Nicht nur, aber besonders deutlich am Beispiel Ungarn zeigt die multiple EU-Krise, dass das europäische Projekt zu wertvoll und einzigartig ist, als dass man es allein den Politikern überlassen dürfte.

 

Was ein Mann tun muss

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Eine These ….
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….. und ihre Bestätigung.

Was einem im Sommerloch so alles unterkommen kann…

Fotos: Helga/Josef Kirchengast

Die Autonome Republik Petersdorf oder Vom Glück, ein Dörfler zu sein

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Als die Getreideernte noch reine Handarbeit war.

Fällt dir da nicht manchmal die Decke auf den Kopf? Ein lieber Freund hat mich das jüngst gefragt. Er meinte unser Domizil auf der Huabn, irgendwo im Nirgendwo. Ob wir uns da nicht verloren vorkämen? Ich konnte ihn beruhigen. Denn abgesehen von dem erstaunlichen kulturellen Angebot der Großgemeinde Feldbach, das den Vergleich mit weit größeren Städten absolut nicht zu scheuen braucht, abgesehen auch von unserem familiären Stützpunkt in Wien fühlen wir uns in unserem Nirgendwo pudelwohl.

Dieses Nirgendwo heißt Petersdorf und ist ein Ortsteil von Mühldorf, das seinerseits in die „Neue Stadt Feldbach“ eingemeindet wurde. Schon vorher erwarben sich die Petersdorfer den halb spöttischen, halb anerkennenden Beinamen einer „Autonomen Republik“. Das hat möglicherweise mit Eigensinn, sicher aber mit einer ganz starken Dorfgemeinschaft zu tun. Die wird von Jung und Alt getragen – und gelebt.

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Der Göpel, eine von Tier- oder Menschenkraft bewegte Antriebsmaschine, erleichterte die Arbeit.

Jüngstes Beispiel dafür war das Petersdorfer Dreschfest. Dabei wurden alte Arbeitstechniken und Maschinen für die Getreideernte vorgeführt, von der Handmahd bis zu den ersten Mähdreschern. Die Maschinen gehören Petersdorfern, die sich ihr Hobby viel Geld und vor allem Zeit kosten lassen. Einige Geräte wurden an weit entfernten Orten, teilweise sogar im Ausland, aufgespürt, gekauft und, falls nötig, wieder betriebstauglich gemacht. Das könnte man als persönliche Liebhaberei einstufen. Es ist aber weit mehr, weil praktizierter Gemeinschaftsgeist dahinter steht.

An Vorbereitung und Durchführung des Festes war praktisch das ganze Dorf beteiligt. Wir – Helga und ich – fühlten uns geehrt, den Prospekt gestalten zu dürfen, der an die Besucher verteilt wurde. Darin werden die Maschinen mit Bild und technischen Daten vorgestellt. Die Einleitung verweist auf den Zweck des Unternehmens: die Mühe und den Erfindergeist der Menschen von damals zu würdigen.

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Ein Bindemäher Baujahr 1957 mit klassischer Steyr-Zugmaschine.

Es wurde ein voller Erfolg. Prachtwetter lohnte die Mühe aller Beteiligten. Die zahlreichen Gäste durften sich glücklich schätzen, etwas Besonderes zu erleben. Dazu gehörte auch eine geradezu professionelle Bewirtung. Kinder und Erwachsene waren mit gleicher Begeisterung dabei. Frauen hatten kostenlos hausgemachte Mehlspeisen beigesteuert, die renommierten Konditoreien alle Ehre machen würden. Die gute Stimmung trug das Fest bis in den frühen Morgen. Über eine Neuauflage in ein paar Jahren wird schon nachgedacht. Und wer die Petersdorfer kennt, kann sicher sein, dass es nicht beim Nachdenken bleibt.

Es ist eine banale Erkenntnis: Gemeinschaft lebt von persönlichem Einsatz. Am Anfang sind es meist nur ganz wenige, die „etwas tun“. Aber das Petersdorfer Beispiel zeigt, was diese Wenigen bewirken können. Stellvertretend für alle sei hier einer genannt: Alois Eibl, „der Luis“, Initiator des Dreschfestes und unermüdlicher Obmann des Vereines Dorfgemeinschaft Petersdorf, dem alle Bewohner automatisch angehören. Manche wissen vielleicht gar nichts davon. Wie wir – bis uns das Engagement von Luis und seinen Freunden zu stolzen Bürgern der Autonomen Republik Petersdorf machte.

