Reifeprüfung à la Doderer

Wann ist man reif? Und warum findet man das wahre Gesicht eines Menschen nicht immer vorne auf dem Kopf? Die Antworten auf diese Fragen sind zwei der 1340 Gründe – so viele Seiten zählt das Buch -, Heimito von Doderers Monumentalwerk Die Dämonen zu lesen.

P1110009 (3)Fünfzehn Jahre hat Heimito von Doderer an den Dämonen gearbeitet. Sie erschienen 1956, fünf Jahre nach der Strudlhofstiege, die der Schriftsteller nach eigenen Worten als „Rampe“ zu einem Hauptwerk konzipiert hatte. Auf mehr als 1300 Seiten entfaltet sich ein Panoptikum der Wiener Gesellschaft gegen Ende der 1920er Jahre, mit oft verblüffenden Verbindungen zwischen den sozialen Schichten und subtilen psychologischen Einblicken in menschliche Schicksale. Äußerlich läuft das Geschehen, wenn auch meist indirekt, auf den Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927 zu. Die wahre Bedeutung und zeitlose Relevanz liegt indes in Doderers so erhellenden wie amüsanten Erkundungen der menschlichen Seele – oder sollte man besser sagen: der österreichischen Seele.

Von Gustav Mahler stammt der Satz: „In Österreich wird ein jeder, was er nicht ist.“ Das ist die Gegenthese zu einer Erkenntnis des Iren Samuel Beckett (Warten auf Godot): „Man ahnt, was man hätte werden können, wenn man nicht hätte sein müssen, was man ist.“ Doderers Charaktere legen eine differenziertere Sichtweise nahe: Niemand entkommt seinem Schicksal – aber jeder hat es in der Hand, sein Schicksal zu steuern. Und wenn er dies tut, dann kann man das natürlich auch wieder Schicksal nennen. Schicksal der höheren Art sozusagen. Ein – vielleicht sehr österreichisches – Paradoxon.

Paradigmatisch dafür steht der Werdegang des Arbeiters Leonhard Kakabsa. Der Blick in das Schaufenster einer Buchhandlung weckt seinen Wissensdrang. Er beginnt Latein zu lernen, studiert und wird, durch eine zufällige Begegnung, Bibliothekar eines Adligen, mit dem Auftrag, dessen geerbte Sammlung zu sichten und zu katalogisieren. Zunächst lehnt Leonhard das Angebot ab, als eine Art Verrat an seiner Herkunft und seinem erlernten Handwerk. Doch der Prinz überzeugt ihn mit den Worten: „Sie haben nie gesagt: ,hätt‘ ich nur die Zeit dazu, würde ich studieren‘. Oh nein, keineswegs! Wer nichts von einer Änderung seiner Umstände abhängig macht, der wird auch von geänderten Umständen nicht abhängig werden.“

Nach Leonhards Zusage fügt Doderer in Klammern hinzu: „Der Autor erhebt sich hier, als Ehrenbezeigung vor seiner Figur, für einen Augenblick vom Schreibtische.“ Zwar gebrochen durch Selbstironie, zeigt er sich von seiner Schöpfung doch ergriffen.

Leonhard ist offenbar ein Alter ego Doderers. Er hat jene Reife erreicht, die der Autor auch sich selbst zubilligt, in der Person des Erzählers, des Sektionsrates Geyrenhoff. Das entscheidende Kriterium für Reife lässt er ganz am Anfang seinen Freund Kajetan von Schlaggenberg formulieren, einen eher schrägen Vogel (und offenbar ein weiteres Alter ego): „Reife besteht darin, daß einer nicht mehr auf sich selbst hereinfällt.“

Wer könnte das uneingeschränkt von sich sagen: dass er nicht mehr auf sich selbst, seine Befangenheiten, Obsessionen, Prägungen hereinfällt – oder sich ihrer zumindest voll bewusst ist?

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„Reife besteht darin, daß einer nicht mehr auf sich selbst hereinfällt“:  „Hahnenkampf“,  Gemälde  von Frans Snyders (1579 – 1657). (Museum im Kloster Brou, Bourg-en-Bresse) Foto: Kirchengast

Eine gewisse Reife erfordert es auch, das wahre Wesen Anderer zu erkennen. Auch dazu bietet Doderer höchst kreative Hilfestellung. Beispiel: „Ich erkannte damit, daß die Menschen ihr Gesicht an verschiedenen Stellen des Leibes angebracht haben, keineswegs alle an der Vorderseite des Kopfes. Diesen Körper da zum Beispiel mußte man unbedingt entschreiten, sich wegbegeben sehen, dann hatte man ihn erst überhaupt erblickt (eben ging er durch die Flügeltür hinaus), seine Kehrseite war also eigentlich die Front seines Wesens, mit rammenden, runden Schultern, wurstförmig wegbaumelnden Gliedern, Stiergenick, worin die künftigen Schwarten schon jetzt ihre Vorfältchen gruben . . . ja, das war ein Mann, der freilich alles von vornherein wußte. (…) Welch witzigen Vorteil genoß doch bei jeder neuen Bekanntschaft und Unterredung ein solcher Mensch, den man frühestens sehen konnte nach dem letzten gesprochenen Wort, wenn er bereits zum Gehen sich gewandt hatte, entschritt. . . .“

Hier erhebt sich der Autor dieser Zeilen, als Ehrenbezeigung vor dem Genius Doderer, vom Schreibtisch und beendet sein Elaborat.

 

 

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Schwarzes Loch und Gottes Schwerkraft

Der berühmte Astrophysiker Stephen Hawking war bekennender Atheist. Ein Universum erschaffe sich selber aus dem Nichts, meinte er. Ein mehr oder weniger eleganter Etikettenschwindel, scheint mir.

Vor rund einem Jahr, am 14. März 2018, hat der britische Astrophysiker Stephen Hawking das Zeitliche gesegnet. Trotz seiner schweren Nervenkrankheit wurde Hawking, entgegen den Prognosen der Ärzte, 76 Jahre alt. Das Zeitliche segnen – diese schöne alte Redewendung passt sehr gut für einen grenzgenialen wissenschaftlichen Grenzgänger. Sie besagt ja nichts anderes, als dass der Mensch mit seinem Tod in die Ewigkeit eingeht, also sich über Zeit und Raum hinwegsetzt. Unausgesprochen schwingt dabei der Glaube an ein höheres Wesen mit.

