Wer Wirt wird, wird was

Ein Ruf schallt durchs Land, in der Krise lauter denn je: Rettet die Wirtshäuser, wo immer sie noch stehen. Zu Recht.

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Wirtshaus und Therapiezentrum der besonderen Art: Buschenschank.

Auch Sprichwörter haben ein Ablaufdatum. Wer nix wird, wird Wirt. Da war auch viel Neid dabei auf jene, die sich nur ins vermeintlich gemachte Bett zu legen brauchten. Aber es ist lange her, dass dieser Spruch im Umlauf war. Heute wäre man in unzähligen Dörfern, Märkten und Städten froh, wenn Tochter oder Sohn das Lokal der Eltern weiterführten. Stattdessen grassiert seit Jahren das Wirtshaussterben.

Und die Corona-Krise wird es noch verschärfen. Denn die meisten Wirtsleute haben schon bisher am finanziellen und/oder physischen Limit gearbeitet. Was ist das Geheimnis scheinbar krisenresistenter Familienbetriebe?
In vielen Fällen Selbstausbeutung.

Ein gutes Wirtshaus ist eine einzigartige multifunktionale Einrichtung: Ort der Begegnung, des Gesprächs, des kultivierten (früher auch handfesten) Streites, des geselligen Beisammenseins aus fröhlichem oder traurigem Anlass, des Innehaltens und Genießens. Ein Wirt müsse alles sein, meint der renommierte Gastronom und Koch Rudi Obauer: „Psychiater, Doktor, Arbeiter, Kartenklescher“, einer der sich alles anhören müsse. Und dafür gehörte er entlohnt wie ein dreifacher Mediziner. Auch für Heinz Reitbauer ist das Wirtshaus Teil der soziokulturellen Infrastruktur wie die Feuerwehr oder das Vereinsleben und müsse daher entsprechend öffentlich unterstützt werden. „Wirt der Wirte“, den „Archetyp der Zunft“ hat Kleine Zeitung-Chefredakteur Hubert Patterer den Patron des „Steirereck am Pogusch“ jüngst genannt.

Sohn Heinz jun., der das Wiener „Steirereck im Stadtpark“ zu einem der 25 weltbesten Restaurants gemacht hat, begeistert die Gäste und inspiriert die Branche mit seiner kreativen Küchenlinie. Er vertritt eine ganzheitliche Sicht der Gastronomie, in der die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, die Herkunft und Qualität des Grundprodukte, Schlüsselrollen spielen.

Am Pogusch zeugt eine Riesenbaustelle von der Umsetzung eines neuartigen gastronomischen Konzepts, das für Aufsehen sorgen wird.

Vater und Sohn Reitbauer engagieren sich wie Obauer und andere, dass der Corona-Schock der Politik die Augen öffnet, dass er zu Erleichterungen führt, die vielen resignierenden Gastronomen das Überleben ermöglichen: Bürokratieabbau, Steuererleichterungen etc. Die Krise hat vielen Menschen den Wert eines intakten Lebens auf dem Land klar gemacht. Dazu gehören auch Gastlokale verschiedenster Kategorie, ob Stehbeisl, Dorfwirtshaus, das sogenannte gutbürgerliche Gasthaus, die Buschenschank oder das Gourmetrestaurant. Und natürlich die Almhütte.

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Kulturgut der besonderen Art: Almhütte mit Qualitätskulinarik. Fotos: Kirchengast

Ist die – noch – vorhandene gastronomische Vielfalt in Österreich weltweit ziemlich einzigartig, so stellen die bewirtschafteten Almhütten und ihr oft beachtliches kulinarisches Niveau eine Besonderheit für sich dar. Nicht nur, aber vor allem ausländische Gäste stellen das immer wieder mit Staunen und Freude fest, wie etwa unsere französischen (!) Freunde. Man muss inständig hoffen, dass der Wert dieses kulturellen und touristischen Schatzes den Verantwortlichen hierzulande nicht erst dann bewusst wird, wenn er schon versunken ist.

Es gibt auch Sprichwörter, die kein Ablaufdatum haben.

Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus. (Demokrit, griechischer Philosoph, ca. 460 – 370 v. Chr.)

Corona oder Das Leben als Zwischen-Raum

Rechts sind Bäume,/ links sind Bäume,/ und dazwischen Zwischenräume./ In der Mitte fließt ein Bach!/ Ach!

Selten hat jemand ein so stimmiges Sinnbild für das Leben schlechthin gefunden und in Reime gegossen wie Kurt Tucholsky. Das Leben spielt sich in einem steten Fluss zwischen Polen ab, mit kleineren und größeren Pendelausschlägen. Aber auch innerhalb der Polregionen selbst gibt es Spielräume, Abstufungen, Nuancen. Extreme Erfahrungen prägen uns, im Guten wie im Schlechten, bescheren uns Glücksmomente oder hinterlassen Traumata.

In den ruhigeren Gewässern dazwischen kommen wir zur Besinnung, wie es so schön heißt: wir denken über den Sinn dessen nach, was uns an Erhebendem oder Leidvollem widerfahren ist. Und auch wenn wir einen Sinn dahinter oft nicht erkennen können, ist es diese Fähigkeit des Hinterfragens, die das Menschsein ausmacht.