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Nach getaner Arbeit: Dorfgemeinschaftsmotor Alois Eibl (li.) und ein Teil des großen Teams.  Rechts Feldbachs Bürgermeister Josef Ober, der sogar seinen Urlaub unterbrach, um der Autonomen Republik Petersdorf seine Aufwartung zu machen. Fotos: Kirchengast

Mutiger Blick zurück in die Zukunft

Am Beispiel des Gedenkjahres 2018 in der sogenannten Provinz: Wie man sich der Vergangenheit vorwärtsgerichtet stellt.

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Verdichtete Zeitgeschichte in Feldbach: Bertha-von-Suttner-Platz, dahinter der Ersatz für den von SS-Einheiten gesprengten alten Kirchturm.

Im Umkreis von nur drei Kilometer von unserer Huabn im südoststeirischen Mühldorf (Gemeinde Feldbach) lässt sich Zeitgeschichte verdichtet erfahren. In den letzten Kriegstagen war das Gelände Frontgebiet. Ein paar Meter oberhalb des Wohnhauses der kleinen Landwirtschaft wurde ein gefallener russischer Soldat verscharrt. Später wurde der Leichnam exhumiert und auf dem Mühldorfer Soldatenfriedhof bestattet.

Dort liegen auch unzählige russische Kriegsgefangene der Jahre 1914-18. Praktisch angrenzend an das heutige Friedhofsgelände erstreckte sich eines der größten Gefangenenlager der Habsburgermonarchie. Zeitweise waren dort bis zu 45.000 Kriegsgefangene untergebracht, die meisten von ihnen Russen.

Zugleich spiegelt der Friedhof auch einen Konflikt wider, der bis in die Gegenwart reicht. Am unteren Ende des Gräberfeldes erinnert ein Denkmal an ukrainische Soldaten, die bei den Kämpfen im April 1945 im Feldbacher Frontgebiet fielen – auf deutscher Seite. Es handelte sich um eine ukrainische SS-Einheit, die Feldbach für kurze Zeit von der Sowjetarmee zurückeroberte. Das wird auf den Gedenksteinen nicht erwähnt. Sie enthalten nur die Namen und Daten der Gefallen, in lateinischer und in cyrillischer Schrift. Jüngst wurde der Stein von Unbekannten mit einem Band in den ukrainischen Nationalfarben geschmückt. Dass unter den namenlosen Rotarmisten, die ebenfalls auf dem Friedhof ruhen, auch solche ukrainischer Nationalität sind, ist anzunehmen. Teile der Westukraine gehörten bis 1918 zu Österreich-Ungarn. Heute stehen Teile der Ostukraine unter russischer Kontrolle, die Krim wurde von Russland annektiert. Die russische Propaganda stellt die legitime ukrainische Regierung in eine Reihe mit den einstigen Kollaborateuren Hitlerdeutschlands.

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Denkmal für die im Raum Feldbach gefallenen Angehörigen der ukrainischen SS-Division auf dem Mühldorfer Soldatenfriedhof.

Das ist berechnende Polemik. Aber ukrainische Nazi-Verbündete gab es. Die in Feldbach eingesetzte SS-Division ist ein Beispiel dafür. Auf zwei quasi offiziellen Denkmälern wird der Gefallenen dieser Einheit gedacht: auf einer 1954 in der Gedenkkirche der Stadtpfarre angebrachten Tafel und auf einem 1981 auf dem Feldbacher Tabor nahe der Pfarrkirche aufgestellten Gedenkstein. Im Gegensatz zum Stein auf dem Soldatenfriedhof trugen die beiden anderen Denkmäler bis vor kurzem das Symbol der SS-Einheit: zwei Löwen, die von den Angehörigen der Division als Kokarde auf der Kappe und als Abzeichen am Uniformrock getragen wurden. Nach einer Anzeige im Oktober 2016 wurden die Löwen vor rund einem halben Jahr aus den beiden Denkmälern herausgeschliffen. Ein „Kompromiss“, wie es hieß, damit die Denkmäler an ihren Plätzen bleiben konnten.

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Der Anfang….