An ein solches aber glaubte Hawking nicht. Es brauche keinen Gott, um die Entstehung des Universums zu erklären, sagte er im Jahr 2010. In seinem kurz zuvor erschienenen Buch The Grand Design schrieb Hawking (zitiert in Wikipedia): „Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. …. Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt des Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.“

Bei allem Respekt vor der geistigen Kapazität Hawkings: Was ist spontane Schöpfung, wie erklärt sie sich? Hawking glaubt nicht an ein höheres Wesen zur Erklärung der Welt, aber er glaubt an „spontane Schöpfung“. Ist das nicht ein Etikettenschwindel – oder zumindest ein mehr oder weniger eleganter Versuch, als Wissenschafter einen Begriff wie Gott oder das Göttliche zu vermeiden?

Dabei ist ein Atheist ja nicht weniger gläubig als jemand, der an Gott glaubt: Er glaubt eben an das Nichts anstelle eines höheren Wesens oder wie man es nennen will. Wie aber erklärt er dann, dass aus dem Nichts Etwas wird? Das kann auch ein so gescheiter und beeindruckender Mensch wie Hawking nicht. Wenn er sagt, das Universum erschaffe sich selber aus dem Nichts, weil es das Gesetz der Schwerkraft gibt, dann darf man auch als Nichtwissenschafter fragen: Und woher ist dieses Gesetz gekommen, wodurch ist es entstanden, wer oder was hat es implementiert?

Kein Mensch kann diese Fragen beantworten. Wir wissen nicht, wir können nur rätseln oder glauben. Am ehrlichsten erscheint auf den ersten Blick somit der Agnostiker. Er sagt: Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen. Aber auch er muss sich der Frage stellen, warum der Mensch auf ein höheres Wesen zur Erklärung der Welt gekommen ist. Er könnte sich ja einfach mit dem Leben, wie es ist, zufrieden geben. Das kann er aber offensichtlich nicht, weil er weiß, dass dieses Leben untrennbar mit dem Tod verbunden ist. Und weil er sich mit dem Tod nicht abfinden kann, hat sich der Mensch Gott geschaffen, als Trost und Verheißung des ewigen Lebens, sagen die Atheisten.

Warum aber ist der Mensch ein selbstreflektierendes Wesen, das seine eigene Endlichkeit nicht hinnehmen will? Wir drehen uns im Kreis. Und der Kreis ist ein Symbol der Unendlichkeit. Beim jüngsten Literarisch-kulinarischen Abend auf unserer Huabn ging es um das Thema Gott und Mensch und die Schöpfung. Ein Gast warf unter Hinweis auf wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Entstehung des Universums die Frage auf, wie aus Energie Masse und aus Masse Leben und aus Leben Geist entstehen konnte – Geist, der wiederum sein eigenes Entstehen hinterfragt. Ja, wie ist das zu erklären?

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Simuliertes Schwarzes Loch von 10 Sonnenmassen aus 600 km Abstand gesehen.         Simulation: Ute Kraus, Universität Hildesheim, Tempolimit Lichtgeschwindigkeit (Milchstraßenpanorama im Hintergrund: Axel Mellinger).

Stephen Hawking hat sich ganz intensiv mit dem Phänomen des Schwarzen Lochs befasst, das nach wie vor Rätsel aufgibt. Ein gewaltiger Energie-Sauger, aus dem auf unerklärliche Weise wieder Neues entsteht. Hawkings Thesen zum Schwarzen Loch und dessen Wirkungsweise sind unter Kollegen umstritten, so wie jede andere These zur Entstehung des Universums umstritten war und sein wird.

Wiederum bei allem Respekt: Hilfreicher als die Wissenschaft scheint mir die Kunst bei dem Versuch, die Schöpfung zu begreifen. Und beim Stichwort Schwarzes Loch fällt mir – wieder einmal – Rilke ein. Aus seinem Stundenbuch – Vom mönchischen Leben:

Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgendeinen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.
Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte –
Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.
Ich glaube an Nächte.

Dass Rilke sich mit dem Phänomen Schwarzes Loch befasst hat, ist ziemlich unwahrscheinlich. (Der Begriff als solcher existiert erst seit 1967, das Phänomen wird aber schon seit mehr als 200 Jahren wissenschaftlich diskutiert.) Seine Verse machen die Erscheinung mir persönlich aber zugänglicher als jede wissenschaftliche Theorie.

Beinahe noch unheimlicher erscheint in diesem Kontext die Erzählung Der Tunnel von Friedrich Dürrenmatt. Sie handelt von einem Zug, der auf bekannter Strecke wie immer in einen kurzen Tunnel einfährt. Diesmal aber nimmt der Tunnel kein Ende, der Zug wird immer schneller. Der Lokführer ist schon abgesprungen, der Zuführer aber bleibt, weil er „schon immer ohne Hoffnung gelebt“ habe. Am Ende sieht die Hauptperson, ein 24-jähriger Student, dem Kommenden unerschrocken ins Auge, mit den Worten: „Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.“

Das klingt unheilsschwanger. Man kann es aber auch als Trost verstehen – ob man nun an Gott glaubt, an die Dunkelheit oder an das Gesetz der Schwerkraft.

Wie wir unsere Bauern zu Tode essen

Das Bauernsterben war schon vor 150 Jahren ein Thema. Das Beispiel des Vorarlberger Schriftstellers und Reformers Franz Michael Felder zeigt, dass und wie man etwas dagegen tun kann.

Jeden Tag geben durchschnittlich sechs Bauern auf. 2007 gab es in Österreich laut Statistik Austria noch 187.000 land- und forstwirtschaftliche Betriebe, 2016 nur noch 162.000, ein Minus von 25.000 in zehn Jahren. Die meisten der stillgelegten Höfe sind Klein- oder Mittelbetriebe. Ihre Besitzer resignieren zum überwiegenden Teil, weil die Mühe in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag steht, sprich: weil sie von ihrer harten Arbeit nicht mehr einigermaßen angemessen leben können.

Hauptursache sind die niedrigen Erzeugerpreise, die vom Handel diktiert werden. Der gnadenlose Wettbewerb unter den wenigen verbliebenen Handelsketten erzeugt ein Preisdumping, bei dem die kleineren Produzenten auf der Strecke bleiben. Die Folge: immer mehr Lebensmittel aus industrieller Erzeugung, immer weniger bäuerliche Landwirtschaft. Gleichzeitig schmücken sich die großen Vermarkter mit dem regionalen und Bio-Mascherl und stellen sich damit als Beschützer der Bauern dar. Sie wissen, dass das bei den Konsumenten gut ankommt.

