Durch und durch korrupt

Die spezifisch österreichische Form der politischen Korruption scheint immun gegen Reformen, wie die jüngsten Enthüllungen um die Staatsholding zeigen. Aber ich gestehe: Auch ich bin durch und durch korrupt.

Was der Unterschied zwischen einem unbestechlichen und einem bestechlichen Politiker sei, soll der einstige französische Präsident François Mitterrand einmal gefragt worden sein. Die Antwort: eine Million Francs. Unausgesprochene Ergänzung: Jeder hat seinen Preis. Ausnahmen: die Heiligen und Helden, die wir aus eben diesem Grund verehren.

Gemessen an dem von Mitterrand genannten Preis müssten praktisch alle österreichischen Politiker einen Heiligenschein tragen. Mit Platz 15 (von 179 Ländern) liegt Österreich im Korruptionsranking 2020 von Transparency International ja nicht so schlecht. Ob das aber der Realität entspricht, muss ganz stark bezweifelt werden. Hätte es dessen noch bedurft – die jüngsten Enthüllungen um den schamlosen Postenschacher in der Staatsholding belegen von Neuem, wie reformresistent die Korruptionskultur in Österreich ist.

Transparenz und Sauberkeit bedingen einander, wenn Korruption minimiert werden soll. (Spiegelung im Schaufenster von Optik Billek, Feldbach)

Im Transparency-Ranking folgen übrigens hinter dem erstgereihten Neuseeland auf den weiteren Spitzenrängen ausschließlich europäische Länder – unter anderen alle nordischen Staaten, die Schweiz, Luxemburg und Deutschland. Das westafrikanische Burkina Faso, dessen Namen man auch mit „Land der Unbestechlichen“ übersetzen könnte, belegt übrigens Platz 86. Wunsch und Wirklichkeit.

Unabhängig von den Parametern, die Transparency International seiner Wertung zugrunde legt, stellt sich die Frage: Was bedeutet unbestechlich? Und gibt es das im realen Leben überhaupt? Ist es zynisch zu behaupten, auch ein scheinbar absolut unbestechlicher Mensch sei letztlich korrupt – weil er sich von der Vorstellung seiner unbefleckbaren Integrität verführen lässt, der Vorstellung, besser, edler zu sein als alle Anderen? Korruption auf höchstem, subtilstem Niveau gewissermaßen.

Dazu fällt mir die Erzählung eines Bekannten über den beendeten Versuch seines Freundes ein, das Rauchen aufzugeben. Dessen Begründung: „Ich habe es satt, mich von meinem eisernen Willen tyrannisieren zu lassen.“ Man könnte auch sagen: korrumpieren zu lassen. Es scheint also doch zu stimmen, dass jeder seinen Preis hat. Nicht die Höhe – die Art des Preises ist entscheidend.

Das lateinische corruptio bedeutet Verderbnis, Verdorbenheit, Bestechlichkeit. Der US-amerikanische Politologe Harold Dwight Lasswell definierte es als einen speziellen Vorteil, für den ein allgemeines Interesse verletzt wird (Quelle: Wikipedia). Verletze ich ein allgemeines Interesse, wenn ich durch eine kleine Gefälligkeit gegenüber einem Beamten die schnellere Behandlung meiner Eingabe erwirke? In Russland (Transparency Ranking 129) – und nicht nur dort – herrscht immer wiederkehrenden Umfrageergebnissen zufolge die Meinung vor, Korruption sei ein notwendiges, zumindest aber unvermeidliches Element im Zusammenleben von Regierenden und Regierten, Schmiermittel der Gesellschaft im Wortsinn. Anders gehe es eben nicht.

Da die Politiker nicht vom Himmel fallen, sondern aus ihrem Volk hervorgehen, liegt die Annahme nahe, dass es sich in Platz-15-Österreich nicht grundlegend anders verhält als in Platz-129-Russland. Wenn man es sich richten kann, richtet man es sich eben. Jeder kennt jemanden, an den man sich in diesem oder jenem Fall wendet, wenn es schneller und/oder billiger gehen soll. Mit selbstbewussten, mündigen Bürgern und einer aktiven Zivilgesellschaft hat das nicht sehr viel zu tun. Das zeigen auch die Erfahrungen der Corona-Lockdowns mit ihrem Wechselspiel von Obrigkeitshörigkeit, Vernaderung und heimlichem Ungehorsam.

Heinrich Mann, dessen Geburtstag sich am 27. März zum 150. Mal jährte, hat diese Mentalität in seinem Roman Der Untertan sozialpsychologisch unübertroffen so beschrieben: „Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden gerüttelt, eine gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unten sich Bewegendes, fast wie ein Hass, der zu seiner Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen nahm. Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte Regung.“

Auf solchem Nährboden können nicht nur totalitäre Systeme prächtig gedeihen, wie die Jahre zeigten, die auf die Zeit des Untertan folgten. Indem er die Entwicklung einer Zivilgesellschaft verhindert, begünstigt dieser Nährboden auch korrupte Systeme aller Art. Transparenz, respektvolle Konfliktbereitschaft, eine entwickelte Streitkultur sind die wirksamen Gegenmittel.

Und es beginnt, wie immer, bei jedem, jeder Einzelnen. Die Währungen der Korruption sind vielfältigster Natur. (Unehrliche) Komplimente und Schmeichelei kosten nichts, können oft aber wirksamer sein als materielle Begünstigungen. Wer wäre schon immun dagegen?
Sich seiner Schwächen und Verführbarkeiten bewusst zu sein, aber nicht der Versuchung zu erliegen, damit zu kokettieren und zum Zyniker zu werden: das ist vielleicht die höchste Form von Unbestechlichkeit. Dazu eine Empfehlung von Erich Kästner:

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

Das wäre schon einmal ein Anfang. Fotos: Kirchengast

Wie schön, dass alle anderen Deppen sind

Soll ich Gott bitten, mich ein bissl blöder zu machen, damit ich die anderen versteh‘ ?

Ach, wie schön, dass ich mich darüber aufregen kann, wie blöd alle anderen sind. Die Leut‘ sowieso, die Tiroler im Besonderen, die Ministerin, die zu deppert ist, ihre Diplomarbeit gut abzuschreiben, im ganz Speziellen. Und der PR-Berater, der Wiener Polizisten für dümmer hält als ihre Polizeihunde. Deppen, wohin man schaut. Gott sei Dank gibt’s eine Ausnahme. Mich.

Mit dieser Ausstattung hat man es schwer.

Genau das ist leider ein kleines Problem. Ich habe niemanden, der mich versteht. Mit dem ich mich auf meinem Niveau verständigen kann. Ich bin sehr einsam. Ich könnte ja versuchen, wenn nicht schon alle Leut‘, so zumindest die Tiroler zu verstehen. „Die“ Tiroler. Warum „sie“ so geworden sind, wie „sie“ sind. Bisch‘ a Tiroler, bisch‘ a Mensch; bisch‘ koa Tiroler, bisch‘ a Oasch. Dann bin i lieber a Oasch. Punkt. I bin a Oasch und verstehe das als Auszeichnung. Kein Handlungsbedarf. Sonst müsste ich ja Gott bitten, mich ein bissl blöder zu machen, damit ich die anderen versteh‘.

