Menschen, wollt ihr ewig leben?

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
ist wert, dass es zugrunde geht.

Goethe, Faust I

Vielleicht haben sich die sogenannten Klimaextremisten, die Kunstwerke, vorzugsweise berühmte Bilder, mit Farbe beschütten, diese Worte des Mephisto in Goethes „Faust“ (1.Teil) zum Motto ihres Handelns genommen.

Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht: Die Bildanschütter erinnern uns daran, dass alles Menschenwerk vergänglich ist. Ist es deshalb auch vergeblich? Jeder Mensch hinterlässt mit dem, was er ist und was er tut, Spuren – in der Umwelt, in anderen Menschen. Er wirkt also auch über seinen Tod hinaus weiter, auf die eine oder andere Art.

Und so haben Museen und Galerien nur dann einen Sinn, wenn sie uns das Vergängliche und das Beständige zugleich vermitteln. Dann bekommt der eigentlich negativ besetzte Begriff museal eine andere, transzendente Bedeutung. So müssen wir den Bildanschüttern in Wahrheit dankbar sein: Sie öffnen uns die Augen – zumindest denen, die sehen wollen. Nicht wenige unter jenen, die sich über diese Aktionen fürchterlich aufregen, besuchen Museen vermutlich nur höchst selten oder gar nicht. Sollten einige nun auf die Idee kommen, doch einmal ein Museum, eine Galerie, eine Ausstellung aufzusuchen, dann hätten die Extremisten einen vermutlich gar nicht bezweckten Nebeneffekt bewirkt. Dass die Sicherheitsvorkehrungen nun überall verschärft und besonders kostbare Kunstwerke gar nicht mehr oder nur noch als Kopien ausgestellt werden, sind andererseits die höchst unerfreulichen Konsequenzen dieser Taten.

Bücherverbrennung der Nazis auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933. UB Augsburg

Zugleich erinnern sie uns – ohne dass man es direkt vergleichen kann – an die Bücherverbrennungen der Nazis oder an die islamistischen Extremisten, die uralte steinerne Heiligtümer gesprengt haben. Es sind Gesten einer lächerlichen Hilflosigkeit, Ausdruck der Ohnmacht. Denn was einmal gedacht und geschrieben oder auf eine Leinwand gemalt oder in Stein gehauen wurde, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden, auch wenn es physisch vernichtet wird.

Die Werke des Menschen können in die Ewigkeit wirken. Der Mensch selbst ist sterblich. „Hunde, wollt ihr ewig leben“ lautet der Titel eines hochgelobten deutschen Antikriegsfilmes aus dem Jahr 1959 (Regie Frank Wisbar, nach dem gleichnamigen Roman von Fritz Wöss). Der Titel spielt auf ein Zitat von Friedrich dem Großen an. Dieser soll während der Schlacht von Kolin im Juni 1757, die Preußen gegen Österreich verlor, seinen fliehenden Soldaten im Zorn zugerufen haben: „Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“ (Quelle: Wikipedia).

Der Kampf gegen die Klimakatastrophe – so notwendig und dringlich er ist – hat auch etwas Vermessenes. Wir tun so, als sei es ein Naturgesetz, dass das Menschengeschlecht ewig bestehe. Wir sind sterblich, aber der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel vermittelt uns eine Ahnung von Ewigkeit.

Ein Bild, das viele Interpretationen des Menschseins erlaubt: Georg Mayer-Marton (1897-1960), O. T. (undatiert). Derzeit in der sehenswerten Ausstellung „Hagenbund“ im Museum Leopold in Wien ausgestellt.

In Goethes Faust sagt Mephisto, der Geist, der stets verneint, auch: „Von Zeit zu Zeit seh` ich den Alten gern, und hüte mich, mit ihm zu brechen. / Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
so menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.“ Wenn Satan höchstpersönlich sich in Demut gegenüber dem Ewigen übt, dann sollten uns wir Menschen, die sich unsterblich wähnen und so oft Gott spielen wollen, ein Stück davon abschneiden.

Das Würstchen und die Monarchie

Mit dem Tod der Queen ist auch die britische Monarchie in ihrer bisherigen Form gestorben. Denn Elizabeths Persönlichkeit überdeckte die Hohlheit der Institution.

Die Queen ist begraben. Das immer weniger Vereinigte Königreich kehrt zur rauen Normalität zurück. Jeder, auch der neue König Charles III., weiß: Mit dem Tod von Elizabeth II. ist die Monarchie nicht mehr das, was sie war. Oder vielmehr: was sie zu sein schien. Denn auch zu den besten Zeiten der Regentschaft Elizabeth war die Monarchie aus der Zeit gefallen, war ihr Glanz hohl. Und genau deshalb hingen – und hängen heute noch – so viele Menschen an ihr.

Subtile Anspielung auf die EU: Elizabeth II. mit Kronprinz Charles bei der Thronrede 2017. Foto: Carl Court, AFP

Elizabeth hat aus ihrem Schicksal, schon mit jungen Jahren Königin zu werden, mehr gemacht, als sie sich wahrscheinlich selbst zugetraut hatte. Die schweren Krisen des Königshauses meisterte sie mit einer Mischung aus Unverdrossenheit und Lernfähigkeit. Nach offener Kritik an ihrem Schweigen nach dem Tod von Prinzessin Diana erschien sie vor dem Buckingham Palace, ging am Blumenmeer entlang und schüttelte Hände. Der Union Jack auf dem Palast wurde mit Verspätung auf Halbmast gesetzt. Die Queen hatte die Stimmung im Land falsch eingeschätzt – und korrigierte ihr Verhalten. Ein Zeichen von Reife und wahrer Souveränität, das sie den Menschen sofort wieder nahe brachte. Wieder machte sie aus dem Schicksal ihrer Familie das Beste. Und damit war sie tatsächlich für sehr viele Menschen nicht nur im eigenen Land ein Vorbild.