Zufall und vorbereiteter Geist

Diese Fähigkeit, wenn wir sie denn zu nützen verstehen, macht uns auch widerstandsfähiger gegenüber kommenden unerwarteten Wendungen, Krisen, Schicksalsschlägen. Und lässt uns Glücksfälle gelassener, demütiger entgegennehmen. Louis Pasteur (1822-1895) hat das so ausgedrückt: Der Zufall trifft nur den vorbereiteten Geist. Mit seinen Forschungsarbeiten hat der französische Biochemiker und Mitbegründer der medizinischen Mikrobiologie entscheidend zum erfolgreichen Kampf gegen Infektionskrankheiten durch Impfung beigetragen. Er sprach aus der Erfahrung eines – seines – vorbereiteten Geistes, den der Zufall während seiner Arbeit wohl mehr als einmal getroffen und beflügelt hat.

Für die Corona-Krise gilt das im umgekehrten Sinn: Das Virus hat uns unvorbereitet getroffen – obwohl wir gewarnt hätten sein müssen. Die Spanische Grippe 1918/19 forderte mehr Menschenleben als der Erste Weltkrieg. Aber auch Warnungen in jüngerer Zeit, wie von Microsoft-Gründer Bill Gates schon vor Jahrzehnten, blieben ungehört. Wo Wunschdenken statt Realismus herrscht, kann sich der Geist nicht vorbereiten.

Was macht nun – auch angesichts der surrealen Verhältnisse in Zeiten von Corona – das Geheimnis eines geglückten Lebens aus? Ein Patentrezept gibt es klarerweise nicht. Aber dass es um eine Balance zwischen Polen und Extremen aller Art geht, zwischen denen wir oft ohne eigenes Zutun hin- und hergeworfen werden, leuchtet ein. Mit diesem Dazwischen haben sich Dichter und Denker aller Zeiten auseinandergesetzt. Das Leben selbst ist ja nichts anderes als ein Dazwischen – der Zwischen-Zeitraum zwischen Geburt und Tod. Etwas anderes als dieses Dazwischen haben wir nicht. Was davor und danach war und sein wird, wissen wir nicht.

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Ein Gast auf der Huabn: Geborgenheit im Rad der Zeit.

Dieses unser Leben ist nicht erst seit Corona von Ungewissheiten und Zukunftsängsten geprägt. Für die Nachkriegsgenerationen ist das eine neue Erfahrung. Aber auch ältere Semester, die die Folgen von politischem Extremismus am eigenen Leib erfahren haben oder zumindest aus Erzählungen ihrer Angehörigen kennen, sind trotz dieser Erfahrungen nicht immun gegen populistische Botschaften, die scheinbar einfache Lösungen versprechen. Es ist die alte Geschichte: Wenn sich das Leben im breiten Bach der Mitte bedroht fühlt, füllen sich rechts und links die Seitenarme.

Einer dieser neu anschwellenden Seitenarme ist der Nationalismus. Trump, Johnson, Orbán, Kaczynski, und wie sie alle heißen, wollen glauben machen, es könne in einer durch und durch vernetzten Welt nationale Alleingänge geben. Der Klimawandel als weltweite, menschengemachte Erscheinung verdeutlicht die Absurdität dieses Ansinnens. Und so sehr die nationalen Abschottungs- und Quarantänemaßnahmen in der Corona-Pandemie verständlich und – fürs Erste – auch wirksam waren: Niemand wird ernsthaft glauben, dass jeder einzelne Staat für sich allein sowohl den nachhaltigen Kampf gegen das Virus als auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise allein bewältigen kann.

Die überforderte EU

Vor dem Ausbruch der Pandemie hatte die Europäische Union wieder wachsende Zustimmung erfahren. Den meisten Menschen schien also doch klar, dass es für alle anstehenden Probleme, ob Klimakrise, Migration oder Folgen der Digitalisierung, nur gemeinsame, übernationale Lösungen geben kann. Warum sollte das im Fall Corona oder bei künftigen ähnlichen Katastropen anders sein? Wenn „die EU“ (wer ist das eigentlich?) hier versagt hat, dann nicht, weil es zu viel, sondern weil es zu wenig Gemeinsamkeit gibt. Sonst wäre sofort nach dem Ausbruch in China, spätestens aber beim Übergreifen auf Italien ein unionsweiter Alarm- und Aktionsplan angelaufen. Zu Recht klagen nun die Italiener über mangelnde europäische Solidarität, wie auch schon in der Flüchtlingskrise.

Aber die EU ist eben auch so etwas wie ein Dazwischen: eine Gemeinschaft zwischen Staatenbund und Bundesstaat, eine Union souveräner Staaten, die aber bewusst einen Teil ihrer Souveränität an gemeinsame Institutionen abtreten – eben in der Erkenntnis, dass nationalistische Politik letztlich immer, auf die eine oder andere Art, in gewaltsame Konflikte mündet.

Die EU hat zwar eine Flagge und eine Hymne, trotzdem schafft sie es nicht, ihre rund 500 Millionen Bürger (nach dem Brexit 66 Millionen weniger) emotional an sich zu binden. Manche sehen darin ein großes Manko. Aber ist es das wirklich? Gefühle, meist absichtsvoll geschürt, haben im Zusammenleben der Völker stets unheilvoll gewirkt. Gelassenheit und Geduld sind die besseren Berater.