Dass die ukrainische Division vor ihrem Einsatz in Feldbach an Massakern an Juden und Roma beteiligt war, gilt als erwiesen. Warum hat sich Kritik an den Denkmälern erst so spät geregt? Das hat vermutlich auch mit dem weiter nachwirkenden Trauma der zwar kurzen, aber folgenschweren Sowjetbesatzung nach Kriegsende zu tun. Noch immer wird nur hinter vorgehaltener Hand von den Kindern gesprochen, die von vergewaltigten Frauen zur Welt gebracht wurden und in unterschiedlichen Verhältnissen aufwuchsen. Man begegnet den inzwischen schon etwas Betagten mit Respekt – aber das Thema bleibt tabu. So wie die Hitlerbegeisterung eines Großteils der Bevölkerung bis zum Schluss.

Es gibt aber auch Beispiele für Zivilcourage und Widerstand. Etwa den Feldbacher Arzt Anton Skorscheni. Er behandelte ungarische Juden, die von SS-Einheiten zum Stellungsbau eingesetzt und bei Fliegerangriffen verletzt wurden. Viele der etwa 150 jüdischen Zwangsarbeiter, die im Raum Feldbach ums Leben kamen, wurden am 25. März 1945 auf dem sogenannten Russenfriedhof am Fuße des Steinbergs in Mühldorf erschosssen und verscharrt. Nur 29 der Opfer sind namentlich bekannt. Ihnen wird in dem Buch Projekt Hainfeld (Hg. Wolfram Dornik, Rudolf Grasmug, Peter Wiesflecker, Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2010) ein papierenes Denkmal gesetzt. In den Erhebungen zur Judenerschießung in Mühldorf sagte Skorscheni nach dem Krieg aus: „Nach dem Fliegerangriff kamen etwa 14 bis 16 Juden mit mehr oder weniger schweren Verletzungen in meine Wohnung und baten, verbunden zu werden. (…) Ich hatte noch zwei Juden in meiner Ordination, als zwei SS-Männer … in meine Wohnung kamen und mich zur Rede stellten, warum ich trotz Befehl des ,Führers‘ diese Juden verbände … Ich antwortete, dass für mich als Arzt nur mein Promotionseid maßgebend sei, bei dem ich geschworen hatte, allen kranken und verwundeten Menschen zu helfen. Ich verband die beiden Juden trotz des Protests dieser zwei SS-Leute fertig …“ (Zitiert aus Projekt Hainfeld.)

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… und das Ende: Schild des sowjetischen Besatzungskommandos.

Der moderne Feldbacher Kirchturm, der nach einer Generalsanierung mit frischen Farben in den Himmel ragt, ist auch eine Art Mahnmal – was vielen vor allem jüngeren Einwohnern nicht bewusst sein dürfte. Als die Front näherrückte, sprengten SS-Leute den Turm der Pfarrkirche, um der russischen Artillerie den markanten Zielpunkt zu nehmen. Im Keller des Tabor-Museums am Fuße des neuen Turmes sind die Ereignisse jener Zeit im Detail dokumentiert, seit kurzem akustisch ergänzt durch die Stimme einer 91-jährigen Zeitzeugin, die vom Heulen der Stalinorgeln berichtet. Auf einem Bauzaun zwischen Museum und Kirchturm steht: „Immer noch gibt es sie, jene Menschen, die auf ihren Äckern mit eisernen Kanonen pflügen, bleierne Kugeln säen und sich wundern, wenn darauf wieder nur eiserne Kreuze stehen.“ Das Transparent deckt – wohl nicht zufällig – das inzwischen entschärfte Denkmal für die ukrainische SS-Einheit ab.

Beide, Transparent und Kriegserzählung, sind Teil der Ausstellung „Inverting Battlefields“ (etwa: Schlachtfelder wenden). Sie wurde von der Stadtgemeinde Feldbach zusammen mit dem Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark und dem Grazer Verein Xenos organisiert. Zehn Künstlerinnen und Künstler, die aus Österreich, Kroatien, Montenegro, Serbien, Slowenien, Iran und Venezuela stammen, befassen sich an verschiedenen, teils „belasteten“ Orten mit der Vergangenheit – vorwärtsgerichtet. Es gehe darum, „positive Gedanken in Richtung einer grenzenlosen Zukunft“ zu setzen, sagt der Feldbacher Kulturreferent Michael Mehsner. Ein wahrhaft mutiges Unterfangen in einer Zeit, da das Dichtmachen von Grenzen wieder aktuell ist.