Das Bauernsterben ist nicht neu. Peter Rosegger (1843 – 1918) hat es in seinen Werken thematisiert, am eindringlichsten wohl in seinem großen Roman Jakob der Letzte, der ihn zum Anwärter auf den Literaturnobelpreis machte. Schon damals war es etwa die Billigkonkurrenz aus großflächigem Getreideanbau mit teils mechanisierter Ernte, die den Landwirten in den Alpengebieten schwer zusetzte, wo Topografie und Klima die Bewirtschaftung erschwerten. Dazu kamen verlockende Arbeitsplatzangebote mit sicherem Einkommen in der expandierenden Industrie der Mur-Mürz-Furche.

Peter Rosegger wurde als Schriftsteller weit über sein Wirkungsgebiet hinaus bekannt. Einen Heimatdichter im engeren Sinn kann ihn nur nennen, wer seine Werke nicht genau gelesen hat. Weniger, im restlichen Österreich fast gar nicht bekannt ist ein Autor, den man als Roseggers Vorarlberger Pendant bezeichnen könnte: Franz Michael Felder. Dass die beiden einander persönlich gekannt haben, ist nicht verbürgt. Dabei gibt es einige Parallelen: beide stammen aus kleinbäuerlichen Familien, beide schöpften sowohl ihre literarische Inspiration als auch ihr sozialpolitisches Engagement aus ihrer engeren Umgebung.

Felder, 1839 in Schoppernau im hinteren Bregenzerwald geboren, starb nicht einmal 30-jährig im Jahr 1869. Außerhalb Vorarlbergs war er nur Literaturliebhabern ein Begriff. Rosegger, 1843 in Alpl bei Krieglach geboren, starb knapp 75-jährig im Jahr 1918 als hochangesehener Schriftsteller. Im Gegensatz zum Bekanntheitsgrad scheint es eher gerechtfertigt, in Rosegger einen „steirischen Felder“ zu sehen, als in Felder einen „Vorarlberger Rosegger“. Und das sowohl mit Blick auf die literarische Qualität, als auch, vor allem, auf die sozialpolitische Wirkung.

Was seine Sprachgewalt betrifft, so war Felder mehr als ein Naturtalent. Davon zeugen seine drei Romane und die Autobiografie Aus meinem Leben. Letztere schrieb er in den sieben Monaten, die ihm als Lebenszeit nach dem Tod seiner über alles geliebten Frau Nanni blieben. Die Romane, darunter Reich und Arm als bekanntester, haben einen stark sozialkritischen Grundton und sind zugleich von großer Liebe zu seiner Heimat getragen. Das Verständnis dafür, warum die Menschen so sind, wie sie sind, hindert Felder nicht daran, die Verhältnisse anzuprangern.

Er ließ es nicht beim Schreiben bewenden, sondern stieß Reformen an. So gründete er den „Käsehandlungsverein“, eine Art Absatzgenossenschaft der Milchbauern. Damit wurde das Monopol der Großhändler, der berüchtigten „Käsegrafen“, gebrochen. Sie gewährten den Bauern Kredite, die dann mit den Milchlieferungen abgestottert werden mussten. Da die Käsegrafen den Abnahmepreis niedrig hielten, hatten die Bauern keine Chance, aus der Abhängigkeit zu entkommen. Mit dem Käsehandlungsverein bekamen sie eine Alternative.

Trotz des Erfolgs seiner politischen Initiativen war Felders Ruhm als Schriftsteller zu seinen Lebzeiten größer als sein Ansehen als Sozialreformer. Der Leipziger Germanistenverein nahm ihn als Ehrenmitglied auf, auch wegen der Materialien, die er zum Grimmschen Wörterbuch beisteuerte.

Wenn heute aber all jene, die von dem „Vorarlberger Rosegger“ noch nichts gehört und gelesen haben, wohl aber von der Bregenzerwälder Käsestraße als einem kulinarischen und touristischen Erfolgsprojekt ersten Ranges – und dieses vielleicht auch selbst kennen und schätzen -, dann genießen sie die späten Früchte des Felderschen Engagements. Mit ihren rund 20 Molkereigenossenschaften haben sich die Milchbauern dem Druck der Großen widersetzt und ihre Existenz gesichert. Dort wird Käse in höchster Qualität erzeugt, vermutlich der einzige, der im internationalen kulinarischen Premiumsegment konkurrenzfähig ist.

Das Beispiel zeigt, dass Industrialisierung der Landwirtschaft und Bauernsterben keine Naturgesetze sind. Man kann etwas dagegen tun, zum Nutzen von Produzenten wie von Konsumenten. Die Konsumenten sind es, die über die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft entscheiden. In Südkorea haben sich Verbrauchergenossenschaften gebildet, die Biobauern trotz enormen Drucks der Agrarkonzerne das Überleben sichern. Sie zahlen für die Produkte einen Preis, der von Erzeugern und Konsumenten gemeinsam festgelegt wird und je nach Ernte höher oder niedriger ausfällt. Den Bauern ist somit die Existenzangst genommen, die Konsumenten erhalten hochwertige, gesunde Lebensmittel. Sie müssen nicht nehmen, was ihnen die Nahrungsmittelriesen in den Supermärkten vorsetzen.

Und das wird bald einmal das einzige Angebot sein, unter dem wir alle „wählen“ dürfen, wenn sich der Trend nicht umkehrt. Der Felder Franzmichel, wie er in seinem Dorf gerufen wurde, würde heute wahrscheinlich eine Verbrauchergenossenschaft gründen. Und „seine“ Käsebauern wären die Letzten, die etwas dagegen hätten.

Abbildungen:                                                                                                                                   Peter Rosegger: Porträt in der „Gartenlaube“, 1888;                                     Franz Michael Felder: Porträt von Wilhelm Hecht, um 1865.

„Es war nicht so gemeint“: Tat durch Sprache

Die Sprache lässt sich alles gefallen. Deshalb darf man man sie nach Belieben gebrauchen und missbrauchen. Darf man? Nur um den Preis einer nachhaltigen Erschütterung des gesellschaftlichen Grundkonsenses.

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„Turmbau zu Babel“ (Pieter Bruegel d. Ä., Kunsthistorisches Museum Wien): Sprachverwirrung als Strafe für menschliche Hybris. Foto: Kirchengast

Man sagt etwas, ohne viel nachgedacht zu haben. Man sagt etwas und hat sich jedes einzelne Wort genau überlegt. Kommt dann die – unerwartete oder genau kalkulierte – heftige Reaktion, lautet die Anwort: Es war ja nicht so gemeint. Das eine Mal ehrlich, das andere Mal verlogen. Im Fall des Vorrangs der Politik vor dem Recht, den Herbert Kickl postuliert hat, überwiegt letztere Vermutung. Sonst müsste man dem Innenminister einen stark unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten unterstellen.