Der PR-Berater, der Polizeihunde im Durchschnitt für intelligenter hält als Wiener Polizeibeamte, ist Steirer und wäre damit eigentlich im höchsten Intelligenzsegment angesiedelt. Österreicher durch Geburt, Steirer durch die Gnade Gottes. Selbstreflexion überflüssig. Ich weiß das, weil ich selber Steirer bin. Leider sind aber nicht alle Steirer so gescheit wie ich. Sonst sähe es ganz anders aus. Um mich herum, im Bezirk, im Bundesland, auf der ganzen Welt.

Jüngst haben wir bei unserem Dorfbäcker über die Corona-Lage geredet. Die allgemeine Wahrnehmung, kaum überraschend: Frustrations- und Aggressionspegel steigen. Immer mehr Menschen finden immer mehr schlecht, immer mehr wissen, wie man es besser macht. Einem solchen riet eine Bekannte: Weißt was, setz‘ di ins Auto, fahr‘ nach Wien aussi und sag’s denen eini – die brauchen genau so einen. Da wurde der laute Mann leise.

Ich habe auch meine Stunden der Empörung, aber ich verstecke sie, weil ohnmächtige Empörung lächerlich ist. Da ich nicht stolz sein konnte, bin ich demütig geworden, um mir die Scham zu ersparen, niederträchtig zu werden. Diese Worte stammen von Nestroy. Ohne dem begnadeten Menschenkenner und Philosophen nahe treten zu wollen: Indem er dies niederschrieb, bekundete er zugleich seine geistig-moralische Überlegenheit. Möglicherweise unbewusst – aber dafür war er zu gescheit.

Dazu fällt mir ein Witz ein. Vertreter verschiedener katholischer Orden preisen im Gespräch die Vorzüge der jeweils eigenen Gemeinschaft. Der Benediktiner lobt das „Ora et labora“ (Arbeite und bete), der Franziskaner das Armutsgebot. Und so weiter. Zum Schluss ist der Jesuit an der Reihe. Angesichts all der geschilderten Gottgefälligkeiten ist er zunächst sprachlos. Dann jedoch hat er die rettende Eingebung: „Aber in der Demut sind wir allen anderen überlegen.“

Erleuchtung und Einsicht können vielfältige Formen annehmen. (Optik Billek, Feldbach) Fotos: Kirchengast

Man sieht: Die Fähigkeit des Menschen, sich für etwas Besseres zu halten, ist grenzenlos. So grenzenlos wie die menschliche Dummheit. Das sollte eigentlich Anlass zur Hoffnung geben – außer es handelt sich um ein und dasselbe.

In beiden Fällen gibt es viel zu tun. Packen wir’s an. (Ende der Werbedurchsage.)

(Fügte ich jetzt an: Vorsicht, Ironie!, dann unterstellte ich den Leserinnen und Lesern mangelnde Intelligenz. Das tue ich aber nicht.)

Ohne Frauen stirbt das Land

Immer mehr junge Frauen ziehen vom Land in die Stadt. Junge Bauern finden kaum noch Partnerinnen für die Bewirtschaftung des Hofes. Wenn die ländlichen Regionen veröden, hat das gravierende Folgen für die ganze Gesellschaft.

Sinnbild für umfassende weibliche Kompetenzen: mährische Brotmadonna.

Der Mann kommt vom Wirtshaus nach Hause. In der Küche steht die Frau am Herd. Der Mann, beflügelt durch Alkohol, betont sein Hausherrenrecht – er sei der Chef hier und bestimme den Lauf der Dinge. Die Frau pflichtet ihm bei: daran zweifle ohnehin niemand. Das wiederholt sich ein paar Mal, bis es der Frau zu dumm wird und sie ihn etwas unsanft wegschubst. Der Mann stolpert, geht zu Boden – und schläft sofort ein. Die Nachbarin schaut zu einem Schwätzchen vorbei und wundert sich: „Warum schläft dein Mann hier in der Küche?“ – „Er ist der Chef – er darf schlafen, wo er will.“

In einer Diskussion über traditionelle und moderne Rollenbilder hat uns eine gute Bekannte aus Bulgarien diesen Witz aus ihrer Heimat erzählt. Die Botschaft ist unschwer zu entschlüsseln: Die Verhältnisse sind meist nicht so, wie sie scheinen. Das gilt auch für viele Haushalte hierzulande, vor allem auf dem Land, wo auf den ersten Blick noch immer die „gute alte“, sprich: patriarchalische Ordnung herrscht: Der Mann ist der Oberbestimmer, die Frau darf sich um den Haushalt und die Kinder kümmern, oft noch neben ihrem Beruf.

Aber ist das wirklich so? Und war es früher wirklich so? Ich stamme mütterlicher- wie väterlicherseits aus kinderreichen Bauernfamilien ab und habe beide Milieus hautnah erlebt, mit zunehmendem Alter auch ganz bewusst. In beiden Fällen war die Arbeitsteilung klar: Die Führung des landwirtschaftlichen Betriebes ist Männer- , die Führung des Haushaltes Frauensache. Darüber, wer denn das offizielle Oberhaupt sei, gab es nicht den Hauch einer Diskussion – der Mann natürlich. Ebenso natürlich und unhinterfragt aber waren Frauen die eigentlichen Chefinnen – in beiden Fällen nicht die Ehefrauen, sondern die Mütter der Hausherren. Sie organisierten und dirigierten das Geschehen zumindest im Haus, mit mehr oder weniger nachdrücklichen Ratschlägen aber oft auch auf dem ganzen Hof.

Im günstigeren Fall ergab sich ein tragfähiger Modus vivendi zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, im Zweifelsfall hatte sich die Jüngere zu fügen. Nicht so selten aber auch der Hausherr. Im Zweifel lag das letzte Wort bei der Hausmutter, der Matrona. Für meine Cousins und Cousinen stand das ebenso außer Frage wie für mich als temporäres Familienmitglied.

Sehr ähnlich – trotz anderer Milieus – verhielt es sich in den Haushalten der Großeltern meiner Frau. In einem Fall erstreckte sich die Autorität der „Muata“, wie sie von allen genannt wurde, sogar auf die US-Besatzungssoldaten, die im Haus einquartiert waren. Die amerikanische Sitte, die Füße auf dem Tisch zu lagern, ließ die Hausherrin in ihrem Reich nicht einreißen. Kündigte sich ein Kontrollgang an, hieß es unter den GIs: „Feet down, Muata is coming!“

Die katholische Kirche, seit je her stark darin, sogenannte heidnische Bräuche, Sitten und Gemeinschaftsregeln zu adoptieren, zu „akkulturieren“, hat die naturbedingt starke Rolle der Frau im Bild der Schutzmantelmadonna mythisch überhöht. Wodurch die anhaltende Diskriminierung der Frauen in der Amtskirche besonders absurd erscheint. Man könnte es psychologisch freilich auch als uneingestandenes Zeichen der Unterlegenheit interpretieren, dass ein exklusiv männlicher Priesterklub ein überhöhtes Frauenbild um Schutz und Beistand bittet.