Weitere Beispiele für die von den Veranstaltern beschworenen „Zeichen der Hoffnung“: ein großes Auge im Springbrunnen auf dem Hauptplatz; vergoldete Baumwurzeln auf dem Soldatenfriedhof; der Aufruf „Nieder die Waffen!“ der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner auf dem nach ihr benannten Platz gegenüber der Kirche, wo viele Schüler ankommen und abfahren; der Briefwechsel zwischen einem deutschen Frontsoldaten und einer ihm persönlich unbekannten jungen Frau in der Heimat, dem auf einem alten Geschäftsportal der SMS-Austausch zwischen einem durch Krieg und Flucht getrennten Paar von heute gegenübergestellt wird.

Ob diese – im positiven Sinn – pervertierten Schlachtfelder über eine interessierte Minderheit hinaus breitere Resonanz finden und wenn, in welche Richtung, wird sich zeigen. Allein das Zustandekommen der Ausstellung ist aber schon ein beachtliches Zeichen von Mut bei den politisch Verantwortlichen einer mit Geschichte geradezu überfrachteten Stadt in der sogenannten Provinz. Solchen Mut würde man sich auch von jenen ganz „oben“ wünschen, die in diesen Wochen und Monaten über die Zukunft des europäischen Friedensprojekts entscheiden.

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„Zeichen der Hoffnung“: Künstler und Organisatoren der Ausstellung „Inverting Battlefields“ beim „Auge“ auf dem Feldbacher Hauptplatz. Fotos: Kirchengast

Das Österreichische Hospiz in Jerusalem: ein gemütliches Geisterhaus

Das Österreichische Hospiz in Jerusalem wird gerade ausgebaut. In seiner wechselvollen Geschichte spiegelt sich das Spannungsfeld von Religion und Politik im Nahen Osten, das sich eben wieder gewaltsam zu entladen droht.

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Gegenüber dem eher unscheinbaren Eingang an der Via Dolorosa verdeutlicht ein Polizeiposten die latente Spannung.

Viertel vor Fünf ruft der Muezzin aus den Lautsprechern der gegenüberliegenden Moschee zum Morgengebet. Eine halbe Stunde später erklingen die ersten Gesänge christlicher Pilgergruppen von der Via Dolorosa herauf. Wer im Österreichischen Hospiz in Jerusalem bei offenem Fenster schläft, sollte zeitig zu Bett gehen, um ausgeruht zu erwachen.

Mit der jüngsten Eskalation zwischen Israel und Iran, unmittelbar nachdem US-Präsident Donald Trump vom Atomdeal mit Teheran abrückte, ist die Gefahr eines neuen Nahostkriegs dramatisch gestiegen. Eine bittere Ironie der Geschichte: Genau zum 70-Jahr-Jubiläum des Staates Israel erhalten die Existenzängste seiner Bürger neue Nahrung – und werden wohl auch politisch instrumentalisiert.

In solchen Situationen, die den meisten Israelis alles andere als fremd sind, verringert sich der Touristenstrom ins Heilige Land, wie die Christen es nennen, erfahrungsgemäß deutlich. In relativ normalen Zeiten – wenn davon in dieser Region überhaupt die Rede sein kann – ist es ziemlich schwer, im Hospiz unterzukommen. Die Herberge, vor rund 150 Jahren auf Initiative des damaligen Wiener Erzbischofs Joseph Othmar von Rauscher erbaut und 1863 als Pilgerhaus eröffnet, erfreut sich vor allem im deutschsprachigen Raum großer Beliebtheit. Rund die Hälfte der Gäste kommt aus Deutschland, dahinter folgen die Österreicher und Bürger anderer EU-Länder. Ob jemand als Pilger oder „nur“ als Tourist kommt, spielt bei der Buchung keine Rolle.