Nach den Gesetzen des Fortschritts sollt‘ es schon lang gar kein Schicksal mehr geben. Dieses Wort von Johann Nestroy lässt sich auch auf die britische Monarchie anwenden. An ihr ist der Fortschritt vorbeigegangen, als handelte es sich um eine andere Welt. Was sie ja auch ist. Damit aber ist sie für viele Menschen inner- und außerhalb des Vereinigten Königreiches so attraktiv. Ein beständiger Wink des Schicksals: Seht her, hier ist etwas, das den Stürmen der Zeit trotzt.

Für diese Beständigkeit stand auch die Ehe Elizabeths mit Philip. Als der Prinz im Vorjahr knapp hundertjährig verstarb, konnte man an der Reaktion der Queen ablesen, dass sie ihm wohl bald folgen würde. Nur ihr eisernes Pflichtbewusstsein hielt sie noch eine Zeitlang aufrecht. Es war eine Liebesgeschichte, die für Elizabeth im Alter von 13 (!) Jahren begann, als sie dem damaligen Prinzen von Griechenland und Dänemark zum ersten Mal begegnete. Philip, der für seine politisch unkorrekten Äußerungen und seinen trockenen Humor bekannt war, nannte seine Königin im Privaten ziemlich respektlos Würstchen (sausage) – was sie schmunzelnd akzeptierte. Denn auch Elizabeth hatte Humor, wenn auch einen weit subtileren als ihr geliebter Prinzgemahl.

Dieser Humor, neben ihrer bedingungslosen Hingabe an eine anachronistische Institution, war es offenbar auch, der ihr in schwierigen Situationen half. Im Kleinen etwa in ihrem Verhältnis zu Cherie Blair, der Gattin des damaligen Premierministers Tony Blair. Cherie verweigerte der Queen von Anfang an den obligaten Hofknicks. Elizabeth revanchierte sich mit einem Bonmot, das sie gezielt zirkulieren ließ: „Jedes Mal, wenn ich einen Raum betrete, in dem auch Cherie Blair ist, spüre ich förmlich, wie sich ihre Knie versteifen.“ Dabei empfand Cherie Blair großen Respekt für die Queen als Person, obwohl sie die Monarchie als solche ablehnte. Es schien, als wollte sie diesen Widerspruch mit dem verweigerten Hofknicks, einem Symbol für eine überkommene Institution, kompensieren.

Aber auch bei wirklich ernsten Anlässen ließ Elizabeth ihren Humor aufblitzen. In ihrer Thronrede im Juni 2017 verlas sie das Programm der konservativen Regierung von Theresa May, das auf den Brexit ausgerichtet war. Üblicherweise trug die Queen bei diesem Anlass die königliche Robe und die Krone. Diesmal aber trug sie ein blaues Kostüm. Auf dem gleichfarbigen Hut blitzten kleine goldene Sterne. Eine unübersehbare Anspielung auf die EU-Flagge und ihre Haltung in der Brexit-Frage.

Damit zeigte Elizabeth, dass sie, die Repräsentantin einer aus der Zeit gefallenen Institution, trotz allen Brimboriums im Hier und Heute lebte. Damit, dass sie ausgerechnet bei diesem Anlass auf Krone und königliche Robe verzichtete und Zivil trug, relativierte sie selbst die Bedeutung der Monarchie, wenn es um die Rolle Großbritanniens in Europa ging.  Eine beachtliche Leistung.

Zugleich illustriert diese Episode, wofür die Monarchie noch steht. Bei allem äußerlichen Pomp und Prunk ist sie eine Welt der leisen Töne, der Anspielungen, Andeutungen, Symbole und der Diskretion einschließlich gezielter Indiskretionen. Eine Welt im Kontrast zur Herrschaft des Lauten, Platten, Schrillen. In der „Kapuzinergruft“ (erschienen 1938) schreibt Joseph Roth: „Dennoch bestanden in meiner verschollenen Welt, in der alten Monarchie eben, die ungeschriebenen, die unbekannten, unzugänglichen, den Eingeweihten wohlvertrauten Gesetze eherner und ewiger als die geschriebenen …“  Nun, die ewigen Gesetze der österreichischen Monarchie hatten ein Ablaufdatum. Jenes der britischen Monarchie kennen wir nicht. Gut möglich, dass es der Todestag der Queen war.

Sehr lesenswert: die Biografie von Thomas Kielinger im Verlag C.H. Beck

Leben heißt schweben

Der Sommer geht ins Finale, was man freilich nicht an den Temperaturen ablesen kann. Früher einmal trat um Mitte August eine spürbare Wetterwende ein. Die Nächte wurden kühl, die Luft klar, ein Hauch von Herbst machte sich breit. Heute müssen wir noch in den September hinein mit Tropennächten rechnen.

Schweben – im Toten Meer ein Kinderspiel.

Ja, früher war alles anders. Normal halt. Kein Klimawandel, keine Pandemie, kein Krieg vor der Haustür. Die goldenen Sechziger-, Siebziger-, Achtzigerjahre. Wir, das heißt meine Generation, verschwendeten nicht eine Sekunde an den Gedanken, womit wir einmal unseren Lebensunterhalt verdienen würden. Die Welt stand uns offen. Beatles, Stones, lange Haare, einträgliche Ferialjobs. Im Herbst wieder an die Uni, ganz locker. Natürlich, wir gehörten zu den Privilegierten. Aber dieses Grundgefühl, dass es immer aufwärts ging und eigentlich nichts passieren könne, galt wohl für die Allermeisten.

Inzwischen wissen wir, was alles passieren kann. Und wir ahnen, was noch alles kommen kann. Dieser unechte Sommer, der schon zum klimatologischen Normalfall geworden ist, erinnert uns daran. Energiekrise, Inflation, die ungewisse Entwicklung der Pandemie. Die biblischen Plagen sind wiedergekehrt. Es erfordert schon eine ziemlich robuste Psyche, um das alles einigermaßen unbeschadet zu verkraften.

Dabei ist es ganz einfach. Was wir jetzt erleben, ist welthistorisch gesehen der Normalfall. Die lange Prosperitäts- und Friedensperiode in Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine Ausnahme. Und sie beruht auf zweierlei: Ausbeutung von Ressourcen und Menschen und auf Pump. Dass das nicht auf Dauer gut gehen kann, versteht jedes Kind. Verstehen es auch unsere Kinder? Oder wurden sie so erzogen, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, wie es ist, wenn nicht alles und jedes überall und jederzeit verfügbar ist?  Wenn sie nicht das essen können, was sie sich wünschen, sondern was auf den Tisch kommt.