Auch im Fall der Fake News, die Donald Trump regelmäßig in die Welt setzt, ist die berechnende Absicht klar. Der Mann weiß um die Wirkmächtigkeit des Wortes. Er benutzt sie skrupellos und nimmt dafür eine weitere Spaltung der amerikanischen Gesellschaft in Kauf. In seiner Rede zur Lage der Nation vor dem US-Kongress am 5. Februar hat sich der Präsident nun überraschend gemäßigt gegeben. Man wird sehen, ob das mehr als taktisches Kalkül ist, um die Demokraten für sein Mauerprojekt zu gewinnen.

Die Frage, was Sprache bedeutet und bewirkt, bewegt die Menschen, seit sie sprechen können. Die babylonische Sprachverwirrung aus der Bibel kann als eine der eindringlichsten Warnungen vor gestörter zwischenmenschlicher Kommunikation gelten. Gott bestraft die Menschen für ihre Hybris, ihm mittels des Turmbaus zu Babel gleich werden zu wollen: Sie verstehen einander plötzlich nicht mehr und müssen ihr Vorhaben aufgeben. Ihre unterschiedlichen Sprachen zwingen sie, sich über alle Welt zu zerstreuen. Es gibt keinen allen verständlichen und einsichtigen Grundkonsens mehr darüber, was den Menschen und sein Tun ausmacht.

Der chinesische Philosoph, Sozialpolitiker und Staatsmann Konfuzius (eigentlich Kung-fu-tse, geb. 552 v. Chr.) sagte auf die Frage, womit er beginnen würde, wenn er ein Land zu verwalten hätte: „Ich würde damit beginnen, den Sprachgebrauch zu verbessern. Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist; ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiß die Nation nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten. Das ist es, worauf alles ankommt.“

Rund zweitausend Jahre später schrieb der französische Philosoph Michel de Montaigne in seinen Essais: „Da wir uns miteinander nur durch das Wort zu verständigen vermögen, verrät, wer es fälscht, die menschliche Gemeinschaft. Es ist das einzige Mittel, durch das wir unseren Willen und unsere Gedanken austauschen, es ist der Mittler unserer Seele: Wenn wir es verlieren, so haben wir keinen Zusammenhang und keine Kenntnis mehr voneinander. Wenn es uns betrügt, so zerstört es unseren Umgang und zerreißt alle Bande unserer Gesellschaft.“

Internet und soziale Medien haben dem Missbrauch der Sprache fast unbegrenzte Möglichkeiten verschafft. Zugleich aber auch jedem Einzelnen die Gelegenheit gegeben, dagegen aufzutreten. Es geht nicht um Sprachpolizei, wohl aber um Sorgfalt in der Wahl der Wörter und Ausdrücke, die man selber verwendet. Und um Hellhörigkeit, wenn wieder einmal vermeintlich große Worte gesprochen werden.

Dazu der deutsche Kabarettist und Historiker Thomas Reis: „Am Anfang war das Wort, dann kam die Hülse und kurz danach kam die Rede zur Lage der Nation.“

Liebe Briten, ändert euch, aber bleibt, was ihr seid

Wie kann eine Nation, die es gewohnt ist, diszipliniert und gelassen Schlange zu stehen, in ein solches Schlamassel schlittern? Oder sind die Briten gar nicht so cool und deckt das Brexit-Debakel nur ihre inneren Widersprüche auf?

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Verwirrende Brexit-Perspektiven: Millenniumbridge in London als Sinnbild.

Wenn zum Auftakt der Tory-Parteitage „Land of Hope and Glory“ aus der berühmten Marsch-Serie „Pomp and Circumstance“ von Edward Elgar erklingt, lebt das alte Empire wieder auf. Auch Außenstehende können sich diesem Zauber schwer entziehen. Zumal, wenn sie prägende Jugenderfahrungen mit dem British way of life gemacht haben.

So wie ich. Unsere erste Fremdsprache im Gymnasium war Französisch und machte Frankreich zum gelobten Land. Englisch kam erst ab der fünften Klasse. Aber zwei mehrwöchige Aufenthalte in England, einmal als Austauschschüler in einem College im Südwesten, dann als Ferialpraktikant in einer Bierbrauerei in den Midlands, ließen den Halbwüchsigen vom Franko- zum Anglophilen mutieren.

Mit dem Outfit aus der Londoner Carnaby Street war ich nach der Rückkehr ins Grazer Internat der Held, in einer virtuellen Beatles- und Stones-Klangwolke schwebend: weiße Wollweste, enges knallgelbes Hemd mit Riesenkragen, hellblaue Jeans, schwarzrote Lackschuhe. Bist du deppert. Für die Lehrer war ich’s, und noch mehr. Wegen subversiver Ansteckungsgefahr wurden die britischen Klamotten umgehend verboten. In mir war das britische Virus aber nicht mehr abzutöten. Dazu gehörte auch ein gewisser Snobismus. Der lässt mich heute die Brexiteers besser verstehen – ohne den blasierten Dünkel gutzuheißen, den viele von ihnen zeigen.

Durchaus vereinbar mit meinem Snobismus war die Arbeit in der Bierbrauerei. Tiefstes Arbeitermilieu, sympathische kumpelhafte Atmosphäre, schwer verständlicher Akzent, hot stuff (auch genau so ausgesprochen) – ein sozialer und sprachlicher Kontrapunkt zum College mit seinen Schülern aus der Upper Middle Class und dem exquisiten Oxford-English der meisten Lehrer. Beide Erfahrungen machen für mich noch immer „das Britische“ aus. Und nicht zufällig rekrutieren sich aus beiden Milieus einige der vehementesten Brexit-Anhänger.

Pomp and circumstance. The land of hope and glory. Klingt gut, wärmt das Gemüt. Funktioniert im Zeitalter der Globalisierung nur leider nicht. Auch meine Anglophilie hat sich mit der Zeit etwas abgenützt. Mit der nie erkalteten, aber realpolitisch gedämpften Sympathie für das Französische ist sie eine Art persönlicher Entente cordiale eingegangen. Das Reizvolle beider Kulturen und Sprachen wirkt fort, ergänzt um einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit.

Entente cordiale hieß das 1904 geschlossene britisch-französische Bündnis, wenngleich es entgegen seinem Namen weniger ein herzliches als vielmehr zweckgerichtetes Einverständis war: Ursprüngliches Motiv war die wechselseitige Anerkennung der Kolonialgebiete in Afrika. Angesichts der prekären Machtverhältnisse in Europa und möglicher Gefahren für ihr Weltreich wollten die Briten aus ihrer „splendid isolation“ ausbrechen.