Die Schutzmantelmadonna von Ptujska Gora (Maria Neustift, nahe Ptuj/Pettau), dem nach Mariazell einst berühmtesten Wallfahrtsort der Steiermark: überhöhtes Frauenbild als Eingeständnis männlicher Unterlegenheit? Fotos: Kirchengast

Und wie sieht das heute aus in den ländlichen Regionen? „Wenn die Frauen gehen, stirbt das Land“, meinte jüngst Maria Pein, Vizepräsidentin der steirischen Landwirtschaftskammer. Ihren Angaben zufolge ziehen allein in der Steiermark jährlich etwa 600 junge Frauen vom Land in die Stadt. Damit verlören die ländlichen Gemeinden „Finanzkraft, soziale Kompetenz und intellektuelles Kapital“. Um dem entgegenzuwirken, brauche es flexible Kinderbetreuung, Unterstützung in der Pflege und Frauennetzwerke.

Der Exodus der Frauen ist auch einer der Gründe, warum immer mehr Bauern aufhören. Viele Junge wollen den elterlichen Hof nicht übernehmen, weil sie keine Partnerin finden, die sich den harten Vollzeitjob einer Bäuerin antun will. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Etwa die 41-jährige Eva König, die als dreifache Mutter in der Obersteiermark einen Biohof inklusive Hofladen und Schulführungen managt. „Wir Bauern sind nur noch drei Prozent, also müssen wir zusammenhalten. Bio gegen Konventionell, Rinder gegen Schweine, das alles bringt uns nicht weiter. Jeder soll seinen Betrieb so führen, wie er es für richtig hält“, sagte sie jüngst der Kleinen Zeitung.

Aber wenn diese moderne Bäuerin zugleich betont, sie „wachse lieber mit dem Geist als mit dem Hektar“, dann ist klar, welcher landwirtschaftlichen Philosophie sie den Vorzug gibt. Aus jedem ihrer Worte ist herauszuhören, wie erfüllend (und fordernd) die Aufgabe ist, für die sie sich entschieden hat. Den Hofladen richtete sie aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage nach regionalen Produkten ein, eine Folge der CoronaKrise.

Nur eine bäuerliche Landwirtschaft kann hochwertige regionale Lebensmittel liefern und eine krisenfeste Versorgung gewährleisten. Die bäuerliche Landwirtschaft aber kann nur mit engagierten Frauen überleben, die ihrer Bedeutung entsprechend gesellschaftlich anerkannt und durch die Politik weit mehr als bisher unterstützt werden. Ohne bäuerliche Landwirtschaft veröden die ländlichen Regionen nach und nach – zum Schaden aller, ob in den Dörfern, Marktflecken oder Städten.

Wer braucht eine Persönlichkeit?

Persönlichkeiten beeindrucken uns, üben Vorbildwirkung aus oder schrecken uns ab. Aber brauchen wir sie wirklich zur Entfaltung unserer eigenen Persönlichkeit?

Gibt es noch Persönlichkeiten?, haben wir uns jüngst im Familien- und Freundeskreis gefragt. Menschen, die uns durch das, was sie sagen und vor allem tun, zum Nachdenken und Nachahmen anregen? Oder wird in unserer geschwätzigen Zeit alles zerredet, noch bevor es Wirkung entfalten kann?

Persönlichkeit und Schicksal: Vincent Van Gogh (Die Sternennacht, Atelier des Lumières, Paris)

Viele Persönlichkeiten, die sich dieser zersetzenden Dynamik entziehen und trotz allem nachhaltige Vorbildwirkung entfalten, sind uns nicht eingefallen. Ich will hier bewusst keine Namen nennen, um nicht zu präjudizieren. Jede/r kann sich selbst auf die Suche machen.

Aber brauchen wir eigentlich Persönlichkeiten? Was ist überhaupt eine Persönlichkeit? Versuch einer Definition: ein in sich gefestigter, selbstbewusster Mensch, der sich seiner Stärken wie seiner Schwächen bewusst ist, der ständig die Balance zwischen Gemeinschaftssinn und Individualität sucht, der seine Talente und Fähigkeiten erkennt und bestmöglich nutzt. Zweiter Versuch: ein Mensch mit ausgeprägten Charaktereigenschaften, positiven oder weniger angenehmen, oder einer spannenden Mischung von beiden. Dritter Versuch: ein Mensch mit einer Ausstrahlung, die uns in positive Schwingungen versetzt.

Brauchen wir aber, um es zu wiederholen, überhaupt Persönlichkeiten, ob als Vorbilder oder, im schlimmsten Fall, abschreckende Beispiele? Zeugt ein solches Bedürfnis nicht von Mangel an Selbstbewusstsein, also an eigener Persönlichkeit? Ganz im Sinne eines Wortes von Samuel Beckett: „Man ahnt, was man hätte werden können, wenn man nicht hätte sein müssen, was man ist.“

Es beeindruckt uns, wenn ein Mensch sein Schicksal meistert. Meistern heißt nicht, Herr seines Schicksals zu sein. Es gibt den Menschen und es gibt das Schicksal. In den Worten Nestroys: „Reich oder arm, das Schicksal findet bei jedem das Fleckerl heraus, wo er kitzlig ist.“ In den Worten Heimito von Doderers: „Niemandem wird gewährt, den Taktstock über das eigene Leben zu schwingen, und wie lange eine Sequenz dauert, bestimmt nicht solch ein kleiner Dirigent, sondern nur ein großer Kompositeur.“

Aber selbst ein kleiner Dirigent kann die Komposition seines Lebens, auch wenn sie ihm über weite Sequenzen vorgesetzt wird, so oder so interpretieren. Und zwar nicht nur in Nuancen. Nelson Mandela – und damit sind wir wohl bei einer der wenigen ganz großen Persönlichkeiten – hat sein Schicksal im besten Sinn des Wortes gemeistert. Fast drei Jahrzehnte im Gefängnis haben ihn nicht gebrochen, sondern, im Gegenteil, nur noch stärker gemacht – und zugleich versöhnlich.

Mandela hatte seinerseits ein Vorbild: den englischen Schriftsteller William Ernst Henley (18491903). Henley erkrankte mit zwölf an Knochentuberkulose, einige Jahre später musste ein Unterschenkel amputiert werden. Gegen die Amputation des zweiten Beines wehrte er sich erfolgreich, überwand die Krankheit und führte ein erfülltes Leben. Die entscheidenden Erfahrungen hielt er in dem Gedicht Invictus (Unbesiegt) fest.