Ein historisches Beispiel. Unter Kaiser Franz Joseph erlebte die Habsburger Monarchie eine fast fünfzigjährige Friedensperiode, von 1867 bis 1914. Aber diese Friedensperiode bedeutete zugleich Stillstand. Der mangelnde Reformwille des Herrschers und seiner Entourage, der auch für das deutsche Kaiser- und das russische Zarenreich galt, mündete letztlich in den großen Krieg. In Österreich-Ungarn meinten anfangs viele, der Krieg sei eine Erlösung für die Monarchie, sie würde daraus wie ein Phönix aus der Asche aufsteigen. (Wie es scheint, denken Putin & Co in Bezug auf Russland ganz ähnlich.) Der Krieg löste die Probleme auf andere Art als erhofft. Und schuf neue. Die lange Friedenszeit, eine Zeit der Erstarrung, hatte einen hohen Preis.

Der Schwebezustand, in dem wir jetzt leben, ist aber auch im anthropologischen Sinn der Normalfall. Das menschliche Leben selbst ist ein Schwebezustand. Ein Schwebezustand zwischen Empfängnis und Tod. Ein Schwebezustand, den wir Zeit nennen. Davor und danach ist Ewigkeit, zu der auch wir gehören. Zeit aber, wie ein Romantitel von Aldous Huxley lautet, der wiederum ein Zitat aus einem Sonett von William Shakespeare ist, Zeit muss enden. Der US-amerikanische Autor James Salter (1925-2015) schreibt in seinen Erinnerungen Verbrannte Tage (im englischen Original besser: Burning the days): „Wir leben im Bewusstsein eines einzigen Selbst, aber in der Natur scheint es noch etwas anderes zu geben, das Bewusstsein der vielen, von allen, der Herden und Schulen, der Kolonien und Schwärme mit Myriaden von Lebewesen, die das, was wir Ego nennen, nicht kennen, aber in sich vollkommen sind, die nur auf den Instinkt reagieren. Unserem eigenen Leben fehlt diese Harmonie. Jeder von uns ist letztlich eine Tragödie.“

Statt der Harmonie, nach der sich Salter offensichtlich sehnt, haben wir das persönliche Bewusstsein und den freien Willen. Wenn Salter sein Leben – oder Teile davon – als verbrannte Tage sieht, dann ist verständlich, dass er den Menschen eine Tragödie nennt. Und wenn wir in unserem derzeitigen Schwebezustand bedenken, wer uns die neuen biblischen Plagen beschert hat, nämlich wir selbst und unseresgleichen, dann neigt man dazu, ihm zuzustimmen.

Der Mensch ist eine Tragödie. Man kann es so sehen. Aber es ist Salter selber, in seiner ganzen menschlichen Widersprüchlichkeit, der es auch anders sieht: „Die Dichter, Schriftsteller, die Weisen und Stimmen ihrer Zeit, sie sind ein Chor, ihre Hymne ist dieselbe: das Große und Kleine wird verbunden, das Schöne lebt, das andere stirbt, und alles ist Unfug, außer Ehre, Liebe und das Wenige, was das Herz erkennt.“

Ein Mensch, der so denkt und auch danach handelt, wird für seine Mitmenschen alles Mögliche sein. Eine Tragödie mit Sicherheit nicht.

Markus Wilfling, Schattenobjekt Pendel (2021); Museum Liaunig.

Zu gescheit und zu blöd

Fast drei Monate nach Beginn des Terrorkrieges gegen die Ukraine macht sich schleichend ein Gewöhnungseffekt breit. Eine menschliche Eigenschaft, die nichts an der Grundfrage ändert: Warum sind Menschen zu so etwas fähig?


Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

Heute auf andere Art aktuell: Kriegerdenkmal in Kiew.

So endet Erich Kästners Gedicht Das letzte Kapitel aus dem Jahr 1930, neun Jahre vor Beginn des Zweitens Weltkrieges. Die Anfangsstrophen lauten so:

Am zwölften Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:

dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Das Jahr 2003 ist, wie wir wissen, ohne dieses Ereignis vorübergegangen. Wie wir aber ebenso wissen, sind die Menschen auf bestem Wege, ihre Ausrottung selbst zu besorgen, ohne dass es dazu einer Weltregierung bedürfte. Der Terrorkrieg gegen die Ukraine ist der vorerst letzte Beweis für den menschlichen Grunddefekt (als ob es dessen noch bedurft hätte). Der (nicht unumstrittene) Schweizer Psychiater Frank Urbaniok bringt diesen Grunddefekt in seinem Buchtitel Darwin schlägt Kant auf den Punkt. Gemeint: Der menschliche Selbsterhaltungstrieb siegt immer wieder über Vernunft und Ethik. Und das, obwohl eben dieser Selbsterhaltungstrieb die Menschen letztlich ins Verderben führt.

Das ist im Fall Ukraine offensichtlich: Putin hat alle seine wesentlichen Ziele jetzt schon verfehlt. Der freie Teil der Ukraine wird sich noch stärker westlich ausrichten, auch im Fall einer ausverhandelten Neutralität, die Nato erweitert sich, auf das russische Volk kommen bittere Jahre zu.

Der in die USA emigrierte russisch-jüdische Schriftsteller und Lyriker Joseph Brodsky (1940-1996, Literaturnobelpreis 1987), erkannte Russlands größtes Problem darin, dass der Mensch nicht anders als im Kollektiv wahrgenommen und daher das Leben des Einzelnen nicht geachtet werde. Von Stalin wird das Wort überliefert: „Ein Mensch – ein Problem. Kein Mensch – kein Problem.“ Auch für Putin zählen Menschenleben offensichtlich nur in dem Maße, in dem sie seinen Zielen dienen, ob als Täter oder als Opfer. Der russische Soziologe Simon Kordonsky, der Reden für Putin in dessen erster Amtszeit ab 2000 schrieb, sagte in einem Symposium Ende 2013 in Wien: „Unser Land hat keine Zukunft. Wir haben nur eine Gegenwart, und die besteht aus der Reproduktion einer schönen, guten Vergangenheit. Welcher, das ist nicht klar.“

Heute scheint die Verklärung der Vergangenheit freilich als verständlicher Reflex auf die Zukunftsperspektive für die gesamte Menschheit. Diese Perspektive ist menschengemacht. Zum größten Teil von der menschlichen Gier nach immer mehr – und von einem überbordenden Individualismus, der die persönliche Maximierung von vermeintlichem (materiellem) Glück über alles andere stellt. Insofern trifft Putins Kritik an westlicher Dekadenz und Überheblichkeit zu – auch wenn sie eine ideologische Nebelgranate ist, um von seinem Versagen im eigenen Land abzulenken.