Die Hymne der Stille

Und wiederum ist es ein Dichter, der diese Einsicht auf sehr schöne Art ausdrückt. Der mährische Lyriker Jan Skácel (1922-1989) schrieb über die Verhältnisse in der damaligen Tschechoslowakei:
„Es gibt kein Volk auf der Welt, das eine so intelligente Hymne hätte wie wir Mährer….. Die mährische Hymne ist eine Pause. Eine Pause zwischen ,Wo ist meine Heimat?‘ (tschechischer Teil) und ,Über der Tatra blitzt es‘ (slowakischer Teil). Diese Hymne hat keine Worte. Nichts wird in ihr behauptet, proklamiert, aufgezwungen. Sie ist weder traurig noch fröhlich. Sie besteht aus absoluter Stille, und die Stille ist eine sehr schöne und fruchtbare Sache.Und währenddessen also andere Völker Habtacht dastehen und die Vorzüge ihres Landes preisen und sie über die Vorzüge anderer Länder erheben, stehen wir in Mähren zwar auch Habtacht da aus Hochachtung vor den Tschechen und Slowaken, warten aber auf unsere Pause. Dann schweigen wir und denken uns so manches. Größtenteils etwas Schönes, aber wir schreien es nicht laut und in Tönen hinaus, wir behalten es für uns. Denken uns im Stillen das Unsrige. Und sagen niemandem etwas.“

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Zwischen-Lager mit Zwischen-Räumen: Heuschobergestelle in der Region Vorderland, Vorarlberg. Fotos: Kirchengast

Im Dazwischen lässt es sich also sehr gut auskommen, sowohl als Individuum als auch als Gemeinschaft. Vorausgesetzt, man ist sich seiner eigenen Stärken und auch Schwächen bewusst. Das hat nichts mit Mittelmäßigkeit zu tun, sondern setzt einen hohen Reifegrad voraus. Der erwächst aus Erfahrung mit Extremen oder aus kritischer Selbstreflexion oder aus beidem. Und ganz sicher auch aus der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Dann wird das Leben zum gluckernden Bach in der Mitte, der manchmal schneller, manchmal langsamer fließt. Ohne sich darum zu kümmern, wohin er mündet.

Corona oder Das Gefühl des Surrealen

Wir reiben uns die Augen. Ist das jetzt wirklich wirklich, oder wachen wir demnächst erleichtert auf: Es war ja doch nur ein Traum.

Über allem hängt dieses Gefühl des Unwirklichen oder Über-Wirklichen. Es begleitet unsere alltäglichen Verrichtungen, es lässt uns unaufhörlich schwanken zwischen Bangen und Hoffen. Was dieses unsichtbare Ding namens Covid-19 mit uns macht, haben Künstler seit je her thematisiert, indem sie der greifbaren, scheinbar unverrückbaren Realität eine surreale Dimension hinzufügten. Wer will, kann darin Inspiration oder auch Trost finden. Mir sind dazu einige Bilder untergekommen, die vielleicht nicht alle einer engeren Definition des Surrealen entsprechen. Aber das Surreale enger definieren zu wollen, wäre ohnedies ein Widerspruch in sich. Ich lasse die Werke also ohne weiteren Kommentar folgen.

Voranstellen möchte ich nur ein Zitat aus dem (höchst empfehlenswerten) Roman Der Seeleningenieur des tschechischen Schriftstellers Josef Škvorecký (1925-2012), der 1968 nach dem sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei nach Kanada emigrierte: „Trotzdem berührte mich der Gedanke an die Intervention Gottes, der scherzhaft und boshaft zugleich war. Es war ein surrealistisches Gefühl … also ein Gefühl der Wahrheit. Rührung stieg in mir auf.“

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Francisco de Zurbarán, Agnus Dei (1635-1640), Museo Nacional del Prado, Madrid
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Georgia O’Keeffe, Ram’s Head, White Hollyhock-Hills (1935), Brooklyn Museum, New York
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René Magritte, Golconde (1953), Menil Collection, Houston
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Edward Hopper, Nighthawks (1942), The Art Institute of Chicago
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Marc Chagall, Über der Stadt (1914-1918), Galerie Tretjakow, Moskau

So kann man es auch sehen

 

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Text: Angelus Silesius (eigentlich Johann Scheffler, 1624-1677)

Zeichnung: Werner Oberle (1945)

Quelle: Altacher Orgelsoireen 2019

Der Super-Mega-Giga-Wahn

Aus gegebenem Anlass: Ein Kommentar, den ich vor elf Jahren, am 23. Februar 2009, im STANDARD geschrieben habe:

„Die Blase ist geplatzt, weil jede Blase irgendwann platzt. Wer noch vor zwei Jahren Experten fragte, wo denn der reale Gegenwert der gewaltigen Gewinne auf den Finanzmärkten sei, wurde groß angeschaut: Welcher Gegenwert? Die Gewinne sind ja da – erklären sich also von selbst und damit den Erfolg des Systems, dessen Prinzip lautet: je größer, desto besser; je mehr, desto erfolgreicher.

Die menschliche Gier sei schuld, heißt es jetzt. Die hat es freilich schon immer gegeben. Bloß, dass ihr die globalisierte Welt ein unbegrenztes Betätigungsfeld geschaffen hat. Scheinbar. Aber das Streben nach materiellem Reichtum allein kann die Blase nicht erklären, die jetzt geplatzt ist. Es ist eine andere, sozusagen abstrakte Gier. Oder besser: ein Wahn. Der Wahn, dass Mehr und Größer etwas grundsätzlich Besseres, also Erstrebenswertes seien. So folgt auf Groß Super, auf Super Hyper, auf Hyper Mega, auf Mega Giga, auf Giga – was?