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Werden sich diese Verse des britischen Dichters und Journalisten John Betjeman (1906-1984)    im Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa als prophetisch erweisen?     (Inschrift in der Londoner St. Pancras Station.) Fotos: Kirchengast

Trotz ihres in zwei Weltkriegen erprobten Bündnisses haben Briten und Franzosen bis heute kein wirklich herzliches Verhältnis zueinander gefunden. Und die jüngste Entwicklung scheint de Gaulles (erfolglosen) Widerstand gegen eine EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs zu bestätigen. Kehren wir mit dem Brexit also gewissermaßen zum europäischen Normalzustand zurück? Der Gedanke ist nicht abwegig, dass die Briten mit ihrem Austritt zur Weiterentwicklung der EU mehr beitragen denn als (widerwilliges) Mitglied. Wie kann man von ihnen verlangen, Europäer zu werden, wenn in der Union selbst völlige Unklarheit darüber herrscht, wie ein künftiges Europa aussehen soll? Somit könnte der Brexit zum Katalysator der unumgänglichen Reform der EU werden, in die eine oder andere Richtung.

Und jetzt noch ein Witz. Ein Deutscher, ein Franzose und ein Brite streiten über Verständlichkeit und Genauigkeit ihrer Sprachen. Jeder ist von der Überlegenheit seiner eigenen überzeugt. Zum Schluss nimmt der Brite ein Messer in die Hand: „Take, for example, this thing. The Germans call it ,Messer‘, the French call it ,couteau‘. But the Britons call it knife. And that’s exactly what it is.“

Im Fall Brexit scheinen die Briten allerdings nicht so sicher, was für ein Messer das ist, mit dem sie das gemeinsame Tischtuch zerschneiden. Und die übrige EU nicht, was aus dem restlichen Tischtuch werden soll.

So eine Kur ist kein Pfusch

Die Kur ist eine teure Einrichtung und belastet den öffentlichen Haushalt. Dass sie trotzdem höchst sinnvoll ist, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

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Nicht nur im Naturbecken des berühmten Villacher Maibachls …..

Die Jahre fordern ihren Tribut. Und so wird man, eh‘ man sich’s versieht, vom Kalt- zum Warmduscher. Ich hab’s inzwischen sogar schon zum Warmbader gebracht. Doch das ist eine Übertreibung. Denn die Villacher Urquelle hat „nur“ knapp 30 Grad, was im Vergleich zu anderen Thermen fast schon kalt ist. Das berühmte Maibachl sprudelte heuer ungewöhnlicherweise Ende November. Und so kam ich in den Genuss dieses Phänomens und badete in dem Naturbecken, dort, wo ein Strang des unterirdischen Wassernetzes an die Oberfläche kommt. Draußen spazieren Kurgäste und andere Wanderer dick vermummt vorbei und bestaunen die (gar nicht so) Mutigen.

Wer regelmäßig im Maibachl badet, wird hundert Jahre alt, sagen die Villlacher.
Ich weiß nicht, ob ich das will. Aber auch wenn eine Kur an sich das Leben vermutlich nicht wesentlich verlängert: Wenn sie so verläuft wie in meinem Fall, ist sie ihr Geld wert. Und das ist nicht wenig, sowohl was die tatsächlichen Kosten als auch was den Effekt betrifft. Gewiss, man hat einen Eigenanteil zu bezahlen. Aber der ist, gemessen am Gebotenen, sehr bescheiden. Rund 20 Euro pro Tag, bei einer dreiwöchigen Kur. Dafür gibt es ein komfortables Einzelzimmer, Verköstigung nach Wahl und ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen sowie drei bis vier Therapien täglich inklusive ärztlicher Begleitung. Dazu noch eine angenehme Atmosphäre und ein freundliches Serviceteam im Kurhotel, in meinem Fall dem Josefinenhof.

Die Wirkung von Kuren ist nicht unumstritten. Manche Mediziner halten wenig davon, unter ihnen mein Hausarzt. Auf meine Bitte unter Hinweis auf die immer wieder auftauchenden, im wahrsten Sinn des Wortes nervigen Kreuz- und Hüftgelenksschmerzen hat er trotzdem eine Kur beantragt. Und so begab ich mich, nach eingehender Beratung mit einem befreundeten Kurprofi, ins berühmte Warmbad Villach. Ich bereue es nicht.

Ob meine Beschwerden wirklich nachlassen werden, zumindest für eine gewisse Zeit, weiß ich noch nicht. Aber darauf kommt es auch gar nicht so sehr an. Worauf dann? Man wird während einer Kur gewissermaßen aus seinem gewöhnlichen Selbst gerissen, auf eine andere Bewusstseinsebene gehoben. Wenn man sich unvoreingenommen darauf einlässt, gehören diese 21 Tage ganz einem selbst. Man hat viel Zeit zum Nachdenken – und kommt darauf, dass man vielleicht gar nicht so viel nachdenken sollte. Sondern sich vorbehaltlos auf das Hier und Jetzt einlassen, ob auf dem heißen Parafango, unter den Händen eines äußerst kundigen Masseurs, auf dem genialen Massage-Wasserbett namens Hydrojet oder beim Schwimmen in der Urquelle. Jede Minute, jede Tätigkeit ein bewusster und zugleich entrückter Akt des Lebens. So ähnlich lehrt es auch der Zen-Buddhismus.

Natürlich spielt auch das Ambiente eine Rolle. Im Fall Villach würde ich sagen, man spürt geradezu jahrtausendealte Heilquellenerfahrung. Schon vor den Römern soll hier ja die wohltuende Kraft des Wassers erkannt und genutzt worden sein. Dass Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, Anfang des 16. Jahrhunderts mit seinem Vater aus Italien hierher zog (dieser wirkte 32 Jahre als Arzt in Villach) dürfte, so gesehen, auch kein Zufall gewesen sein.

Wer die Gelegenheit und das Glück hat, von Stadtführerin Lisbeth Stampfer auf eine Tour zum Thema Paracelsus und die Heilkunst in Villach mitgenommen zu werden, wird dazu viel Interessantes erfahren. Und noch einiges mehr. Etwa, dass der Turm der Pfarrkirche St. Jakob im Zentrum einst ein frei stehender italienischer Campanile war, weil das Gebiet südlich der Drau bis 1751 zum Patriarchat Aquileia gehörte. Karl der Große hatte 811 den Streit zwischen Aquileia und dem Erzbistum Salzburg geschlichtet, indem er die Drau zur Grenze erklärte. Der Schiedsspruch hielt fast tausend Jahre.