Der Grunddefekt des Menschen besteht darin, dass er wider besseres Wissen handelt. Oder dass ihm die längerfristigen Folgen seines Handelns gleichgültig sind – hinter mir die Sintflut. Wir sind also gleichzeitig zu gescheit und zu blöd. Die Religionen entstanden aus dem Bestreben, dieses urmenschliche Dilemma zu überwinden und die Menschen zur Besinnung zu bringen. Und auch sie wurden und werden wiederum instrumentalisiert und pervertiert als persönliche und politische Machtinstrumente.

Ein hoffnungsloser Fall also? Nicht nur das eingangs zitierte Gedicht, ein Großteil seiner Prosa und Lyrik weist Erich Kästner in seinem Menschenbild als Pessimisten aus. Er war sarkastisch, ironisch – zugleich aber humorvoll und niemals zynisch. Und er hat wunderbare, berührende Kinderromane geschrieben, etwa Emil und die Detektive oder Das doppelte Lottchen. Es war seine Art, mit dem urmenschlichen Dilemma zurecht zu kommen. Wie Joseph Brodsky es formulierte: „Für die Welt ist es wahrscheinlich zu spät, aber das Individuum hat immer eine Chance.“

Sinnbild einer Welt, die wir haben könnten. Fotos: Kirchengast

Sind Sie wirklich so feige, Herr Franzobel?

Der Schriftsteller Franzobel meint im „Standard“ (26./27. März 2022), wenn die Ukrainer sich den russischen Invasionstruppen sofort kampflos ergeben hätten, wäre ihnen all das unfassbare Leid erspart geblieben. Er bleibe bei seiner Haltung: besser feig als tot.

Angesichts der menschenverachtenden Zerstörungswut des Aggressors, deren Ausmaß auch die größten Pessimisten nicht erwartet hatten, haben sich wohl viele im Westen zumindest die Frage gestellt, die Franzobel für sich klar beantwortet hat. Sie drängt sich einem friedliebenden, humanistisch eingestellten Menschen auf. Mir ging es ähnlich.

Eine der vielen Solidaritätsveranstaltungen, die dieser Tage stattfanden und stattfinden. Foto: Emma Posch

Doch in Abwandlung eines Wortes von Bruno Kreisky empfiehlt es sich, Geschichte zu lernen. Und aus der Geschichte lernen wir, dass bedingungslose Unterwerfung unter einen Angreifer noch niemals nachhaltigen Frieden geschaffen hat. Dazu genügt allein der Blick auf die anfängliche Appeasement-Politik der Westmächte gegenüber Hitler. Je mehr er kampflos erhielt, desto dreister wurde der Diktator.

Also: Zu Ende gedacht, Herr Franzobel? Hätte Putin die Ukraine kampflos bekommen, wäre er damit zufrieden? Oder hätte das seinen Appetit nicht erst recht gesteigert? Er hält Teile Georgiens besetzt, einen Teil der Republik Moldau, er hat die Krim annektiert und zwei Pseudo-Republiken in der Ostukraine etabliert. In Moldau befürchten viele Menschen bereits, sie könnten die Nächsten sein.

Angenommen, ein Mann wie Putin wäre entschlossen, die ganze Welt zu beherrschen, und die angegriffenen Staaten, einer nach dem anderen, ließen ihn gewähren, um ihren Völkern Blutvergießen zu ersparen. Dann herrschten irgendwann weltweit Verhältnisse wie heute in Russland: Meinungsterror, Repression, Lebensgefahr für jeden Dissidenten. Falls Sie Ihre Haltung doch zu Ende gedacht haben: Würden Sie in einer solcherart „befriedeten“ Welt leben wollen, Herr Franzobel?

Meine Frau und ich singen in einem Chor, dessen musikalische Leiterin gebürtige Ukrainerin aus Kiew ist. Jetzt sammelt sie Spenden für ihre Landsleute und organisiert Hilfstransporte. „Wir wussten von Anfang an, dass es so kommen würde“, sagt sie. „Niemand hat Putin gestoppt. Jetzt müssen wir das tun. Auch für euch.“

Russlands Putin – Putins Russland?

Putin ist in seinem Volk zu dem geworden, der er ist. Deshalb trägt das Volk Mitverantwortung am Unterwerfungskrieg gegen die Ukraine. Wer aber ist „das Volk“?

Es ist Wladimir Wladimirowitsch Putin, der den Überfall auf die Ukraine und die immer rücksichtslosere Art der Kriegsführung zu verantworten hat. Wladimir bedeutet „Beherrsche die Welt“. Dass auch Putins Vater so hieß, mag man als Zufall oder aber als Vermächtnis sehen. Jedenfalls trifft diese Symbolik einen ganz entscheidenden Punkt: Ist Putin der Alleinschuldige, oder ist das Volk, aus dem er hervorgegangen ist, mitverantwortlich?

„Das ist ein zutiefst aufgewühlter, von Obsessionen und Komplexen getriebener Mann. Insofern verkörpert er ein Land, das mit seinen eigenen Problemen nicht fertig geworden ist. Putin ist ein Verhängnis.“ Das sagt der renommierte deutsche Osteuropa-Historiker Karl Schlögel in einem Interview mit dem „Standard“ (12./13. März 2022). Schlögel, der mit der Publizistin Sonja Margolina, einer gebürtigen Russin, verheiratet ist, gilt als einer der besten westlichen Russland-Kenner.