Als Mandela 2013 starb, stellte das britische Magazin Economist sein Porträt auf die Titelseite und dazu die letzte Strophe von Invictus:

It matters not how strait the gate,
how charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

Mag das Tor noch so eng, mag das Lehrgeld, das wir schon bezahlt haben, noch so groß sein: Wir können unser Schicksal meistern – als Kapitäne, die unsere Seelen in rauher See auf dem Kurs halten, den wir bestimmen.

Man muss nicht Herr über sein Schicksal sein, um es zu meistern. Fotos: Kirchengast

Im „Philosophischen Jahresrückblick“ auf 3sat sprach Gert Scobel jüngst mit dem deutschen Schriftsteller und Philosophen Wolfram Eilenberger darüber, was uns denn die Philosophie bei der Bewältigung unseres Lebens nütze. Philosophie bedeutet bekanntlich „Liebe zur Weisheit“. Eilenbergers Antwort: Die Philosophie hilft uns dabei „Experten unseres Lebens“ zu werden.

Eine sehr schöne, treffende Formulierung, auch weil sie den hohen Anspruch, Meister unseres Schicksals zu sein, mildert. Wie groß diese bescheidenere Herausforderung noch immer ist, wird allein dadurch klar, dass Experten selten einer Meinung sind. Das macht die Sache umso spannender.

Die vergoldeten Herzen

Denk es wäre nicht: es hätte müssen
endlich in den Bergen sich gebären
und sich niederschlagen in den Flüssen
aus dem Wollen, aus dem Gären

ihres Willens; aus der Zwang-Idee,
dass ein Erz ist über allen Erzen.
Weithin warfen sie aus ihren Herzen
immer wieder Meroë

an den Rand der Lande, in den Äther,
über das Erfahrene hinaus;
und die Söhne brachten manchmal später
das Verheißene der Väter,
abgehärtet und verhehrt, nachhaus;

wo es anwuchs eine Zeit, um dann
fortzugehn von den an ihm Geschwächten,
die es niemals liebgewann.
Nur (so sagt man) in den letzten Nächten
steht es auf und sieht sie an.

Rainer Maria Rilke, Das Gold (1907, Paris)

Vergoldeter Stein in der Enz: Symbol der deutschen „Goldstadt“ Pforzheim. Foto: Andreas Gmelin-Rewiako

 

Kleine Zeitung, 1. April 2025

„Kein Aprilscherz: Das Virus ist besiegt“
Seit gestern ist es offiziell: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde im Monat März weltweit keine Neuinfektion durch Covid-31 gemeldet. Damit könne das Virus als besiegt und die Pandemie als beendet angesehen werden. Covid-31 ist bekanntlich die zwölfte Mutation von Covid-19, das sich 2019, von China ausgehend, auf der ganzen Welt verbreitet und mehr als 25 Millionen Todesopfer gefordert hat. Auf die erste Impfwelle Mitte 2021 antwortete das Virus mit einer Mutation, ein halbes Jahr später mit einer weiteren, nachdem ein neuer Impfstoff entwickelt worden war. Dieses Pingong setzte sich in immer kürzeren Intervallen fort – bis das Serum gegen Covid-31 nun der Seuche ein Ende setzte. Papst Coronus wird bereits morgen im Petersdom einen Dankgottesdienst zelebrieren, erstmals seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren ohne Schutzmaske. Der chinesische Kardinal Li Peng-xi hatte ja nach seiner Wahl zum katholischen Oberhaupt im Mai 2023 diesen Namen gewählt, um, wie er erklärte, ein Zeichen der Demut und gegen die Angst vor dem Virus zu setzen. Die Kür Lis zum Pontifex maximus wird als größte Sensation in der Geschichte des Katholizismus gewertet, auch deshalb, weil Chinas katholische Kirche als regimetreu gilt. Vatikanische Insider sprechen von einem Signal, die Weltmacht China stärker in die moralische Pflicht zu nehmen.


Der Standard, 2. April 2025

„Rätselhafte Erkrankung eines Wiener Juweliers“
Ein Juwelier in der Wiener Goldschmiedgasse wurde am Dienstag mit rätselhaften Krankheitssymptomen in das Allgemeine Krankenhaus eingeliefert: rasselnder Atem, weit
aufgerissene Augen, die Pupillen goldglänzend, ebenso die Fingernägel, die sich zu regelrechten Krallen verformt hatten. Der Patient sprach auf keinerlei konventionelle Therapie an und musste in die Intensivstation verlegt werden.


Der Standard online, 3. April 2025

„Juwelier verstorben – Obduktion angeordnet“
Der am Dienstag mit bisher unbekanntem Krankheitsbild ins Wiener AKH eingelieferte Juwelier ist wenige Stunden nach der Verlegung in die Intensivstation verstorben. Da der Verdacht einer Vergiftung besteht, ordnete die Staasanwaltschaft eine Obduktion an.


Kronen-Zeitung, 4. April 2025

„Unfassbar: An vergoldetem Herzen gestorben“
Einfach unfassbar: Er arbeitete und verdiente mit Gold – und ist im buchstäblichen Sinn daran gestorben. Der Wiener Juwelier aus der Goldschmiedgasse – welche Ironie! -, der am Dienstag in das AKH gebracht worden war, fiel einem Herzversagen zum Opfer. Die Autopsie förderte ein Organ zutage, das fest mit einer dichten Schicht von reinem Gold ummantelt war. Dadurch konnten die Herzmuskel nicht mehr arbeiten. Die Mediziner sind völlig ratlos und warten nun auf das Ergebnis der bakteriologischen und virologischen Untersuchung. Eines steht aber bereits fest: Das legendäre „goldene Wiener Herz“ wird nie mehr das sein, was es einmal war.

Austria Presse Agentur, 9. April 2025

„Erkrankungswelle in der Münze Österreich“
Die Münze Österreich, ein Unternehmen im Besitz der Oesterreichischen Nationalbank, muss die Prägung von Goldmünzen um mindestens 50 Prozent herunterfahren. Dies teilte der Vorstand heute in einer Pressekonferenz mit. Ursache ist eine Erkrankungswelle in der Belegschaft. Seit etwa einer Woche ist die Zahl der Betroffenen unter den rund 300 Mitarbeitern laufend angestiegen. Die Symptome der Erkrankten gleichen jenen des vor fünf Tagen verstorbenen Wieder Juweliers. Wie der Vorstand auf wiederholte Nachfrage von Medienvertretern eingestand, sind inzwischen bereits 15 Erkrankte verstorben – ausnahmslos Mitarbeiter, die in direkten Kontakt mit Goldmünzen gekommen waren. Der „Wiener Philharmoniker“ mit einer Feinunze Goldgehalt gilt als eine der weltweit begehrtesten Goldmünzen. Mit dem sprunghaften Anstieg des Goldwertes im Gefolge der Corona-Krise ist die Nachfrage nach dem „Philharmoniker“ explodiert. Die Münze Österreich musste das Personal aufstocken und neue Lieferquellen für Rohgold erschließen.