Unter dem Namen „Casa Austria“ läuft derzeit ein groß angelegtes Ausbauprojekt, das zu einem Teil mit privaten Spenden finanziert und auch von der Bundesregierung unterstützt wird. An der felsigen Hinterseite des Areals entstehen neue Gästezimmer. In diesem Herbst soll der Probebetrieb, im folgenden Frühjahr der Vollbetrieb aufgenommen werden. Dann folgt die Generalsanierung des Haupthauses, mit neuem Speisesaal und Erneuerung der Versorgungsleitungen und Sanitäranlagen. „Unter Berücksichtigung des Orient-Faktors“ rechnet Rektor Markus Bugnyár mit der kompletten Fertigstellung für Frühjahr oder Sommer 2021.

Vorerst merken die Gäste von den Bauarbeiten wenig bis nichts. Die Atmosphäre von Ruhe und Geborgenheit, die das Haus ausstrahlt, bleibt unberührt. Im Erdgeschoß gibt es ein Wiener Café, in dem junge Freiwillige aus Österreich Schnitzel, Bretteljause und Apfelstrudel servieren. Nur der Hauswein kommt nicht aus der alten Heimat, sondern von einer Klosterkellerei in Bethlehem. Der liebevoll gepflegte Garten erscheint als eine perfekte Synthese von Orient und Okzident. „Es mag ja spießig sein“, meint ein deutscher Gast, den wir abends regelmäßig im Café antreffen. „Aber ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht: Nach einem langen Tag unterwegs in dieser Stadt mit ihrer Geschichte und all ihren Konflikten und Gegensätzen tut es einfach gut, nach Mitteleuropa zurückzukehren.“

Wir und unsere Freunde gestehen uns, ein wenig verschämt, ein, dass wir ähnlich empfinden. Wir haben darüber schon diskutiert. Ist da auch K.-u.-k.-Nostalgie im Spiel? Vielleicht. Das Hospiz wurde jedenfalls nicht nur als reines Pilgerhaus errichtet, sondern durchaus auch als Prestigeobjekt des österreichischen Herrscherhauses mit seinem Anspruch als oberster Beschützer der katholischen Christenheit. Es war auch ein Signal an die europäischen Großmächte, vor allem an das russische Zarenreich, das sich seinerseits als Schutzmacht der Christen im osmanischen Herrschaftsbereich sah. 1869, anlässlich der Eröffnung des Suezkanals, besuchte Kaiser Franz Joseph, der auch den Titel „König von Jerusalem“ trug, das Hospiz, offiziell als Pilger.

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Auf der Dachterrasse mit ihrem prächtigen Panorama flattern die Fahnen Österreichs und des Papstes – jene der EU nur zu besonderen Anlässen.

Von dem einstigen Anspruch zeugt heute noch die gelb-weiße Fahne des Papstes. Sie weht neben der österreichischen Flagge auf der Dachterrasse, die einen prachtvollen Rundblick über Jerusalem gewährt. Wenn schon Flaggen, warum dann nicht auch jene der Europäischen Union? Was wäre denn ein passenderes Signal an diesem Ort jahrtausendelanger gewaltsamer Konflikte als das Symbol eines historisch einzigartigen (wenn auch nicht krisenfreien) Friedensprojekts?

Bei einer späteren Begegnung in Wien sprechen wir den Hospiz-Chef darauf an. Zu besonderen Anlässen mit europäischem Bezug, etwa dem Europatag am 9. Mai, werde auch die EU-Flagge aufgezogen, sagt Bugnyár. Sie ständig zu hissen, könnte von bestimmten Kräften als Provokation aufgefasst werden, deutet der Rektor zugleich an. Unausgesprochen bleibt dabei die kritische Haltung der meisten EU-Staaten gegenüber der Palästinenserpolitik der gegenwärtigen israelischen Regierung, vor allem den Siedlungsbau betreffend.

Das Hospiz versteht sich nicht nur als Gäste- und Pilgerhaus, sondern auch als Begegnungsstätte. Dazu ist es schon allein mit seiner Lage an oder nahe den Schnittstellen der konfessionellen Viertel der Jerusalemer Altstadt prädestiniert. Laufend werden Ausstellungen zeitgenössischer jüdischer und arabischer Künstler gezeigt. Immer wieder gibt es Veranstaltungen, die der Verständigung dienen. Fast wirkt das Hospiz wie eine Insel der Ruhe und Gelassenheit inmitten dieses Meeres an – oftmals gezielt geschürten – Emotionen und Extremismen. Mit seiner wechselvollen Geschichte symbolisiert das Haus selbst die Gegensätze und Konflikte im Spannungsfeld von Religion und Politik – und zugleich die Sehnsucht nach Frieden.