Vor knapp sieben Jahren, zum Jahrestag der Annexion der Krim im März 2014, sagte Schlögel in einem Gespräch mit mir, ebenfalls im „Standard“: „Ich glaube, dass der Mann den Aufgaben, mit denen das Land konfrontiert ist, nicht gewachsen war, und ich glaube es jetzt umso mehr. Ich konnte mir nicht vorstellen, was seither passiert ist. Zum Teil auch deshalb, weil ich bei der Charakterisierung von Personen eher zurückhaltend bin. Mich interessierte mehr, wie ein Land tickt. Inzwischen bin ich belehrt worden, dass Geschichte manchmal auf bestimmte Figuren zuläuft.“

Souvenir aus Lviv/Lemberg 2019: Keine Illusionen über Putins Charakter und Absichten.

Die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort (richtig mit Gänsefüßchen): daraus wird Geschichte, manchmal Weltgeschichte. Eine banale Wahrheit – Geschichte wird immer von Menschen gemacht. Von Menschen und nicht von Außerirdischen, die auf der Erde gelandet sind (das kommt vielleicht noch). Es wäre bequem, Hitler, Stalin oder eben Putin als Aliens oder auch „nur“ als Verrückte zu punzieren. Dann müsste dies aber auch für Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela gelten. Und das wollen wir denn doch nicht.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, dessen Vater Dolmetscher Stalins war, schrieb anlässlich der Krim-Annexion in einem Essay in der „FAZ“: „Die Nachricht des Jahres 2014 ist so alt wie russische Welt. Wir sind keine Europäer, lautet sie.“ Und weiter: „Die Intelligenzija macht immer wieder den gleichen Fehler. Sie klagt die Machthaber an, nicht das Volk. Wessen soll man das Volk aber anklagen? Dass es das Volk ist?“

Im Vorjahr erschien Jerofejews Buch „Enzyklopädie der russischen Seele“ auf Deutsch (das russische Original kam bereits 1999 heraus). Der Autor selbst nennt es „mein skandalösestes Buch“. Darin heißt es: „Wie jedes andere Land muss man auch Russland nach seinen eigenen Ressourcen und dem endgültigen Resultat beurteilen. Mag auch das Resultat vom Standpunkt des Westens negativ aussehen. Mag es auch aus östlicher Sicht seltsam sein. Aber in Russland existiert eine positive Unfähigkeit zu einem sogenannten normalen Leben. Jeder Zar hat seinen Rasputin. Russland hat die Extreme der menschlichen Natur demonstriert und die Vorstellung von einer goldenen Mitte zerstört. Es hat die Unmöglichkeit der menschlichen Freiheit gezeigt. Man muss ihm einfach Respekt zollen für seine Treue gegenüber sich selbst.“

Jerofejew meint das offensichtlich ernst, wenn auch mit gnadenlosem Sarkasmus. Folgt man ihm, dann hat das größte Experiment am lebenden Menschen, der Kommunismus, nicht zufällig in Russland stattgefunden. Wenn Jerofejew aber fragt, wessen man „das Volk“ anklagen solle, stellt sich zunächst einmal die Frage: Wer ist „das Volk“? Die Millionen und Abermillionen, die eben doch ein normales, materiell einigermaßen gesichertes Leben führen wollen und in Putin bisher den Garanten dafür sahen? Die Hunderttausenden vor allem Jüngeren und besser Gebildeten, die Russland in der Putin-Ära schon verlassen haben, weil sie in dem Land keine Zukunft für sich sehen? Oder die Zehntausenden, die nach der Ukraine-Invasion trotz drohender Festnahme landesweit auf die Straße gingen und gehen – und gewiss Millionen schweigender Sympathisanten haben? Oder die Soldaten der Invasionsarmee, ihre Mütter, Väter, Geschwister?

Putin hat Angst, scheinbar vor einer Umzingelung und Bevormundung durch den Westen. In Wahrheit aber vor dem eigenen Volk. Die Angst der Herrscher vor dem eigenen Volk ist jahrhundertealte russische Tradition. Niemals haben sie ihren Untertanen zugetraut, ihre Zukunft zumindest teilweise selbst zu gestalten. Stattdessen haben sie ihnen schlimmste Bürden und unvorstellbares Leid zugemutet, ganz selten in guter Absicht oder in wirklichen Notlagen, meist aus reinem Machtstreben.

Souvenir aus Moskau 2012: Wladimir Putin als Krönung der jüngeren russischen Geschichte. (Von rechts: Wladimir Iljitsch Lenin, Michail Gorbatschow, Boris Jelzin, Dmitri Medwedew, der allerdings nur Marionettenpräsident unter Putin war.) Fotos: Kirchengast

Putin musste sich als Halbwüchsiger in Hinterhof-Raufereien behaupten und ertrotzte seine Aufnahme in den damaligen Sowjetgeheimdienst KGB, dem er seinen Aufstieg verdankt. Für einen Geheimdienstler ist im Prinzip die ganze Umwelt Feindesland. Putin sieht die Angst, in der er permanent lebt, durch die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der Ukraine bestätigt. Deren demokratisch gewählte Führung hat sich für Europa entschieden. Nach Putins eigener Logik von den Brudervölkern ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Wandel auf Russland übergreift. Und damit hat er vermutlich Recht.

Mit dem Überfall auf das Brudervolk hat er die Notbremse gezogen. Niemand weiß, wie dieses menschenverachtende, zynische Abenteuer ausgeht, das unermessliches Leid als „Kollateralschaden“ hinnimmt oder sogar einkalkuliert. (Mit Zynismus pflegen unsichere Menschen ihre Schwäche zu kaschieren.) Mit seinem Einmarschbefehl hat Putin die Kontrolle aus der Hand gegeben. Der Krieg entfaltet seine eigene Dynamik. Existenzielle Krisen schweißen Nationen zusammen, heißt es. Im Fall der Ukrainer ist das seit dem 24. Februar 2022 im Gange. Ihr Widerstand wird die weitere Entwicklung in Russland beeinflussen. Früher oder später wird dort „das Volk“ am Zug sein – wer immer in dessen Namen spricht oder zu sprechen vorgibt. Dann wird sich zeigen, ob Jerofejews Diagnose von den nicht-europäischen Russen dem Realitätstest standhält.