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Kunstinstallation im tschechischen Kutná Hora (Kuttenberg): Die Welt immer mitzudenken, ist logische Konsequenz davon, …..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor der Globalisierung sorgten nationale oder technische Grenzen dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, wie die alte Redewendung so schön sagt. Die weltweite Kommunikations- und Ökonomie-Vernetzung hat diese Korrektive beseitigt. Aber sind mit den Möglichkeiten auch die menschlichen Fähigkeiten gewachsen, sie zu beherrschen? Die Antwort erhalten wir soeben. Nicht mehr kontrollierbares Wachstum führt zum Tod, wie wir aus der Biologie wissen.

Eindringlichstes Sinnbild des Super-Mega-Giga-Wahns ist der globale Wettlauf um den höchsten Wolkenkratzer. Welchen Sinn macht es, ein tausend Meter hohes Gebäude zu errichten? Und wer fühlt sich wohl darin? Die Wüsten-„Metropole“ Dubai, die in diesem Wettbewerb mitmacht, ist selbst eines der drastischsten Beispiele für wahnwitziges Wachstum.

Es gibt auch andere, weniger spektakuläre Beispiele, hinter denen aber dieselbe Philosophie steckt. Den Event-Wahn etwa: je größer ein Ereignis welcher Art auch immer, desto aufregender. Eine Fußball-EM mit Publikum in den Stadien oder vor den Fernsehschirmen tut’s längst nicht mehr – da müssen Events in Form groß aufgezogener Fanmeilen dazu. Wenn die sich im Nachhinein als Defizit in jeder Beziehung herausstellen – wenn kümmert’s dann noch? Und wer wird so kleinlich sein, die behauptete Umwegrentabilität infrage zu stellen. Hauptsache, es war ein Mega-Event.

Oder die Modellpolitik, mit der nicht nur die amerikanischen Autokonzerne in die Sackgasse gefahren sind? Möglichst groß, möglichst stark.

Um zurück zum Finanzmarkt zu kommen: Wenn selbst biedere österreichische Gemeindeverwaltungen der Gier nach möglichst hohen Renditen verfallen und Steuergelder in mehrstelliger Millionenhöhe verzocken, ist jedes menschliche Augenmaß verloren gegangen. Und wenn jetzt so viel von Nachhaltigkeit die Rede ist: Jeder Euro, der in Bildung, Qualifikation, Integration, Förderung von innovativen Klein- und Mittelbetrieben, also direkt in Menschen investiert wird, rechnet sich letztlich um ein Vielfaches besser als die höchste Rendite auf dem Kapitalmarkt oder die (vermeintliche) höchste Umwegrentabilität von Mega-Events.

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…. den Menschen als kleinste und zugleich größte Einheit zu betrachten: Familienfest mit ausländischen Gästen in den ukrainischen Karpaten. Fotos: Kirchengast

Was also folgt auf Giga, wenn wir die Botschaft der Krise verstanden haben? Die (Rück-)Besinnung auf den Menschen als kleinste und zugleich größte Einheit. Isolierte Humanbiotope und geschützte Werkstätten kann es in einer durch und durch vernetzten Welt nicht mehr geben. Die Globalisierung verpflichtet nicht nur die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik, sondern jeden Einzelnen dazu, auch in seiner persönlichen Lebensweise immer die Welt mitzudenken. Und diese Aufgabe ist groß genug.“

„Die Pest“ und ihre Botschaft

Als hätte Albert Camus vor 73 Jahren die Corona-Krise vorweggenommen: „Die Pest“ und ihre Botschaft.

 

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Französische Ausgabe (Gallimard, Le Livre de Poche). Foto: Kirchengast

„Ein Menschenleben ist nichts anderes als ein langes Unterwegssein, um auf dem Umweg über die Kunst die zwei oder drei einfachen Bilder wiederzufinden, denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat.“

Als ich Die Pest von Albert Camus zum ersten Mal las, im Französischunterricht im Gymnasium, kannte ich den eingangs zitierten Satz noch nicht. (Er stammt aus einem anderen Werk des französischen Literaturnobelpeisträgers von 1957.) Jetzt, mitten in der Corona-Krise, ist er mir wieder eingefallen. Wenige Werke der Weltliteratur haben mich so beeindruckt wie die fiktive Geschichte der realen algerischen Hafenstadt Oran und ihrer Bewohner, die aus heiterem Himmel von der tödlichen Seuche heimgesucht werden. Nicht in den schlimmsten Fantasien hätte ich mir als Halbwüchsiger träumen lassen, dass unsere Gesellschaft einmal in eine ähnliche Lage geraten könnte. Auch nicht, als ich vor wenigen Jahren das Buch erneut las und mir erst richtig bewusst wurde, wie großartig und tiefsinnig es ist.

Auf dem Umweg über die Kunst die zwei oder drei einfachen Bilder wiederfinden, denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat: Die Corona-Krise hat vielen Menschen die Augen geöffnet. Aber wer sehen wollte, konnte das schon sehr lange vorher. Und wer, unter anderem, versucht, sich Kunstwerke wie Die Pest zu erschließen, den können weder der Ausbruch der viralen Pandemie noch die Reaktion der Menschen darauf wirklich erstaunen.