Im Februar 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, wurde es von den Briten requiriert und zu einem anglikanischen Waisenhaus gemacht. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 war es zunächst einige Monate Internierungslager für Priester und Mönche aus dem Deutschen Reich in Palästina. Ab 1948 war es Lazarett unter britischer, dann unter Führung des Roten Kreuzes und wurde im Zuge des ersten Nahostkriegs im Oktober desselben Jahres von der jordanischen Regierung übernommen und weiter als Spital betrieben. 1951 starb der jordanische König Abdallah im Hospiz nach einem Schussattentat in der nahen Al-Aksa-Moschee. 1985 schließlich erfolgte die Rückgabe an den Erzbischof von Wien, 1988 wurde der Pilgerbetrieb wieder aufgenommen.

Macht, Prestige, Absolutheitsanspruch von Religionen – Verständigung, Ausgleich, tätige Nächstenliebe: das Hospiz steht für all das, für die Widersprüche und den Wunsch nach deren Überwindung. Es beherbergt die guten und weniger guten Geister der Geschichte. Diese ständig präsente Spannung in einer Atmosphäre der Ruhe und Unaufgeregtheit ist es, was die Faszination des Hauses ausmacht. So haben wir es zumindest empfunden.

Ein Refugium mitteleuropäischer Gemütlichkeit? Aber wann war Mitteleuropa, wo die blutigsten Konflikte der Menschheitsgeschichte ihren Anfang nahmen und wo heute wieder Nationalismus und Rassismus aufleben, jemals ein gemütlicher Ort? Ein Paradoxon – und insofern doch sehr passend für das auf gemütliche Art unbequeme Österreichische Hospiz in Jerusalem.

http://www.austrianhospice.com

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Sehnsucht nach Frieden: T-Shirt aus einem Souvenirshop nahe dem Hospiz. Fotos: Kirchengast

Heitere Gelassenheit

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Foto: Florian Kirchengast

Dieses Foto einer Löwendame hat unser Sohn Florian jüngst im Tiergarten Schönbrunn aufgenommen.

Mir fiel dazu ein:

Schönheit, Souveränität, Würde und – heitere Gelassenheit.

 

Mark Twains staunender Blick in den österreichischen Abgrund

Eine äußerst lohnende Lektüre zum vielschichtigen Gedenkjahr 2018:  Mark Twains Beobachtungen in der Habsburgermetropole Wien, als sich das Ende des Vielvölkerreiches bereits abzeichnete.

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„Es gibt einen moralischen Sinn, und es gibt einen unmoralischen Sinn. Der moralische Sinn lehrt uns, was Moral ist und wie man sie vermeidet; der unmoralische Sinn lehrt uns, was Unmoral ist und wie man sie genießt.“ Mit seinem bekannt sarkastischen Humor grüßte Mark Twain am 5. Oktober 1897 die Leser der Wiener Bilder. In typisch wienerischer Verniedlichung nannte das Blatt die im Faksimile abgedruckten Zeilen einen „smarten Aphorismus“.

Vor allem seine Romane Tom Sawyer und Huckleberry Finn, bis heute fester Bestandteil eines universellen Bildungskanons, hatten Twain zum literarischen Weltstar gemacht. Das bewahrte ihn freilich nicht vor der finanziellen Pleite. Um das Geld zur Begleichung seiner immensen Schulden aufzubringen, brach Samuel Langhorne Clemens, so sein bürgerlicher Name, 1891 zu einer Europareise auf, die bis 1900 dauern sollte. Mit Lesungen, Autogrammstunden und noch zu schreibenden Geschichten wollte Mark Twain die Mittel zur Befriedigung seiner Gläubiger aufbringen. Was ihm, in acht Jahren, auch gelang. Das Pseudonym Mark Twain bedeutet übrigens in altertümlichem Englisch „Zwei Faden“ (etwa vier Meter), jene Tiefe, bei der ein Fluss gefahrlos schiffbar ist. Vier Jahre hatte der junge Samuel Clemens selbst als Lotse auf dem Mississippi gearbeitet.