Wer schenkt mir einen Tesla?

Auch eine Art, auf den Klimawandel zu reagieren: Eine Nobel-E-Automarke ist auf dem besten Weg zum neuen Statussymbol.

Ein Statussymbol zeigt nach gängiger Definition den gesellschaftlichen Stand seines Besitzers an. Sehr oft aber steht es für den sozialen Status, den der Besitzer gerne hätte, nach dem Motto: mehr Schein als Sein. Das ist natürlich sehr verräterisch. Denn wer sich seines Platzes in der Gesellschaft bewusst und damit im Reinen ist, muss das Symbol dafür nicht wie eine Monstranz vor sich her tragen. Zugleich aber sind veränderte Statussymbole auch Indikatoren gesellschaftlichen Wandels.

Das Statussymbol par excellence ist noch immer das Auto, zumindest für Männer. Mit ihm lässt sich, frei nach Schopenhauer, die Welt als Wille und Vorstellung darstellen und zugleich der Platz, den der Besitzer darin hat – oder gerne hätte. In unserer Region, der Südoststeiermark, war die (Auto-)Welt der Statussymbole bis vor wenigen Jahren noch in Ordnung. Man mochte sich darüber wundern, dass in einem der nach Pro-Kopf-Einkommen ärmsten Bezirke Österreichs so viele teure BMWs, Audis und Mercedes unterwegs sind. Und darüber schmunzeln, dass vor Supermärkten im Kofferraum diverser Luxuskarossen Riesenladungen billigster Lebensmittel verschwinden. Ein schöner Schein hat eben auch seinen Preis. Irgendwo muss dann halt gespart werden.

Offensichtlich ein Querdenker, was das Statussymbol Auto betrifft (Gartendekoration in Gniebing bei Feldbach). Foto: Kirchengast

Inzwischen zeigen Klimawandel und Energiedebatte Wirkung. Nach und nach schleichen sich E-Autos ins Straßenbild. Und zwar nicht nur Klein- und Mittelklassewagen, sondern zu einem großen Teil Modelle der Nobelmarke Tesla in einem Preissegment ab etwa 50.000 Euro. Der Tesla ist dabei, BMW, Audi und Mercedes den Rang als Statussymbol abzulaufen. (Fairerweise ist anzumerken, dass am anderen Ende der Preisskala die Modelle der Billigmarke Dacia boomen, derzeit noch durchwegs mit Verbrennungsmotoren. Hier kann man allenfalls von einem Anti-Statussymbol sprechen.)

Ursprünglich wollte ich mich hier lustig machen über den Hang der Menschen, sich über das Auto zu definieren. Aber das Auto war und ist noch immer weit mehr als ein reines Nutzobjekt. Es ist auch ein Symbol für Freiheit. Und wenn diese Freiheit nun klimabedingt eingeschränkt oder zumindest um einiges teurer wird, dann lassen sich das viele eben um einiges mehr kosten. Und demonstrieren mit der (angeblich) fortschrittlichsten E-Automarke zugleich, dass sie voll im Trend liegen.

Meine bisherige Skepsis, ob E-Autos über den ganzen Lebenszyklus von Produktion, Nutzung und Recycling wirklich energieeffizienter sind als sparsame Verbrennermodelle, wurde durch einen Podcast des ÖAMTC deutlich verringert (http://www.oeamtc.at/podcast/). Zusammen mit Joanneum Research hat der Klub eine Lebenszyklus-Analyse von E-Autos und Verbrennern erstellt. Demnach schneiden E-Autos in der Gesamtenergiebilanz (Produktion, Nutzung, Wiederverwertung) schon heute deutlich besser ab als konventionelle Pkw. Grundbedingung ist natürlich der Betrieb mit hundert Prozent Energie aus erneuerbaren Quellen. (Im Idealfall wird ein E-Auto aus der hauseigenen Photovoltaikanlage geladen.)

Nikola Tesla, genialer Erfinder und Namenspatron eines neuen Statussymbols.

Lassen wir den gewandelten Statussymbolikern also Gerechtigkeit widerfahren und betrachten wir sie großmütig als Quasi-Pioniere. Ganz nach dem Vorbild des Namensgebers ihrer Lieblingsmarke. Nikola Tesla, 1856 als Sohn eines serbisch-orthodoxen Priesters im heutigen Kroatien an der Militärgrenze des Habsburgerreiches zu Serbien geboren, wurde zu einem der originellsten Naturwissenschafter seiner Zeit. Von 1875 bis 1877 studierte er an der Technischen Universität Graz. Dabei eignete er sich die Grundlagen der Elektrotechnik an. Auf Basis dieses Wissens machte er später in Paris und New York bahnbrechende Erfindungen. Er erfand etwa Radioübertragung, AC-Motor und elektrische Fernsteuerung. Spule, Transformator und Turbine sind nach ihm benannt, und „Tesla“ ist die physikalische Einheit der magnetischen Flussdichte.

Zum 160. Geburtstag Teslas wurden am 12. Dezember 2016 in der nach ihm benannten Hochspannungshalle der TU Graz Experimente in seinem Geist durchgeführt: die Simulierung von Überschlagsspannungen und Blitzen zur Überprüfung technischer Komponenten.

Teslas Geist? Er zielte weit über das Materielle hinaus, begeisterte sich für die Spiritualität des Hinduismus, strebte „die vollkommene Herrschaft des Geistes über die stoffliche Welt“ an. Seine wissenschaftliche Vision waren drahtlose Energieübertragung und Nachrichtenübermittlung. „Entfernung, das Haupthindernis menschlichen Fortschritts, wird im Denken, Reden und Handeln vollkommen beseitigt werden. Die Menschheit wird vereint sein und Kriege unmöglich werden.“ Mit Ersterem erwies Tesla sich als Prophet. Mit Letzterem leider nicht.