Eine existenzielle Krise zeigt den wahren Charakter der Menschen, läutert sie – oder auch nicht. Die Pest handelt davon, wie sich Menschen in einer solchen Krise verhalten, was die Krise mit und aus ihnen macht. Zentrale Figur ist der Arzt Rieux, der sich zum Schluss auch als der Chronist, somit quasi ein Alter Ego von Camus, zu erkennen gibt. Rieux verkörpert den Menschen in seiner absurden Existenz – Camus‘ zentrales, immer wiederkehrendes Thema: Das Absurde bedeutet den unauflösbaren Widerspruch zwischen der menschlichen Neigung, einen Sinn im Leben zu finden, und der Sinnlosigkeit der Welt.

Unauflösbarer Widerspruch? Da widerspricht sich Camus im Verlauf der Handlung selbst. Denn als „absurder Mensch“ ist Rieux zwar zwangsläufig Atheist – und als solcher auch Gegenspieler des Jesuitenpaters Paneloux, der den Menschen in seinen Predigten die Pest als Strafe Gottes vorhält. Aber der ungläubige Arzt findet sich mit seiner absurden Existenz nicht ab, verfällt nicht in Resignation angesichts der Tatsache, dass die Pest so viele unschuldige Menschen, so viele Kinder hinwegrafft. Er lehnt sich auf, revoltiert. Und findet nur einen für ihn gangbaren Ausweg aus dem Dilemma der Absurdität: Solidarität, Freundschaft, universale Liebe.

Andere begleiten ihn auf diesem Weg, auch der Strafprediger Paneloux macht eine Wandlung durch. Trotz des Todes der vielen Unschuldigen und erschütternder Einzelschicksale lässt das Geschehen insgesamt erkennen, dass Menschen ohne Solidarität dem Untergang geweiht sind.

Dass Camus Die Pest als Allegorie auf Frankreichs Besetzung durch Hitlerdeutschland und den Widerstand dagegen geschrieben hat, ändert nichts an ihrer beklemmenden Aktualität angesichts der Corona-Krise. Zugleich steht die Seuche, über den historischen Anlass hinaus, für jegliche Art von Totalitarismus. Dass auch im Kampf gegen die Corona-Pandemie eine totalitäre Gefahr liegt, zeigt unter anderem die Ausschaltung des Parlaments durch den ungarischen Premier Viktor Orbán.

Ganz am Schluss, nachdem das Schlimmste überstanden ist und die Menschen auf den Straßen ihr Überleben feiern, heißt es in dem Roman: „Als er nun tatsächlich die Freudenschreie von der Stadt heraufsteigen hörte, erinnerte sich Rieux daran, dass diese Heiterkeit ständig bedroht war. Denn er wusste, dass dieser Masse im Freudentaumel nicht klar war, was man in den Büchern lesen konnte, dass der Pestbazillus weder stirbt noch jemals verschwindet, dass er während Jahrzehnten in den Möbeln und der Wäsche schlafen kann, dass er geduldig in den Zimmern, den Kellern, den Truhen, den Taschentüchern und den Papierstapeln wartet, und dass vielleicht der Tag kommen würde, wo, den Menschen zum Unglück und zur Lehre, die Pest die Ratten aufwecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Den Menschen zum Unglück und zur Lehre: Das ist nicht so weit davon entfernt, was andere eine „Strafe Gottes“ nennen. Und wenn der Menschenfreund Rieux zum Schluss kommt, dass nur Solidarität und Liebe die Absurdität des Daseins ertragen lassen, dann kann damit gewiss auch ein gläubiger Mensch leben. Ein Atheist verkündet die für Christen zentrale Botschaft der Liebe: eine weitere Dimension des Absurden. Sie macht es unerheblich, auf welcher Seite man steht.

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Andere Worte, gleiche Botschaft: Zitat von Viktor Frankl (Tafel am Schutzhaus auf der Rax).   Foto: Matthias Zacek

Begebt euch auf den Holzweg

Der Holzweg führt in die Irre? Das war immer schon falsch und ist es heute mehr denn je.

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Stamm einer alten Pappel, Buschenschank Püklavec, Jeruzalem, Slowenien.

Auch Sprichwörter können ein Ablaufdatum haben. Auf dem Holzweg sein – das bedeutet immer noch, dass man falsch unterwegs ist, nicht zum Ziel kommt, sich in etwas verrannt hat. Stimmt das auch heute noch, in Zeiten der Klimakrise und eines hemmungslosen Raubbaus an der Natur? Aber hat es überhaupt jemals gestimmt, wenn wir wirklich hören und sehen wollen, was Baum und Holz uns erzählen und zeigen?

Er musste erst mit dem Kopf gegen die Bäume rennen, ehe er merkte, dass er auf dem Holzweg war. Vermutlich hat Wilhelm Busch das im ursprünglichen Sinn der Redensart gemeint. Man kann es aber ebenso gut andersherum verstehen: Der Baum, gegen den wir stoßen, erinnert uns daran, dass wir falsch unterwegs sind, wenn wir uns über die Natur hinwegsetzen wollen. Kaum etwas illustriert menschliche Hybris so gut wie die gängige Praxis, einen Baum am Straßenrand zu fällen, nachdem ein Auto gegen ihn geprallt ist: Der Baum ist schuld, nicht der Mensch.