In Wien, wo er von September 1897 bis Mai 1899 lebte, traf Twain auf die Vorboten des Zusammenbruchs der Monarchie. Paradigmatisch dafür waren die Debatten im Reichsrat. Mit Staunen und anfänglichem Unverständnis registriert der Besucher aus der Neuen Welt das Gewirr von Sprachen und Nationalitäten, widerstrebende Interessen selbst innerhalb der einzelnen Parteien und eine sprachliche Verrohung in der parlamentarischen Debatte, die sogar in physische Gewalt ausartet – ein böses Omen.

Von der Pressetribüne aus verfolgt Twain die 30-stündige Reichsratssitzung vom 28. auf den 29. Oktober 1897. Die von den Deutschnationalen angeführte Opposition will die Sprachenverordnungen von Premier Badeni (Gleichstellung des Tschechischen im Behördenverkehr) zu Fall bringen, und zwar mittels Obstruktion gegen die alle zehn Jahre anstehende Erneuerung des österreichisch-ungarischen Ausgleichs. Der Abgeordnete Otto Lecher hält zu diesem Thema eine zwölfstündige, durchgehend sachbezogene Rede. Die beschert ihm dann auch Applaus der Gegner – und den Respekt des amerikanischen Chronisten.

Twain registriert zugleich einen über Parteien und Nationalitäten greifenden Antisemitismus. „Sie Jude, Sie“ ist eines der schlimmsten Schimpfwörter in der entgleisenden Debatte. Über Karl Lueger, den Wiener Bürgermeister und Meister des berechnenden Antisemitismus, der auch im Reichsrat sitzt, schreibt Twain, ihm werde nachgesagt, „ein feines Sensorium dafür zu haben, wie er seine politischen Segel setzen muss, um stets im günstigsten Wind zu fahren“.

Im österreichischen Residenz Verlag sind, herausgegeben von der Wiener Parlamentsdirektion, Twains Reportagen als Buch erschienen. Es enthält auch die englischen Originaltexte und zwei CDs, auf denen Hermann Beil die übersetzten Texte liest. Dazu kommen erhellende Beiträge zum Entstehen des Werkes, eine Biografie Twains, Betrachtungen im historischen Kontext (Situation der Presse, Geschichte des Parlamentarismus, Twains Reflexionen zum Antisemitismus) sowie biografische Angaben zu den im Text vorkommenden Politikern. Ein gerade in diesen Zeiten äußerst lesenswertes und zudem noch sehr ansprechend gestaltetes Werk – streckenweise von geradezu erschreckender Aktualität, wenn man nur an die Renaissance des Nationalismus und die neue Welle des Antisemitismus denkt.

Mark Twain – Reportagen aus dem Reichsrat 1898/1899. 176 Seiten, 2 CDs, € 25,-. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2017.

Journalistenmorde als Alarmzeichen

Zwei Morde an mutigen Journalisten in der EU innerhalb weniger Monate verdeutlichen die zunehmend schwierige Rolle freier Medien in einer der freiesten Gesellschaften. Die Verantwortlichen auf nationaler wie Unionsebene sind gefordert.

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Durchleuchtung der Machtstrukturen als unentbehrliche Aufgabe freier Medien. (Installation des japanischen Architekten Sou Fujimoto in Tirana.) Foto: Kirchengast

Kann man sich so etwas in Österreich vorstellen? Der Kulturminister tritt zurück, nachdem ein Journalist ermordet worden ist. Er könne nicht einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen – so begründete der slowakische Kulturminister Marek Mad’aric sinngemäß seinen Schritt nach dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak und dessen Verlobter. Ein äußerst rarer Fall von Zivilcourage und weit gefasster politischer Verantwortung.

Inzwischen sind auch zwei Vertraute des slowakischen Regierungschefs Robert Fico zurückgetreten, deren Namen im Zug der Recherchen Kuciaks gefallen waren. Ihnen werden Verbindungen zur kalabresischen Mafia ‚Ndrangheta nachgesagt. Kuciak hatte zuletzt zu vermutetem Steuerbetrug und Betrug mit EU-Subventionen in der Slowakei und einer mutmaßlichen Rolle der ‚Ndrangheta dabei recherchiert. Der Mord an ihm und seiner Partnerin trägt die Handschrift von Profikillern.