Man muss sich jedenfalls eines Statussymbols namens Tesla nicht schämen. Kann oder will man sich ein solches nicht leisten, sollte man freilich auch nicht so tun als ob. In seiner berühmten „Tante Jolesch“ schildert Friedrich Torberg eine Kaffeehausszene in Wien nach dem Ersten Weltkrieg. Der Adel hatte seinen gesellschaftlichen Rang weitgehend eingebüßt. Viele Adelige hatten Hab und Gut verloren und damit auch eines der wichtigsten Statussymbole, das Pferd. So behalfen sich manche eben mit Ersatzsymbolik. Ein Mann in prächtigen Reitstiefeln betritt das Café. Sagt ein Freund zum anderen am Tisch: „Ich hab ja auch kein Pferd, aber dermaßen kein Pferd wie der habe ich nicht.“

Damit mir sowas nicht passiert, lege ich das nächste Mal im Kaffeehaus nicht mehr meinen Dacia-Schlüssel mit dem großen Tesla-Anhänger auf den Tisch.

Protzig kommt so ein Tesla ja nicht gerade daher. Foto: Kirchengast

Plädoyer für das Bürgerliche

Gespaltene Gesellschaft, Hass in den „sozialen“ Medien, Maßlosigkeit in allen Lebensbereichen: Immer mehr Menschen scheint der Bürgersinn abhanden zu kommen. Aber was bedeutet es eigentlich, bürgerlich zu sein?

Historisch entstand das Bürgertum in den Städten, wo sich Kaufleute und Handwerker etablierten und Selbstbewusstsein gegenüber Adel und Klerus entwickelten. Bürger zu sein, bedeutete Wohlstand und Bildung, beides meist durch eigene Leistung erworben. Mit der Französischen Revolution von 1789 erreichte bürgerliche Macht ihren vorläufigen Höhepunkt. Im Blutbad, das es zunächst unter dem Adel, aber auch unter Widerspenstigen aus anderen Schichten und schließlich unter den Revolutionären selbst anrichtete, zeigte ein außer Rand und Band geratenes „Bürgertum“ seine häßliche Fratze.

Bürgerlich bedeutet auch Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft. Foto: Josef Kirchengast

Die von den Revolutionären – und nicht nur von ihnen – getroffene Unterscheidung zwischen „bourgeois“ und „citoyen“ aber bleibt bis heute gültig. Der Bourgeois steht für ein blasiertes Bürgertum, das sich besser als alle anderen wähnt und in seinem Wohlstand und Bildungsdünkel nicht mit gesellschaftlichen Konflikten behelligt werden möchte. Der Citoyen hingegen bezeichnet ein Bürgertum, das sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt.

Auf die Gegenwart übertragen: Der Citoyen ist ein – mehr oder weniger – aktives Mitglied der Zivilgesellschaft. Ohne das ehrenamtliche Engagement der zahllosen Frauen und Männer in verschiedensten Gruppen und Organisationen, von der Sozialhilfe (Caritas, Rotes Kreuz, etc. etc.) über Umwelt-NGOs bis hin zur Freiwilligen Feuerwehr, könnte unsere Gesellschaft nicht überleben. Schon heute steht sie an ihren Grenzen. Anspruchsdenken und übersteigerter Individualismus sind – nicht nur – die Ursachen, dramatisch verschärft durch die Pandemie. In den Demonstrationen vor Krankenhäusern manifestiert sich ein pervertiertes Bürgertum in abstoßendster Art.

Was also kann Bürgertum im wohlverstandenen Sinn heute bedeuten? Bürger und Bürgerinnen in einem solchen Verständnis sind selbstwusste Menschen, die wissen, dass es ihnen selber wirklich gut nur dann gehen kann, wenn auch die Gemeinschaft, in der sie leben, einigermaßen im Lot ist. Das funktioniert auch in einer intakten Demokratie nicht automatisch – siehe oben. Es erfordert die aktive Teilhabe aller – entsprechend ihren jeweiligen Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Ein militanter Impfgegner, um das aktuellste Beispiel zu nennen, ist der Anti-Bürger schlechthin. Er fordert maximale Freiheit für sich selbst und lastet der Gemeinschaft die Kosten der Konsequenzen auf. Menschen, sie sich impfen lassen, tun das in erster Linie meist für sich selbst. Es gibt unter ihnen aber sicher nicht wenige, die zwar Bedenken gegen die Impfung haben, sie aber auch als Dienst an der Gemeinschaft in einer Ausnahmesituation sehen. Sie darf man getrost als wahre Bürger bezeichnen.

„Bürgerlich“ zu leben in diesem Sinn bedeutet, ständig die Balance zu suchen: zwischen Eigennutz und Gemeinwohl; zwischen Rechten und Pflichten; zwischen Arbeit und Muße; zwischen Verzicht und Genuss; zwischen Verstand und Gefühl; zwischen dem Materiellen und dem Immateriellen. Das schöne, alte Wort Erdenbürger ist ganz und gar modern: Ein Erdenbürger, eine Erdenbürgerin von heute denkt die Welt, das Ganze in seinem/ihrem Handeln mit.

Solcherart bürgerlich zu leben, ist selten so gemütlich, wie ein Kleinbürger es gerne hätte. Oft sogar ziemlich anstrengend. Zu anstrengend jedenfalls für einen Bourgeois. Und doch schafft ein solches Leben Wohlbefinden, etwa von der Art, die sich einstellt, wenn man eine Arbeit einigermaßen gut erledigt hat. Zumindest bis zum nächsten Mal. Und das kommt bestimmt.

„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ (Goethe, Faust I) Foto: Helga Kirchengast

Vermengt, geknetet und vernudelt

Bei uns wird Erntedank schon Anfang Oktober gefeiert. In Kanada ist Thanksgiving immer am zweiten Montag im Oktober, in den USA am vierten Donnerstag im November – und das größte Familienfest. Wann, wo und wie auch immer Dank gesagt wird – in seinem Gedicht „Das Brot“ trifft Wilhelm Busch auf humorvolle Art den Wesenskern und erweist sich als großer Philosoph und Menschenfreund.