Holz ist genial. Ein Werbespruch der Holzwirtschaft, einer, der ausnahmsweise stimmt. Holz ist in seinen Verwendungsmöglichkeiten und seiner Nachhaltigkeit ein unvergleichlicher Werkstoff. Aber es ist viel, viel mehr. Ein Baum, ob lebend, gefallen oder gefällt, ist ein Geschichtebuch und gibt uns einen Begriff von Zeit und Ewigkeit. Der Mostbirnenbaum, den das Alter umstürzen ließ, lebt als Küchentisch mit uns weiter. Jeden Tag streiche ich mit der Hand – ja: liebevoll über die Oberfläche, die sich fast samtig anfühlt. Kundige, einfühlsame Hand- und Herzwerker haben den dicken Stamm umgeformt, eine Metamorphose im Zusammenwirken von Mensch und Natur.

Von einem Nachbarn, der in vielfältiger Weise mit Holz arbeitet, habe ich eine Baumscheibe bekommen, aus der ich einen kleinen Gartentisch machen will. Die Scheibe stammt von einer fast hundertjährigen Esche – jener Baumart, die nun vom Aussterben bedroht ist. Die 96 Jahresringe, die ich gezählt habe, erzählen mindestens ebenso viele Geschichten. Einige sind ziemlich breit, da ist der Baum schnell gewachsen. Einige liegen ganz dicht beieinander – langsames Wachstum, vielleicht weil diese Jahre trocken waren, vielleicht aber auch aus anderen Gründen. Was ist in all diesen Jahren rundherum geschehen, welche Schicksale verbergen sich in diesen Ringen? Wenn sie nicht jemand verbrennt, wird diese Scheibe noch lange nach mir da sein – und ein bisschen auch von mir erzählen.

Holz braucht den Menschen nicht. Ganz ohne ihn verwandelt es sich zu den wundervollsten Kunstwerken, welche die Natur hervorbringt. Aber es kann auch in der Hand eines Menschen wundervolle Formen annehmen. Wie Menschen mit Holz umgehen, was sie daraus machen, sagt viel über sie selbst aus.

Die hier gezeigten Fotos sollen beides illustrieren – und eine Empfehlung sein: Begebt euch auf den Holzweg. Ihr werdet nicht mehr umkehren wollen.

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Holzkunst der Natur, Krakauhintermühlen, Steiermark.
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Alte Holzbaukunst, Schattenburgmuseum, Feldkirch, Vorarlberg.

 

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Moderne Holzbaukunst, Bizau, Vorarlberg.
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Brennholzlagerung, bei Straden, Südoststeiermark.
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Gelagerte Heuschobergestelle, Region Vorderland, Vorarlberg.
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Schwemmholz im Bodensee, Vorarlberg.
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Metamorphose eines Olivenbaumes, Insel Krk, Kroatien.        Alle Fotos: Kirchengast

Türkis-Grün als Spiegel unserer Seele

Die türkis-grüne Koalition ist nicht nur pragmatische Realpolitik. Sie hält uns auch den Spiegel vor. Denn sie vereint Widersprüche, die, auf die eine oder andere Art, jeder von uns in sich trägt.

 

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„Wir haben bewusst das Beste aus beiden Welten vereint“, sagte Sebastian Kurz nach der Einigung mit den Grünen auf eine Regierungskoalition. Die Frage ist, ob die eine Seite das, was ihr die andere zumutet, als „das Beste“ empfindet. Ist aber eigentlich egal. Denn die Koalition ist zum Erfolg verurteilt. Kurz kann es sich schwerlich leisten, zum dritten Mal eine Regierung platzen zu lassen. Er wird also wissen, wieviel er Werner Kogler im Konfliktfall zumuten darf. Die Grünen wiederum wissen, dass sie eine solche Chance so schnell nicht wieder bekommen würden.

Ob man Türkis-Grün als attraktive Farbkombination empfindet, hängt vom persönlichen Geschmack ab. Die einen würden sagen, die Farben ergänzen einander, die anderen, sie beißen sich. Das trifft auch auf die Weltanschauungen der beiden Lager zu. Wo es um die Bewahrung von Werten wie Respekt vor dem menschlichen Individuum und der Natur und soziale Verantwortung geht, gibt es eine gemeinsame Schnittmenge. Die Antwort auf die Frage, wo das Interesse des Einzelnen endet und die Verpflichtung für das Gemeinsame beginnt, wird in den beiden Lagen aber sicher unterschiedlich beantwortet.

Wohlwollende können ja schon die Umfärbung der ÖVP von Schwarz in Türkis durch Kurz als den Versuch werten, die Widersprüche zumindest symbolisch aufzuweichen: wirtschaftsliberal gegen christlich-sozial, individualistisch gegen solidarisch, national gegen europäisch. Kritischere Geister würden sagen: reiner Etikettenschwindel.

Aber vielleicht kommt man der Wahrheit etwas näher, wenn man Türkis als Mischung von Blau und Grün sieht. Dann wäre Türkis-Grün so etwas wie eine logische Konsequenz. Bei den Wahlen hat Kurz einen erklecklichen Anteil früherer FPÖ-Wähler inhaliert – aber die anstehenden Probleme lassen sich nicht mit nationalistischen Parolen lösen. Der Klimawandel kümmert sich nicht um die Fahnen, die über versengter Erde oder überfluteten Landstrichen wehen. Und „das Beste“ aus der türkisen Welt – sichere Grenzen, geschützte Heimat, florierende Wirtschaft – ist ohne auch schmerzhafte Änderungen nicht zu bewahren. Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.