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…. sondern auch im Thermal-Urquellenbecken sprudelt das Heilwasser direkt aus dem Boden. Im Hintergrund die Marmorintarsia von Franz Rogler.

Architektonisch ist nicht nur das alte Stadtzentrum interessant. Das Kurzentrum am Fuße des Dobratsch ist eine Mischung aus alter und neuer Architektur. Ob gelungen oder nicht, wird jeder für sich entscheiden. Interessante Kontraste sind es in jedem Fall. Die moderne Therme Kärnten wurde von dem Team um den Grazer Architekten Titus Pernthaler entworfen. Sie spielt auf zerklüftete Felswände an – quasi ein Zitat der nahen Kadischenwand.

Altmodisch, auf geradezu gemütliche Art, dagegen das Thermalurquellenbad. Seine gesamte Fläche stellt praktisch den natürlichen Quellschacht dar. Durch den Schotter auf dem Boden sieht man auch die Gasbläschen aufsteigen. Die Gase, darunter Radon, wirken positiv auf die Gelenke, aber weniger günstig auf den Kreislauf, wenn man die Badedauer übertreibt. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ (Paracelsus) Zur anregenden Wirkung eines Bades in der Urquelle trägt – zumindest für mich – auch die große Marmorintarsia an der Stirnseite bei. Sie erzählt die Geschichte des Villacher Heilbades und wurde 1959 nach einem Entwurf des Grazer Künstlers Franz Rogler (1921-1994) geschaffen. (Die Grazer scheinen eine besondere Beziehung zu diesem Ort zu haben.)

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Der spätere Paracelsus besuchte in Villach die Lateinschule.

Und da wäre dann noch, und nicht zuletzt, der menschliche Faktor. Die Tischgesellschaft im Kurhotel kommt per Zufallsgenerator zustande. Oder steht da doch ein kreativ arrangierender Geist dahinter (was vielleicht auf das Gleiche hinausläuft)? „Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist“, meinte Louis Pasteur. „Zufällig“ also repräsentierte unser Tisch einen schönen gesellschaftlichen und geografischen Querschnitt des heutigen Österreich, einschließlich Migrationshintergrund. Entsprechend vielseitig entwickelten sich die Gespräche, ob man die eine oder andere Ansicht nun teilte oder nicht. Die Menschenkenntnis, auf die man sich vielleicht etwas einbildet, wird jedenfalls auf die Probe gestellt. Und da erweist sich ein Urteil mitunter als vorschnell. Auch eine Lektion, die man von einer Kur mitnehmen kann.

Angesichts der Kosten des Kurwesens für unser Gesundheitssystem wird verständlicherweise über die Zukunft dieser Einrichtung diskutiert. Nach meiner Erfahrung ist die Kur, wie schon eingangs angemerkt, ihr Geld absolut wert (was eine höhere Eigenbeteiligung nicht ausschließen soll). Paracelsus ging von einem ganzheitlichen Menschenbild, der Einheit von Körper, Geist und Seele, aus – und wurde dafür nicht nur von etablierten Medizinern seiner Zeit als Kurpfuscher bekämpft. Eine Kur, die sich auch an seinen Prinzipien orientiert – und eine solche habe ich bewusst erlebt – ist jedenfalls alles andere als ein Pfusch.

Karl der Große starb übrigens sehr wahrscheinlich an Gicht – Folge seiner Vorliebe für gebratenes Fleisch. Alles ist Gift, wenn die Dosis nicht stimmt: Für ihn kamen Paracelsus‘ Einsichten um ein Dreivierteljahrtausend zu spät. Darauf kann sich heute niemand mehr ausreden. Schon gar nicht nach einer Kur.

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Bis zum nächsten Mal …. Nach ein par Tagen war der Novembersprudel des Maibachls wieder versiegt.                                                                                                  Fotos: Kirchengast

Orbáns Ungarn-Mythos: das beste Argument für Europa

Nach den Vorstellungen von Premier Viktor Orbán soll Europa am ungarischen Wesen genesen. Damit liefert der Nationalpopulist das beste Argument für eine starke, solidarische EU.

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Von Partnern zu Kontrahenten: Viktor Orbán (re.) mit seinem damaligen polnischen Amtskollegen Donald Tusk, dem heutigen EU-Ratspräsidenten, bei einer Konferenz 2014 in Bratislava. Foto: Kirchengast

„Früher haben wir geglaubt, dass Europa unsere Zukunft ist. Heute spüren wir, dass wir die Zukunft Europas sind.“ An Selbstbewusstsein mangelt es dem ungarischen Premier Viktor Orbán nicht. In der Flüchtlingskrise hat er sich – und wurde – zum Gegenpol der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hochstilisiert, die ihrerseits unter wachsendem internen Druck die deutsche Flüchtlingspolitik deutlich den Vorstellungen Orbáns angenähert hat. In den jungen EUMitgliedsländern Mittel- und Südosteuropas ist Orbán schon fast so etwas wie ein Held, der es den großen alten EU-Staaten, allen voran Deutschland, zeigt. Auch Österreichs Kanzler Sebastian Kurz zeigt kaum verhüllte Sympathien für den Amtskollegen in Budapest.

Orbán seinerseits bedient sich ungeniert aus dem Bauchladen der ungarischen Geschichte. Wenn er die besondere historische und zukünftige Rolle der Magyaren beschwört, weiß er, dass dies bei vielen Landsleuten den Adrenalinspiegel hebt. Der Wiener Literat und Kabarettist Peter Hammerschlag (er kam 1942 im KZ Auschwitz um) hat diesen Einzigartigkeitsmythos in seiner Ungarischen Schöpfungsgeschichte unnachahmlich persifliert. Die folgende Strophe schildert die Ereignisse nach der Sintflut:

Wie Erde bissel trocken war, / hat angefangt zu reiten / Held Attila mit Hunnenschar, / um Kultur zu verbreiten. / Erst hat geschaffen Ungarland, / dann Rom, Athen és (= und) Kreta, / und alle Menschen, was bekannt, / sind nachgekommen späta.

Unter den historischen Legenden, auf die Orbán referiert, scheint zwar der Hunnenkönig nicht auf. Aber gleich hinter dem heiligen Stephan I. (von 1000 bis 1038 erster König des von ihm gegründeten Königreiches Ungarn) kommt Admiral Miklós Horthy (1868-1957). Er wird als Retter des Vaterlandes zelebriert, wobei seine problematischen Seiten weitgehend ausgeblendet bleiben. Horthy wurde im März 1920 von der ungarischen Nationalversammlung als „Reichsverweser“, also quasi Statthalter eines künftigen Königs, eingesetzt. Vorangegangen waren der Zusammenbruch der Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs und innenpolitisches Chaos in Ungarn mit der kurzzeitigen kommunistischen Räterepublik unter Béla Kun. Den Friedensvertrag von Trianon (Juni 1920) konnte der als Erlöser gerufene Horthy nicht verhindern. Mit diesem Friedensdiktat der Siegermächte verlor Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets. Die Revision des Vertrags, mit welchen Verbündeten auch immer, blieb Horthys oberstes Ziel bis zum Ende seiner Regentschaft. Trianon ist bis heute ein tief sitzendes Trauma im ungarischen Selbstverständnis.