Kronen Zeitung, 11. April 2025

„Gold-Tod von Corona-Mutation verursacht“
Corona ist zurück. Die virologische Auswertung der Obduktion des an „vergoldetem Herzen“ gestorbenen Wiener Juweliers hat ein sensationelles – und äußerst alarmierendes – Ergebnis gebracht: Die todbringende Goldschicht um das Herz wird von einer Mutation des Covid-31-Virus hervorgerufen. Dagegen ist der Impfstoff, mit dem man die Corona-Seuche schon besiegt glaubte, wirkungslos. Welche Prozesse im Körper diese Goldschicht erzeugen, ist völlig unklar. Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass alle Personen, die jemals mit Gold in Berührung gekommen sind, zur höchsten Risikogruppe zählen, und zwar völlig unabhängig vom Alter.


ORF, ZiB 2, 13. April 2025

Armin Wolf im Interview mit dem (2021 installierten) österreichischen Chefvirologen Ernest Wurzinger.

Wolf: Herr Professor Wurzinger, bedeutet Gold den Tod?

Wurzinger: So würde ich das nicht sagen. Aber es ist sicher kein Nachteil, noch niemals mit Gold in Berührung gekommen zu sein.

Wolf: Es ist ja für einen Laien schlicht unvorstellbar, wodurch und wie sich innerhalb weniger Stunden eine quasi erstickende Goldschicht um das menschliche Herz legen kann.

Wurzinger: Auch wir Experten tappen da noch völlig im Dunkeln. Es handelt sich offensichtlich um Prozesse, die weit über das Stofflich-Physiologische hinausgehen. Ohne die Ergebnisse der laufenden Untersuchungen vorwegnehmen zu wollen: Man kann sich das wie einen homöopatischen Heilungsprozess vorstellen – allerdings im umgekehrten Sinn.

Wolf: Die Homöopathie ist ja keineswegs unumstritten.

Wurzinger: Auch ich habe wiederholt Bedenken geäußert und tue das nach wie vor. Aber im Fall dieses Goldvirus, wie es ja bereits genannt wird, kann man sich die verhängnisvolle Wirkung kaum anders erklären als durch nichtmaterielle Einflüsse.

Wolf: Nichtmateriell heißt …

Wurzinger: … im Körper gespeicherte Informationen, die durch diese Corona-Mutation aktiviert und materialisiert werden.

Wolf: Das verstehe ich jetzt gar nicht.

Wurzinger: Na ja. Dass alle, die mit Gold körperlich in Berührung gekommen sind, höchst gefährdet sind, scheint ja auf der Hand zu liegen – siehe Juwelier und Münze Österreich. Aber das allein kann nicht alles erklären. Es spricht einiges dafür, dass schon der Gedanke an Gold, der Wunsch, welches zu besitzen, die Faszination für dieses Metall als Sinnbild von Reichtum und Macht, das Virus quasi ansaugen.

Wolf: Bleibt immer noch die Frage, wie sich aus immateriellen Faktoren handfestes, tödliches Gold bilden kann.

Wurzinger: Es klingt völlig fantastisch, aber es könnte sein, dass das Virus alle in einem bestimmten Umkreis verfügbaren Goldquellen quasi anzapft, vorübergehend dematerialisiert und in den Körper des Wirtes leitet.

Wolf: Sie tragen einen Ehering, offensichtlich aus Gold.

Wurzinger: Ich weiß noch nicht, wie ich es meiner Frau erkläre, dass wir die Ringe runterschneiden und in die Donau werfen müssen.


Austria Presse Agentur, 15. April 2025, Blitz-Meldung

„Goldvirus tritt weltweit auf“
Das sogenannte Goldvirus, das in Österreich erstmals vor knapp zwei Wochen aufgetreten ist und bereits mehr als 30 Todesopfer gefordert hat, verbreitet sich offenbar weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete vor kurzem Fälle auf allen Kontinenten außer Afrika, mit stündlich steigender Tendenz. Es bestehe die Gefahr einer neuen Pandemie. Nach den Beschreibungen der WHO gleichen Symptome und Krankheitsverlauf den zuerst in Wien aufgetretenen Fällen: rasselnder Atem, goldglänzende, stark erweiterte Pupillen, vergoldete, zu langen Krallen verformte Fingernägel. Der Tod trete nach wenigen Stunden ein. Bei allen bisher obduzierten Opfern sei ein von einer dichten Goldschicht umschlossenes Herz entdeckt worden. Die gegen die Covid-Viren eingesetzten Schutzmaßnahmen seien wirkungslos, einschließlich Lockdown und Quarantäne. Wirksamen Schutz biete es einzig, sich aller goldhaltigen Gegenstände – Schmuck, Münzen etc. – am Körper und im näheren Umfeld zu entledigen. Ebenso solle man sich von Orten, wo Gold verwahrt und/oder verarbeitet werde – Banken, Prägeanstalten, Juweliere etc. – fernhalten.


Die Presse, 25. April 2025

„Höchste Opferzahlen in reichen Ländern“
Der vom Goldvirus ausgelösten neuen Pandemie sind nach Angaben des Johns-HopkinsForschungszentrums bis Montag, 20 Uhr, weltweit 528.317 Personen zum Opfer gefallen. Tendenz weiter stark steigend. Die genauere statistische Auswertung ergibt, dass die Zahl der Opfer stark mit dem Pro-Kopf-Einkommen der einzelnen Länder korreliert: je höher das Einkommen, desto mehr Erkrankungen. Innerhalb der EU verzeichnen Länder mit einem überdurchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) auch überdurchschnittlich viele Goldvirus-Fälle. Das trifft auch auf Österreich zu, wo bis Montag, 20 Uhr, 728 Menschen an dem Virus gestorben sind.