Er saß beim Frühstück äußerst grämlich,
Da sprach ein Krümchen Brot vernehmlich:

Aha, so ist es mit dem Orden
Für diesmal wieder nichts geworden.
Ja, Freund, wer seinen Blick erweitert
Und schaut nach hinten und nach vorn,
Der preist den Kummer, denn er läutert.
Ich selber war ein Weizenkorn.
Mit vielen, die mir anverwandt,
Lag ich im rauhen Ackerland.
Bedrückt von einem Erdenkloß,
Macht ich mich mutig strebend los.
Gleich kam ein alter Has gehupft
Und hat mich an der Nas gezupft;
Und als es Winter ward, verfror,
Was peinlich ist, mein linkes Ohr;
Und als ich reif mit meiner Sippe,
O weh, da hat mit seiner Hippe
Der Hans uns rutschweg abgesäbelt
Und zum Ersticken festgeknebelt
Und auf die Tenne fortgeschafft,
Wo ihrer vier mit voller Kraft
In regelrechtem Flegeltakte
Uns klopften, daß die Schwarte knackte.
Ein Esel trug uns nach der Mühle.
Ich sage dir, das sind Gefühle,
Wenn man, zerrieben und gedrillt
Zum allerfeinsten Staubgebild,
Sich kaum besinnt und fast vergisst,
Ob Sonntag oder Montag ist.
Und schließlich schob der Bäckermeister,
Nachdem wir erst als zäher Kleister
In seinem Troge bass gehudelt,
Vermengt, geknetet und vernudelt,
Uns in des Ofens höchste Glut.
Jetzt sind wir Brot. Ist das nicht gut?
Frischauf, du hast genug, mein Lieber,
Greif zu und schneide nicht zu knapp
Und streiche tüchtig Butter drüber
Und gib den andern auch was ab.

Wilhelm Busch (1832-1908)

Sowas ist keine Kunst. Ist es doch.

Was ist Kunst? Die ewige Frage. Auf unserer jüngsten Istrien-Reise begegneten wir einem Objekt, das sich trefflich für eine Diskussion über dieses Thema eignet. Es handelt sich um ein Bild, das wir im Schaufenster einer Galerie sahen, neben anderen Werken offenbar derselben Künstlerin oder desselben Künstlers. Da die Galerie geschlossen war, konnten wir zunächst keine näheren Informationen erhalten. Es gab aber eine Telefonnummer an der Tür.

Das Bild, eine Collage aus bemalten Holzteilen, stellt eine Stadt mit Blick auf das Meer dar, auf sehr naive Art. Es stammt von Lucija Rilov, die in der alten kroatischen Küstenstadt Trogir mit ihrem Mann Dusko die Galerie Turtula betreibt. Sie arbeitet nur mit Schwemmholz, das sie gemeinsam mit Dusko an den Stränden sammelt.

Nach unserer Rückkehr starteten wir in der Familie, unter Kindern und Enkelkindern, eine Rundfrage, ohne Kommentar: „Wie gefällt euch das?“ Die Antworten reichten von „sehr gut“ über „interessant“ bis „relativ schiach“. Die Jüngste, knapp sechs, brauchte nur eine Sekunde, um es schön zu finden. Ihre achtjährige Schwester schaute genauer und länger hin, um zu dem gleichen Urteil zu kommen. Der ältere Enkelsohn (15): „In Ordnung, aber eher nicht so meins.“ Ein Erwachsener: „Find’s aufgrund der unterschiedlichen Materialien und Farben ganz interessant, würde aber ehrlicherweise keine Unsummen dafür ausgeben.“ Sein Bruder: „Die Häuser find ich ganz süß, aber Bäume, Boote und vor allem Rahmen gefallen mir gar nicht.“

Drei weibliche Stimmen: „Mich erinnert es ein Bisschen an – besonders schöne! – Bastelarbeiten aus der Schule und an die Krippen, die eine meiner Tanten früher gemacht hat … Was mir immer gefällt: originelle Stadtansichten. – „Es hat auf jeden Fall etwas sehr Fröhliches, Positives! Es erinnert mich auch an Italien.“ – „Erfrischend, belebend, rührt an die Sehnsucht im Herzen.“

„In jedem Menschen steckt darum Kitsch, weil Kitsch der kürzeste Weg zur Versöhnung mit den Lebensumständen zu sein scheint, und warum soll man nicht den einfachsten Weg einschlagen?“ Gemessen an diesen Worten des deutschen Philosophen Burghart Schmidt (geb. 1942), ist das Bild kitschig. Schmidt hinterfragt seine Diagnose allerdings selbst, indem er sagt, Kitsch scheine der kürzeste Weg zur Versöhnung mit den Lebensumständen zu sein.

So verhält es sich nämlich: Wir wissen oder spüren, dass es nicht so ist, wie es uns das Bild auf den ersten Blick zeigt. Es lässt uns lächeln ob seiner unbeschwerten Naivität und beunruhigt uns zugleich. Zumindest mir ergeht es so beim Betrachten. Meine erste Reaktion aber war reine Freude.

Kunst lotet den menschlichen Kosmos in all seinen Höhen und Tiefen aus, taucht in die Dystopien und Utopien des Geistes und der Seele ein. Ich persönlich neige zum Ratschlag Friedrich Schillers an die Kunstschaffenden: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie. Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.“

Für das naive Bild von einer heilen mediterranen Welt sind diese Worte vielleicht zu hoch gegriffen. Und doch auch wieder nicht. Denn dieses Bild zeigt, wie die Welt sein könnte – wenn die Menschen nicht so wären, wie sie sind. Es erfreut Herz und Seele – und stimmt zugleich nachdenklich, auch traurig.

Wenn ein Werk solche Gefühle und Gedanken in mir auslöst, ist es für mich Kunst. Auch wenn andere es kitschig finden. Der Preis jedenfalls ist dann bestenfalls zweitrangig. Die Schätzungen im Familien- und Freundeskreis reichten von 120 bis 500 Euro. Dass er irgendwo in dieser Bandbreite liegt, haben wir von der Galeriebesitzerin am Telefon erfahren. Aber wir verraten ihn nicht.

Inzwischen hängt das Bild in unserem großen Waldraum auf der Huabn. Und weckt bei jedem Anblick aufs Neue die Sehnsucht nach dem Meer – was schon fast an Masochismus grenzt.