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Ungarischer Ur-Vater: König Stephan auf einem alten 10.000-Forint-Schein.

Die französische Historikerin und profunde Mitteleuropa-Kennerin Catherine Horel hat 2014 eine bemerkenswerte Horthy-Biographie veröffentlicht, von der leider keine deutsche Ausgabe vorliegt (L’amiral Horthy – Régent de Hongrie, Perrin, Paris 2014). Horel beschreibt darin höchst kenntnisreich die widersprüchliche Persönlichkeit Horthys, seine Zerrissenheit und die Wirrnisse in der Zeit seiner Regentschaft bis 1944, als Hitlerdeutschland Ungarn besetzte. Vom Mythos des Vaterlandsretters bleibt nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr viel.

Horthy war ein Flügeladjutant von Kaiser Franz Joseph, den er uneingeschränkt bewunderte. Dessen Nachfolger Karl I. ernannte ihn im letzten Kriegsjahr, 1918, zum Oberkommandierenden der österreichisch-ungarischen Flotte. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie dankte Karl weder als österreichischer Kaiser noch als ungarischer König formell ab, sondern verzichtete nur auf die Ausübung der Staatsgeschäfte. In Ungarn war damit nicht nur für die erklärten Monarchisten die Legitimität für die spätere Ernennung Hortys zum königlichen Statthalter gegeben.

Horel stellt Horthy als einen wenig charismatischen, ideologisch nicht fixierten Gefangenen der Verhältnisse dar, der mehr reagierte, als aktiv in das Geschehen einzugreifen. Die unter dem wachsenden Druck der Rechten verabschiedeten antijüdischen Gesetze akzeptierte er ebenso wie die Vertreibung und damit Auslieferung von Juden durch die mit Hitlerdeutschland verbündeten ungarischen Truppen in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Erst nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen 1944 widersetzte er sich den Deportationen und trug damit zur Rettung Hunderttausender ungarischer, vor allem Budapester Juden bei. Das bewahrte ihn laut Horel davor, nach Kriegsende vor das Nürnberger Kriegsverbrechertriunal gestellt zu werden.

Horty versuchte die Pfeilkreuzler, die ungarische Spielart der Nationalsozialisten, von der Regierung fernzuhalten. Nach der Besetzung musste er aber unter dem Druck der Nazis eine Kollaborationsregierung ernennen. Die Deutschen hatten seinen Sohn entführt. Horthy selbst wurde dann mit seiner Familie bis Kriegsende auf einem Schloss in Bayern interniert. Horthy starb 1957 im portugiesischen Exil. 1993, zwei Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Truppen (das war Horthys testamentarisch verfügte Bedingung), wurden seine sterbliche Überreste in einem Mausoleum seines ungarischen Geburtsortes Kenderes beigesetzt.

Nach verbreiteter Ansicht, die auch Horel teilt, hing Horty bis zuletzt einem von den Magnaten beherrschten Ungarn nach und hatte kein Verständnis für die dramatischen gesellschaftlichen Umbrüche. Eine drastische Darstellung der tiefen sozialen Kluft und unvorstellbaren Armut im Ungarn der Zwischenkriegszeit aus „linker“ Sicht liefert János Székely (1901-1958) in seinem packenden Roman Verlockung. Székely flüchtete mit 18 zunächst nach Berlin und emigrierte 1938 in die USA, wo er sich als Drehbuchautor einen Namen machte. In der McCarthy-Ära wurde er politisch verfolgt. Nachdem er 1957 ein Angebot der DDR-Filmagentur DEFA in Ost-Berlin angenommen hatte, erlag er dort im Jahr darauf einer schweren Krankheit. Der autobiographisch gefärbte Roman Verlockung erschien posthum. Er schildert das Leben eines in ärmlichsten Verhältnissen auf dem Land aufwachsenden Buben, der sich seinen Weg durch alle persönlichen Krisen und Schicksalsschläge hindurch bahnt und in der Hauptstadt zwischen die Fronten der politischen Lager gerät – bis er schließlich über Wien emigriert.

In weiten Teilen der ungarischen Rechten waren Antisemitismus und Antikommunismus die ideologischen Klammern. Abgesehen davon gingen die Vorstellungen über die Zukunft des Landes teils weit auseinander. Zur künftigen geopolitischen Rolle Ungarns kursierten unter den Pfeilkreuzlern krause Ideen. Sie sahen die Magyaren als Verbündete, zugleich aber auch als Konkurrenten Hitlerdeutschlands bei der Schaffung eines neuen Europas – auch hier wieder der so typische innere Widerspruch. Ihre östliche Herkunft, so eine der Thesen, bestimme die Ungarn zu Anführern eines großen Reiches im Donau-Karpaten-Raum und damit zumindest gleichrangigen Partnern der Deutschen. Vorstellungen, wie sie einem Viktor Orbán nicht fremd zu sein scheinen.

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Königreich ohne König, Admiral ohne Flotte: Reichsverweser Miklós Horthy.

Horthy wiederum, erklärter Gegner der Pfeilkreuzler, symbolisiert mit all seinen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten, mit dem Gegensatz zwischen Anspruch und Möglichkeiten, nicht nur das Ungarn seiner Zeit, sondern in gewisser Weise auch das Magyarentum an sich. Bezeichnend für dessen absurde Dimension ist ein von Horel dokumentierter Dialog zwischen dem ungarischen Geschäftsträger in Washington und einem hohen Beamten des State Department kurz nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg:

Ist Ungarn eine Republik? – Nein, mein Herr, es ist ein Königreich. – Sie haben also einen König? – Nein, wir haben einen Admiral. – Sie haben also eine Flotte? – Nein, denn wir haben kein Meer. – Haben Sie Forderungen an wen auch immer? – Ja. – An die Vereinigten Staaten? – Nein. – An England? – Nein. – An Russland? – Nein. – An wen haben Sie dann Forderungen? – An Rumänien. – Sie werden also gegen Rumänien Krieg führen? – Nein, mein Herr, wird sind Verbündete.