So spiegelt die, je nach Geschmack, mehr oder weniger harmonische türkis(schwarz)-grüne Farbkombination wider, was in jedem Einzelnen von uns vorgeht. Johann Nepomuk Nestroy, der große Philosoph, hat die Widersprüche, die jeder Mensch in sich trägt, unübertroffen in die Frage gegossen: Wer is stärker – i oder i?

Ich möchte gerne so bequem und sicher und geborgen weiterleben wie bisher – aber ich weiß, dass ich dafür einige liebgewordene Gewohnheiten aufgeben muss. Ich möchte mit Flüchtlingen und Migranten so wenig wie möglich zu tun haben – aber ich weiß, dass Hilfe für Menschen in Not zu meinen menschlichen Pflichten gehört. Ich möchte gerne weiter billige Lebensmittel kaufen und mit dem ersparten Geld in weit entfernte Länder fliegen oder auf einem Kreuzer die Welt umrunden – aber ich weiß, dass billige Lebensmittel unseren Bauern den Garaus machen und dass Flugreisen und Kreuzfahrten zum Klimaschädlichsten überhaupt gehören.

Eigentlich bin ich ja eh ein Grüner. Aber die Verhältnisse sind halt so, wie sind, und was kann ein Einzelner schon gegen das System ausrichten? Sollen doch die Politiker tun, was zu tun ist. Dafür werden sie gewählt und gut bezahlt.

Ja, die Türkisen (Schwarzen) und die Grünen probieren das jetzt gemeinsam. Und es wird ihnen so gut oder schlecht gelingen wie den beiden Ichs in jedem von uns.

Foto: Kirchengast

Der hochmütige Sultan und die rotzfrechen Kosaken

In Dirk Stermans amüsantem Roman Der Hammer findet sich auch eine Episode mit einem legendären Brief an jenen türkischen Sultan wieder, der 1683 mit der Belagerung Wiens scheiterte.

Vor einigen Jahren zeigte die Kunsthalle Krems eine höchst bemerkenswerte Schau russischer Maler des 19. Jahrhunderts. Ein Bild ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“, eines der berühmtesten Werke von Ilja Repin (1844-1930). Die müssen eine Riesengaudi gehabt haben, dachte ich mir angesichts der von Repin meisterhaft dargestellten Szene. Die Saporoger, auch Saparoroscher Kosaken lebten am unteren Lauf des Dnepr in der heutigen Ukraine (za porohamy bedeutet „hinter den Stromschnellen“).

Dirk Sterman verdanke ich die Lösung des Rätsels, was wohl in dem Brief gestanden sei. (Ich hätte natürlich googeln können und wäre, wie offensichtlich auch Sterman, auf Wikipedia fündig geworden.) In seinem Roman Der Hammer, der das Leben des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Burgstall zur Grundlage hat, gibt Sterman den (angeblichen) Inhalt des Schreibens wieder. Es ist die Antwort auf einen Brief von Sultan Mehmed IV., in dem dieser die Saporoger Kosaken im Befehlston auffordert, ihre Einfälle in das Osmanische Reich einzustellen. Und zwar, laut überliefertem Text, mit folgenden Worten:

Ich, Sultan und Herr der Hohen Pforte, Sohn Mohammeds, Bruder der Sonne und des Mondes, Enkel und Statthalter Gottes auf Erden, Beherrscher der Königreiche Mazedonien, Babylon, Jerusalem, des Großen und Kleinen Ägyptens, König der Könige, Herr der Herren, unvergleichbarer Ritter, unbesiegbarer Feldherr, Hoffnung und Trost der Muslime, Schrecken und großer Beschützer der Christen, befehle euch Saporoger Kosaken, freiwillig und ohne jeglichen Widerstand aufzugeben und mein Reich nicht länger durch eure Überfälle zu stören.

Die Antwort erfuhr Hammer-Purgstall dem Roman zufolge von zwei Kosaken, denen er 1799 bei seiner ersten Ägypten-Reise in Alexandria begegnet sei. Sie trugen den (angeblichen) Originalbrief bei sich, der, wiederum laut Legende, folgenden Wortlaut hatte:

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Ilja Repin, „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ (1880-1891, Russisches Museum St. Petersburg)

Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel frisst, frisst dein Heer. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden uns zu Wasser und zu Land mit dir schlagen, gef…. sei deine Mutter!

Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tatarischer Geißbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes, Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gef…. sei deine Mutter!

So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr steht im Buch, und wir haben den gleichen Tag wie ihr. Deshalb küss unseren Hintern.

Wahrlich keine Post für ein Mädchenpensionat und gewiss nicht die feine christliche Art. Aber angesichts der anmaßenden Tonart des Sultans und der legendären Kampfmoral der Kosaken durchaus glaubhaft. Und falls nicht wahr, dann gut erfunden.

Im heutigen Russland erlebt der Kosakenmythos eine Renaissance, die von der Regierung kräftig gefördert wird, weil sie sich davon eine Stärkung des Nationalbewusstseins erhofft. Im Zweiten Weltkrieg hatten Kosakeneinheiten sowohl auf Seiten der Sowjetunion als auch auf Seiten Hitlerdeutschlands gekämpft. Letztere wurden nach Kriegsende von den Westalliierten an Stalin ausgeliefert, was Tod oder Straflager bedeutete.