Kleine Zeitung, 30. April 2025

„Krankenschwester: Hilferuf der vergoldeten Herzen“
Erschütternde Szenen spielen sich in den Sonderabteilungen für Goldvirus-Erkrankte ab, die nach Beginn der neuen Pandemie in fast allen österreichischen Krankenhäusern eingerichtet wurden. Eine Krankenschwester, die anonym bleiben will, berichtet aus einem Bezirksspital in der Steiermark: „Wir müssen die Goldvirus-Patienten in einem großen Raum zusammenlegen, weil wir nicht genügend kleinere Einheiten zur Verfügung haben. Quarantänemaßnahmen gibt es ja nicht, denn die wären völlig wirkungslos. Daher dürfen auch die Angehörigen die Patienten in ihren letzten Stunden ohne Einschränkungen begleiten. Da kommt es laufend zu Szenen, die man kaum schildern kann. Meine Kolleginnen und ich halten uns bewusst fern. Aber das macht es nur noch schlimmer. Denn von draußen, vom Gang aus, klingt es – ich traue mich das fast nicht zu sagen – wunderschön. Die letzten Herzschläge werden nämlich von der sich schließenden Goldhülle verstärkt. Und da jeder Patient eine andere Tonhöhe hat, ergibt das ein vielstimmiges Glockenkonzert von fast überirdischer Harmonie. Es ist, als würden die Menschen ihren Egoismus und ihre Habgier abschütteln und gemeinsam um Verständnis und Verzeihung bitten. Da zerreißt es einem das Herz.“


Kurier, 2. Mai 2025

„Gold als Sondermüll“
Die vom Goldvirus ausgelöste neue Pandemie hat dazu geführt, dass sich Menschen auf der ganzen Welt panikartig von allem trennen, was mit Gold zu tun hat. Begonnen hat es mit einem Ansturm auf alle Stellen, die bisher Gold in jeder Form ankauften: staatliche Münzämter und Scheideanstalten, private Goldhändler, Juweliere etc. etc. Das ist inzwischen vorbei, weil niemand mehr mit Gold in Berührung kommen will. Der Weltmarktpreis für Gold befindet sich im freien Fall. Das gilt im buchstäblichen Sinn auch für Goldgegenstände: Auf den Wiener Donaubrücken, beispielsweise, stauen sich die Autos von Leuten, die Goldschmuck und Goldmünzen in den Fluss werfen. Immer mehr Zahnärzte stellen den Ordinationsbetrieb ein: Sie können den Ansturm von „Patienten“, die sich Goldplomben entfernen lassen wollen, nicht mehr bewältigen. In Wien hat die MA48 eine Sondereinheit für das Aufsammeln von weggeworfenen Goldgegenständen aufgestellt. Das Team beststeht nur aus Personen, die noch nie irgend etwas mit Gold zu tun hatten – also fast ausschließlich Migranten aus armen Ländern. Ähnliche Spezialeinheiten haben praktisch alle österreichischen Gemeinden in ihren Altstoffsammelzentren geschaffen. Per Verordnung des Umweltministeriums muss Gold in jeder Form als Sondermüll behandelt und in Bleikammern mit mindestens zehn Zentimeter Wandstärke zwischengelagert werden. Für die Endlagerung ist ein aufgelassener Goldstollen im Tiroler Rauris-Tal im Gespräch. Dagegen hat sich bereits eine landesweite Bürgerinitiative formiert. Ihr Motto: „Tirol isch koa goldnes Misttrucherl.“


Der Standard Online, 17. Mai 2025

„Goldpreis auf null“
Der Weltmarktpreis für Gold liegt seit heute, 8 Uhr MESZ, bei null. Die Entwicklung hatte sich mit der explosionsartig ausgreifenden Goldvirus-Pandemie seit Ende April bereits abgezeichnet. Dass es aber so schnell gehen würde, kam selbst für Experten unerwartet. Noch wenige Tage vor dem Ende der Corona-Pandemie Ende März hatte der Goldpreis mit 2563,8 Dollar je Feinunze ein Allzeithoch erreicht. Danach sank er zunächst langsam, mit der Identifizierung des Goldvirus als Covid-Mutation aber immer schneller. Anfang Mai setzte der freie Fall ein. Alle Versuche gegenzusteuern, wie Massenaufkäufe von Gold durch die Federal Reserve in den USA oder die Europäische Zentralbank (EZB), verpufften wirkungslos. Die Rolle von Gold als krisenfeste internationale Ersatzwährung ist damit Geschichte.


Kronen Zeitung, 19. Mai 2025

„Erstmals keine neue Goldvirus-Infektion“
Es gibt Grund zur Hoffnung: Erstmals seit Ausbruch der neuen Pandemie wurde gestern laut WHO weltweit keine Neuinfektion durch das Goldvirus gemeldet. Die Weltgesundheitsorganisation warnt zugleich vor voreiliger Euphorie. Die ständig neuen Corona-Mutationen hätten gezeigt, wie wandlungsfähig das Virus sei. Die offzielle Zahl der Goldvirus-Toten liegt laut WHO bei 3,728 Millionen weltweit. Keine einzige Infektion habe es in Afrika gegeben.


Austria Presse Agentur, 1. Juni 2025, Blitz-Meldung

„Goldvirus-Pandemie beendet“
Die WHO hat die durch das Goldvirus ausgelöste neue Pandemie mit 31. Mai für beendet erklärt. Seit 17. Mai habe es weltweit keine Neuinfektion gegeben. Wohl aber sind danach noch mehrere hunderttausend Infizierte gestorben. Genaue Zahlen will man erst nach Vorliegen aller Ländermeldungen nennen. Der WHO-Sprecher wollte keinen Zusammenhang zwischen dem totalen Wertverlust von Gold auf dem Weltmarkt und dem unmittelbar folgenden Ausbleiben von Goldvirus-Neuinfektionen herstellen: „Das sind Spekulationen ohne wissenschaftliche Grundlage.“


Handelsblatt Online, 2. Juni 2025

„Weltmarktpreis für Silber um 1000 Prozent gestiegen“

(Dieser Text war mein Beitrag beim Literaturwettbewerb der Stadt Feldbach 2020, Thema „Gold“ .)

„Zum Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“ (Goethe, „Faust“) – Abbildung: Kunstobjekt von Monika Krois (www.schlichtnatur.at)

Es ist das System. Also wir.

Immer, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es gerne hätten, suchen wir zuerst nach einem Schuldigen. Der übliche Verdächtige: das System.


Den Finnen wird nachgesagt, sie seien introvertierte Einzelgänger, neigten zu Melancholie und Depressivität. Sie haben eine der höchsten Selbstmordraten weltweit. Noch darüber liegen die Ungarn, die ebenfalls zur finno-ugrischen Sprachfamilie gehören. Die angeblich so gemütlichen, leutseligen Österreicher liegen dazwischen.

Welches System wollen wir: Eines nach dieser Art (Basar in Sarajevo) oder …

Die Finnen haben eine der weltweit niedrigsten Covid-Neuinfektionsraten, ohne Lockdown. Die Österreicher hatten die höchste, vor dem neuen Lockdown. Mangelnde Eigenverantwortung und Selbstdiszplin wurden als Ursachen genannt. Im Frühjahr hatte es geheißen, die Österreicher seien obrigkeitshörig, deshalb funktioniere der Lockdown so gut. Jene, die auch ohne Lockdown die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten haben, müssen jetzt für die anderen mitbezahlen. Verantwortungslos und obrigkeitshörig – zwei Seiten einer Medaille.