Wenn Orbán „sein“ Ungarn als europäisches Vorzeigemodell darstellt und dabei kräftige Anleihen in der ungarischen Geschichte und bei Persönlichkeiten wie Horthy, aber auch im einstigen Rechtsaußen-Lager nimmt, dann liefert er damit unfreiwillig das beste Argument für eine starke, handlungsfähige Europäische Union. Denn wie anders als im Rahmen einer Solidargemeinschaft mit gelebtem Respekt vor gemeinsamen Werten und Regeln sowie unterschiedlichen Mentalitäten und mit fairer Verteilung der Lasten ließen sich Traumata und Obsessionen wie im Fall der vielleicht gar nicht so selbstbewussten Magyaren nachhaltig überwinden?

Umgekehrt müssen alle EU-Partner untereinander mehr Verständnis und Sensibilität entwickeln, damit sich jeder mit seinen Eigenheiten verstanden fühlt. Der Beschluss des Europaparlaments, ein Rechtsstaatsverfahren gegen Ungarn einzuleiten, war angesichts der autoritären Tendenzen der Orbán-Regierung sicher gerechtfertigt. Aber es wäre klug gewesen, zugleich zu betonen, dass man nicht die Ungarn als Volk auf die Anklagebank setzen wolle – was Orbán in seiner beleidigten Reaktion dann auch prompt unterstellte.

Wechselseitiges Verständnis unter den Nationen zu fördern, kann nur mit einem langfristig angelegten Kultur- und Bildungsprogramm gelingen. Das von der EU-Kommission ins Leben gerufene Europäische Solidaritätskorps ist ein sehr guter Ansatz. Es ermöglicht es jungen EU-Bürgern, sich in anderen Mitgliedsländern sozial zu engagieren, und findet bereits großen Widerhall. Das kann aber nur Teil eines breiten Prozesses sein, der die ganze Gesellschaft einbezieht. Nicht nur, aber besonders deutlich am Beispiel Ungarn zeigt die multiple EU-Krise, dass das europäische Projekt zu wertvoll und einzigartig ist, als dass man es allein den Politikern überlassen dürfte.

 

Was ein Mann tun muss

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Eine These ….
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….. und ihre Bestätigung.

Was einem im Sommerloch so alles unterkommen kann…

Fotos: Helga/Josef Kirchengast

Die Autonome Republik Petersdorf oder Vom Glück, ein Dörfler zu sein

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Als die Getreideernte noch reine Handarbeit war.

Fällt dir da nicht manchmal die Decke auf den Kopf? Ein lieber Freund hat mich das jüngst gefragt. Er meinte unser Domizil auf der Huabn, irgendwo im Nirgendwo. Ob wir uns da nicht verloren vorkämen? Ich konnte ihn beruhigen. Denn abgesehen von dem erstaunlichen kulturellen Angebot der Großgemeinde Feldbach, das den Vergleich mit weit größeren Städten absolut nicht zu scheuen braucht, abgesehen auch von unserem familiären Stützpunkt in Wien fühlen wir uns in unserem Nirgendwo pudelwohl.

Dieses Nirgendwo heißt Petersdorf und ist ein Ortsteil von Mühldorf, das seinerseits in die „Neue Stadt Feldbach“ eingemeindet wurde. Schon vorher erwarben sich die Petersdorfer den halb spöttischen, halb anerkennenden Beinamen einer „Autonomen Republik“. Das hat möglicherweise mit Eigensinn, sicher aber mit einer ganz starken Dorfgemeinschaft zu tun. Die wird von Jung und Alt getragen – und gelebt.

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Der Göpel, eine von Tier- oder Menschenkraft bewegte Antriebsmaschine, erleichterte die Arbeit.

Jüngstes Beispiel dafür war das Petersdorfer Dreschfest. Dabei wurden alte Arbeitstechniken und Maschinen für die Getreideernte vorgeführt, von der Handmahd bis zu den ersten Mähdreschern. Die Maschinen gehören Petersdorfern, die sich ihr Hobby viel Geld und vor allem Zeit kosten lassen. Einige Geräte wurden an weit entfernten Orten, teilweise sogar im Ausland, aufgespürt, gekauft und, falls nötig, wieder betriebstauglich gemacht. Das könnte man als persönliche Liebhaberei einstufen. Es ist aber weit mehr, weil praktizierter Gemeinschaftsgeist dahinter steht.

An Vorbereitung und Durchführung des Festes war praktisch das ganze Dorf beteiligt. Wir – Helga und ich – fühlten uns geehrt, den Prospekt gestalten zu dürfen, der an die Besucher verteilt wurde. Darin werden die Maschinen mit Bild und technischen Daten vorgestellt. Die Einleitung verweist auf den Zweck des Unternehmens: die Mühe und den Erfindergeist der Menschen von damals zu würdigen.

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Ein Bindemäher Baujahr 1957 mit klassischer Steyr-Zugmaschine.

Es wurde ein voller Erfolg. Prachtwetter lohnte die Mühe aller Beteiligten. Die zahlreichen Gäste durften sich glücklich schätzen, etwas Besonderes zu erleben. Dazu gehörte auch eine geradezu professionelle Bewirtung. Kinder und Erwachsene waren mit gleicher Begeisterung dabei. Frauen hatten kostenlos hausgemachte Mehlspeisen beigesteuert, die renommierten Konditoreien alle Ehre machen würden. Die gute Stimmung trug das Fest bis in den frühen Morgen. Über eine Neuauflage in ein paar Jahren wird schon nachgedacht. Und wer die Petersdorfer kennt, kann sicher sein, dass es nicht beim Nachdenken bleibt.

Es ist eine banale Erkenntnis: Gemeinschaft lebt von persönlichem Einsatz. Am Anfang sind es meist nur ganz wenige, die „etwas tun“. Aber das Petersdorfer Beispiel zeigt, was diese Wenigen bewirken können. Stellvertretend für alle sei hier einer genannt: Alois Eibl, „der Luis“, Initiator des Dreschfestes und unermüdlicher Obmann des Vereines Dorfgemeinschaft Petersdorf, dem alle Bewohner automatisch angehören. Manche wissen vielleicht gar nichts davon. Wie wir – bis uns das Engagement von Luis und seinen Freunden zu stolzen Bürgern der Autonomen Republik Petersdorf machte.

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Nach getaner Arbeit: Dorfgemeinschaftsmotor Alois Eibl (li.) und ein Teil des großen Teams.  Rechts Feldbachs Bürgermeister Josef Ober, der sogar seinen Urlaub unterbrach, um der Autonomen Republik Petersdorf seine Aufwartung zu machen. Fotos: Kirchengast