Der „unbesiegbare Feldherr“ Mehmed IV. war übrigens jener Sultan, dessen Großwesir Kara Mustafa bei der zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 scheiterte. Mehmed ließ Kara Mustafa dafür hinrichten, was ihn aber nicht vor der eigenen Entmachtung vier Jahre später bewahrte. Hochmut kommt vor dem Fall.

Beim Machen so geworden

Die Welt, wie sie ist, lässt sich schwerlich mit einem allmächtigen Gott in Einklang bringen. Da hilft schon eher ein pragmatisch-humorvoller Zugang.

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Ausschnitt aus Michelangelos „Erschaffung des Adam“ (Sixtinische Kapelle, Vatikan).

Einem lieben Freund verdanke ich eine zur Philosophie verdichtete Erkenntnis, die mir in vielen Lebenslagen hilft. Er erzählte mir von einer Begebenheit in einem renommierten Technologieunternehmen. Es ging um eine neue Maschine, die für die Zukunft der Firma sehr wichtig war. Man hatte keine Erfahrung mit dem Wunderding, aber einen erfahrenen Werkmeister. Der baute den in unzähligen Bestandteilen gelieferten Apparat zusammen, begleitet vom Zittern des Chefs. Als der Schalter umgelegt wurde, hielten alle den Atem an. Und – es klappte auf Anhieb. Dem Lob des Chefs antwortete der Meister in leicht koketter Bescheidenheit: „Des is beim Mach’n so word’n.“

Beim Machen so geworden: Wer sich diesen Blick auf die Verhältnisse und das Leben im Allgemeinen aneignet, tut sich in vielen Situationen leichter. Auch in solchen, die anders enden als die oben geschilderte. Geht man davon aus, dass ein Mensch zwar guten Willens aber unvollkommen ist, dann können seine Werke nicht fehlerlos sein. Aus dem, was er tut, wird oft etwas ganz Anderes, als er sich vorgenommen hat. Das kann manchmal sogar besser, oft aber auch weniger gelungen sein.

Im einen wie im anderen Fall bedeutet es nicht Flucht aus der Verantwortung zu sagen: Das ist beim Machen so geworden. In kritischen Momenten, wenn die Versuchung groß ist, nach Schuldigen zu suchen, kann diese Feststellung befreiend wirken: Plötzlich lachen alle in der Erkenntnis, dass es einem selbst oft genauso ergeht.

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Der Mensch und die Welt – beim Machen so geworden? „Wartehäuschen“ des japanischen Künstlers Sou Fujimoto in Krumbach, Bregenzerwald.

Was aber, wenn man die Welt insgesamt unter diesem Aspekt betrachtet? Dass sie also beim Machen so geworden ist, wie sie ist. Und sich nach demselben Prinzip – wenn man überhaupt von einem solchen sprechen kann – weiterentwickelt. Dann stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein. Ein gläubiger Mensch nennt es wohl Gottvertrauen. Aber Vertrauen in welchen Gott? Wohl nicht in einen allmächtigen. Denn der hätte es ja nicht nötig, Lebewesen zu erschaffen, die unablässig seine Größe preisen müssen.

In Manès Sperbers Jahrhundertwerk Wie eine Träne im Ozean kommt ein blutjunger polnischer Rabbi namens Bynie vor. In hoffnungsloser Lage angesichts des Heranrückens der deutschen Angreifer sagt er: „Kein Satz kann lange bestehen bleiben ohne seinen Gegensatz. Das kleine Wort nein genügt, um jede Ordnung in ihr Gegenteil zu verkehren. Zum Beispiel: Gott ist allmächtig, aber auch das niedrigste Seiner Geschöpfe könnte nie ein so unglücklicher Liebhaber sein, wie Gott es seit dem Augenblick ist, da Er den Menschen erschaffen hat. Als mein Urgroßvater Bynie – er stehe uns bei! – auf dem Totenbett lag, hat er gesagt: ,Ich habe das Leichteste gewählt, denn die Menschen wollen immer getröstet werden. Aber habe ich Gott auch nur einen Augenblick lang erheitert? Das möchte ich wissen.’“

Dieses Zitat fiel mir ein, als wir an einem unserer literarisch-kulinarischen Abende jüngst auf das Werden beim Machen zu reden kamen. Wir sprachen über Familiengeschichten, persönliche Schicksale, unvorhersehene Situationen, die Hinfälligkeit scheinbarer Gewissheiten, menschliche Schwächen und Abgründe. Kann da ein höherer, göttlicher oder wie auch immer zu nennender Plan dahinter stehen? Oder ist nicht die These wahrscheinlicher, dass alles beim Machen so geworden ist und immer weiter wird. Dass man sich also eher einen Gott vorstellen kann, der uns bedeutet: „Verzeiht mir, liebe Menschen, aber ihr seid beim Machen so geworden. Und damit ihr mit all dem irgendwie zurecht kommt, habe ich euch die Liebe und die Kunst dazugegeben. Und den Humor. Lacht also, sooft ihr könnt. Ich lache gerne mit.“

Wir haben sehr viel gelacht an diesem Abend. Und ich kann mir vorstellen, dass auch die Nichtgläubigen in unserer Runde Gott ein wenig erheitert haben.

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Ganz offensichtlich beim Machen so geworden: Geschäftsschild auf dem Hannovermarkt in Wien-Brigittenau. Fotos: Kirchengast