In seinem jüngst bei Zsolnay neu aufgelegten Buch Das Wunder des Überlebens beschreibt der Theaterregisseur und Schiftsteller Ernst Lothar (1890-1974) den „österreichischen Menschen“ unter anderem so: „ … Scharf- und Leichtsinn, gleich gemischt; Witz, den Witzelei entwürdigt; Mangel an Beharren (daher auch an Charakter); … Widerspruchsgeist um seiner selbst willen; Intrigantenlust, Nörgelei und Schadenfreude, die zuweilen dem vorhandenen Hang zur Melancholie und Fatalität entspringen; …“

Scharf- und Leichtsinn, Mangel an Beharren, daher auch an Charakter: Auch wenn man mit schlagworthaften Typisierungen vorsichtig sein sollte, bei Individuen und erst recht bei Nationen, scheint mangelndes Beharrungsvermögen doch ein Wesenszug „des Österreichischen“. Es wird schon irgendwie gehen, ohne dass wir uns einen Haxen ausreissen müssen: das berühmt-berüchtigte Durchwursteln. Und wenn es einmal doch nicht so funktioniert, kann man immer auf den beliebtesten Schuldigen zeigen: „das System“.

Dieser Reflex ist freilich nichts exklusiv Österreichisches. Er scheint vielmehr eine in der menschlichen DNA angelegte Grundneigung zu sein. Sie ermöglicht es uns, in Krisensituationen die Verantwortung abzuschieben: auf andere, auf die Umstände, die halt so sind, wie sie sind, auf „das System“ eben. Was kann ein Einzelner schon gegen das System ausrichten? Das System des Kapitalismus, der Ausbeutung von Mensch und Natur, der Machtausübung zwischen Menschen und Völkern. Dass dieses System nicht als solches vom Himmel gefallen ist, sondern wiederum von Menschen gemacht wurde und immer von Neuem gemacht wird, bleibt ausgeblendet.

Dieser Mechanismus hat natürlich auch sein Gutes. Denn selbst der eigenverantwortlich handelnde, sozial engagierte Mensch muss unter der Last des Leides, der Krisen und Probleme, die ihn in konzentrischen Kreisen umgeben, zusammenbrechen, weil er irgendwann merkt, dass er hoffnungslos überfordert ist, dass er keine Chance gegen „das System“ hat. Aber er lässt es nicht so weit kommen. Er verfällt nicht in Gleichgültigkeit und Fatalismus, nicht in jene Haltung, die Marie von Ebner-Eschenbach so beschreibt: „Man kann nicht allen helfen, sagt der Engherzige und hilft keinem.“ Er verfällt auch nicht in Zynismus, „diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten“ (Zukunftsforscher Matthias Horx).

Weil aber der Mensch aus Widersprüchen besteht, steht dem Hang, Verantwortung abzuschieben, ein anderer Reflex gegenüber. In Heimito von Doderers Dämonen liest sich das so: „Wer nichts von einer Änderung seiner Umstände abhängig macht, der wird auch von geänderten Umständen nicht abhängig werden.“ Sprich: Da „das System“ von Menschen gemacht ist, kann es auch von Menschen geändert werden – zumindest in dem Bereich, wo jeder Einzelne etwas tun kann. Im Talmud, einer der zentralen Schriften des Judentums, heißt es so empathisch wie lapidar: „Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“

… doch lieber eines unter solchen Vorzeichen (Anna-Kirtag in St. Anna am Aigen, Südoststeiermark)? Fotos: Kirchengast

Ausreden können zwischendurch hilfreich sein. Letztlich aber gilt: Das System sind wir. Die Corona-Krise – bei all der Unberechenbarkeit des Virus, den Fehlern und Versäumnissen der „Verantwortlichen“ – führt es uns schonungslos vor Augen.

Öffentlich intim

Nur scheinbar paradox: Schutzmasken und Abstandsregeln eröffnen uns die Chance, auf unsere Mitmenschen besser einzugehen.

Es ist längst zur banalen Tatsache geronnen und doch immer wieder verblüffend: wie die Pandemie unsere Lebensgewohnheiten durcheinanderwirbelt. Und alte Widersprüche auflöst, indem sie neue schafft. Massenveranstaltungen sind bis auf weiteres tabu, private Zusammenkünfte auf wenige Teilnehmer beschränkt. Galt es bisher als ein Grundsatz unserer offenen, pluralistischen Gesellschaft, in der Öffentlichkeit sein Gesicht zu zeigen, so muss dieses nun zur Hälfte verhüllt werden.

Ähnlich ist es mit dem Händeschütteln, an dessen Stelle zumeist eine Art Kickboxen getreten ist. Es lässt psychologische Rückschlüsse zu, warum sich die Hand aufs Herz oder gefaltete Hände mit Verbeugung nicht so wirklich durchgesetzt haben: Nach den allzu blauäugigen Solidaritätsbekundungen zu Beginn der Krise scheint sich das allzu Menschliche wieder den Weg zu bahnen – was die Gesten ja anschaulich demonstrieren.

Gnadenlos legt das Virus die bedenklichen Entwicklungen unserer Gesellschaft offen. Alles, was mit Masse, mit einem Zuviel zu tun hat, ist infrage gestellt: Massenkonsum, Massentourismus, Massenevents. Überall, wo bisher „etwas los“ war, ist jetzt nichts mehr los, und wenn, dann in einem überschaubaren Rahmen. Ja, dieses Bild trifft die neuen Verhältnisse wunderbar: im überschaubaren Rahmen. Und diesen können wir auch mit Schutzmaske erfassen. Die zwingt uns gleichzeitig, uns auf die Augen unseres Gegenüber zu konzentrieren, um die Signale deuten zu können, die es aussendet.

Es ist so etwas wie öffentliche Intimität – einer der neuen Widersprüche in unserem Zusammenleben. Er regt uns dazu an, uns auf unsere Mitmenschen einzulassen, auf ihre Person und Persönlichkeit tiefer einzugehen – wenn wir das wollen. Die gebotene räumliche Distanz ist dabei kein Hindernis. Längst waren Umarmungen und Bussi-Bussi mit Menschen, die uns nicht wirklich nahe standen, zum hohlen Ritual verkommen. Jetzt dürfen wir das bleiben lassen und dürfen uns zugleich wirklich unserem Gegenüber widmen, wenn wir das wirklich wollen. Und Gleiches von ihm erwarten.

Über die tendenziell schädlichen Mechanismen der (Menschen-)Masse habe ich vor einiger Zeit anhand von Elias Canettis fundamentalem Werk Masse und Macht (1960) reflektiert (Das (Selbst-)Zerstörerische der Masse, Juni 2017). Später, zwischen 1977 und 1988, hat der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1981 eine biografische Trilogie veröffentlicht. Ohne hier näher darauf einzugehen, wenngleich mit wärmster Leseempfehlung, führe ich nur die Titel an. Sie klingen wie Kommentare zu unserer heutigen Situation: Die gerettete Zunge – Die Fackel im Ohr – Das Augenspiel.