Ähnlich wie der Mord an der maltesischen Journalistin und Bloggerin Daphne Caruana Galizia. Sie wurde Mitte Oktober 2017 durch eine Autobombe getötet, nachdem sie über mutmaßliche Steuervermeidung in großem Stil unter Beteiligung der Regierung des EU-Landes berichtet hatte. In beiden Fällen versprachen die jeweiligen Regierungschefs in dramatischen Gesten, alles zur Aufklärung der Verbrechen zu tun. Fico ließ bei seinem Auftritt vor den Medien sogar die handlich gebündelte eine Million Euro präsentieren, die seine Regierung als Belohnung für zweckdienliche Hinweise auf die Täter ausgesetzt hat.

Zwei Morde an Enthüllungsjournalisten in der Europäischen Union innerhalb weniger Monate: ein Alarmzeichen, das die zunehmend schwierige Lage des unabhängigen Journalismus in einer der weltweit freiesten Gesellschaften verdeutlicht. Die Absicht der Auftraggeber ist offenkundig. Es soll ein Klima der Einschüchterung und der Angst erzeugt werden, in dem es immer weniger Journalistinnen und Journalisten wagen, vermuteten Missständen nachzugehen und darüber zu berichten. Und in dem es sich Medienbetreiber zwei Mal überlegen, solche Berichte zu veröffentlichen.

Auch wenn es keinen direkten Zusammenhang gibt: Dies alles findet in einem politischen und gesellschaftlichen Klima statt, in dem unabhängiger Journalismus zunehmend in die Defensive gerät. Einerseits durch – teils orchestrierte – Stimmungsmache in den sozialen Medien, Stichwort „Lügenpresse“. Andererseits durch systematische Angriffe führender Politiker und Regierungsvertreter auf Medien und deren Repräsentanten, Stichwort Fake News. Bekanntester Virtuose dieses Spiels: Donald Trump. Jüngstes Beispiel in Österreich: H.C. Straches als „Satire“ getarnte Attacke auf ORF-Moderator Armin Wolf.

In EU-Staaten wie Ungarn und Polen stehen regierungsunabhängige Medien schon seit längerem unter Druck. In ihnen sehen die jeweiligen nationalpopulistischen Führungen – nicht zu Unrecht – die Hauptfeinde ihrer Machtstrategie. Deren Ziel hat Ungarns Premier Viktor Orbán ganz offen als „illiberale Demokratie“ definiert. In der Tschechischen Republik haben öffentliche Attacken hoher und höchster politischer Repräsentanten unselige Tradition. Der jüngst wiedergewählte Staatspräsident Milos Zeman „scherzte“ im vergangenen Mai in Peking, als er mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin unterwegs zu einer Pressekonferenz war: „Es gibt zu viele Journalisten. Sie sollten liquidiert werden.“ Es ist zu befürchten, dass dies nicht wenige Menschen, und nicht nur in Zemans tschechischer Heimat, tatsächlich witzig fanden: Da ist einer, der es der präpotenten Journaille ungeniert hineinsagt.

Nun sind die Medien als vielzitierte „vierte Macht“ im Staat natürlich keineswegs sakrosankt. Den Anspruch von Kritik und Kontrolle, den sie gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen erheben und praktizieren, müssen sie auch gegenüber sich selbst gelten lassen. Und sie müssen Fehler, die auch bei sorgfältigster Arbeit passieren können, zugeben, korrigieren und sich dafür entschuldigen. Nur so bleiben sie glaubwürdig und widerstandsfähig gegen Knebelungsversuche jedweder Art. Und können ihre Rolle als kontrollierende Macht wirksam erfüllen.

Diese Rolle ist unentbehrlich für eine funktionierende Demokratie. Morde an mutigen Journalistinnen und Journalisten und Einschüchterungsversuche gegenüber kritischen Medien erfordern daher eine klare, starke öffentliche Antwort der politischen Verantwortungsträger, auf nationaler wie auf EU-Ebene. Die Position freier Medien und der Umgang der Mächtigen mit ihnen sind untrügliche Indikatoren für den Zustand der Demokratie. Der slowakische Kulturminister hat mit seinem Rücktritt ein Zeichen gesetzt. Diesem Zeichen müssen weitere folgen. Business as usual geht nicht mehr.