Schutzmaske und Abstandsregeln bieten uns die Gelegenheit, bewusster zu kommunizieren, aktiv wie passiv: mehr nachzudenken, ehe wir unsere Zunge gebrauchen; aufmerksamer hin- und zuzuhören; und das Augenspiel des Gegenüber treffender zu deuten. Dann kommen wir vielleicht darauf, dass wir diesen Menschen bisher nicht so empfunden haben, wie es seinem Wesen und seiner Würde entspricht.

Fotos: Kirchengast

Verlust und Preisgabe Mitteleuropas

Die Reisewarnung hat eine – widerwillige – Massenflucht österreichischer Urlauber aus Kroatien ausgelöst. Weniger widerwillig scheint die Preisgabe Mitteleuropas durch die Politik der Regierung in Wien.

 

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Vorzeitiger Abschied für viele: zum Beispiel von Dubrovnik.         Foto: Kirchengast

Es ist ein seltsamer Kontrast. Soeben hat Drago Jančar, Sloweniens bedeutendster zeitgenössischer Schriftsteller, den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten. Zur gleichen Zeit betreibt Bundeskanzler Sebastian Kurz eine Europapolitik, die sich immer weiter von Österreichs historischer Rolle als mitteleuropäisches Schlüsselland entfernt. Als Mitglied des Quartetts der „Sparsamen“ in der EU (gemeinsam mit den Niederlanden, Dänemark und Schweden) geriert sich Österreich geradezu so, als wolle es ein lästig gewordenes historisches und kulturpolitisches Erbe abschütteln.

Aber ist Mitteleuropa als auch nur hintergründig relevanter Faktor nicht ohnedies längst obsolet – spätestens seit dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs 1989? Können die danach groß gewordenen Generationen, ob im Osten oder im Westen, mit diesem Begriff noch irgendetwas anfangen – falls sie es jemals konnten?

Es ist ja praktisch unmöglich, diesen Begriff einigermaßen treffend zu definieren. Ein Gefühl, eine Befindlichkeit. Eine kulturelle Grundströmung, ein unausgesprochenes, vages Einverständnis im Denken, Verstehen und Dagegenhalten. Eine Symbiose von Widersprüchen und deren zumindest zeitweiliger Auflösung. Alles mehr oder weniger untaugliche Annäherungen an „Mitteleuropa“.

Lassen wir also Drago Jančar sprechen, fast 20 Jahre bevor er mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichet wurde: „Was es heute klarzustellen gilt, ist folgendes: Die Mitteleuropa-Idee war keine Ideologie. Deshalb kann ihr auch nicht der Niedergang oder gar Untergang blühen, zu dem alle Ideologien verurteilt sind, die die beste aller Welten verheißen. (…) Mitteleuropa hat beides erfahren: das Miteinander verschiedener Kulturen und Menschen, immense Kreativität und Toleranz ebenso wie nationalen und sozialen Hass, niederträchtigste Intoleranz und Gewalt. Mit so einer Erfahrung zu leben, mit der Erfahrung von beidem, in diese Erfahrung einzutauchen, bedeutet vieles verstehen, bedeutet auch auf die schönen und die bösen Überraschungen gefasst sein, die uns im paneuropäischen Zusammenhang erwarten. ‚Mein Mitteleuropa‘ bedeutet mit einem Wort, die Welt und das Leben in seinen Gegensätzen begreifen; deshalb war die Utopie, mit der wir in den achtziger Jahren gelebt haben, nichts, das man mit einer wegwerfenden Handbewegung abtun könnte, nach dem Motto: Es war einmal … Es ist immer noch da – zumindest so lange wir leben.“ (Essay in der Neuen Zürcher Zeitung, 19./20. Mai 2001.)

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Einen würdigeren Empfänger des wichtigsten österreichischen Literaturpreises kann man sich schwer vorstellen, als Schriftsteller, als Mensch, als Mitteleuropäer. Jančars jüngstes Werk, der Roman Wenn die Liebe ruht (Zsolnay), ist bisheriger Höhepunkt und zugleich Substrat seines Schaffens. Hinter dem beinahe kitschig anmutenden Titel verbirgt sich die schonungslose Aufarbeitung der slowenischen Geschichte während der Nazi-Herrschaft anhand persönlicher Schicksale, Beziehungen, Verstrickungen. Kollaboration, Widerstand, Opportunismus, Niedertracht, Erbarmen und – verratene, betrogene, enttäuschte Liebe. Als literarisches Meisterwerk leistet das Buch (wie auch frühere Werke Jančars), was der slowenischen Gesellschaft als Ganzes bis heute nicht einmal ansatzweise gelungen ist. Mitteleuropa in seinen erhebenden und abgründigen Dimensionen.

Und das umschreibt auch die Rolle, die Österreich in der EU spielen könnte. Die mittelost- und südosteuropäischen Mitglieder und Anwärter brauchen keine gönnerhaften Fürsprecher. Wohl aber Partner, die verstehen und um Verständnis werben und zugleich keine Missverständnisse darüber aufkommen lassen, dass die Wertebasis der Gemeinschaft unverhandelbar ist.

Man muss ja nicht so weit gehen, wie Fritz von Herzmanovsky-Orlando in seinem Maskenspiel der Genien: „Wien ist die natürliche Hauptstadt des Balkans, ich möchte sagen die Mongolendrüse, die … nicht Altweibermühle … besser, Jungwildenmühle, wo die Völker des Ostens – en bloc sind es die Hunnen, en detail die Touristen auf dem Zug nach Westen – zu Europäern gemahlen werden. Die aus dieser Verdauungstätigkeit entstehende Idiosynkrasie gegen Fremde muss Ihnen doch begreiflich sein.“

Da haben wir sie übrigens auch wieder, die Widersprüche Mitteleuropas, dargestellt in der unnachahmlichen Art eines seiner schrulligsten Vertreter: zum Beispiel Gastfreundschaft (durchaus auch vereinnahmend) und Fremdenfeindlichkeit.

Die Reisewarnung für Kroatien ist, für sich genommen, kein feindseliger Akt gegenüber einem mitteleuropäischen (Beinahe-)Nachbarn und Freund, sondern eine der Gefährdungslage geschuldete Schutzmaßnahme. Wobei man darüber streiten kann, wer den größeren Teil der Verantwortung dafür trägt: die kroatischen Behörden, die Massenansammlungen offenbar nicht wirkungsvoll unterbunden haben, oder völlig unbekümmerte, meist jüngere Urlauber. Jedenfalls wird an diesem Beispiel deutlich, was wir im Ernstfall verlieren können, wenn wir Mitteleuropa in seiner ganzen emotionalen, intellektuellen und kulturellen Bandbreite aufgeben. Und das ist viel, viel mehr als ein Urlaub an der Adria. So gesehen könnte die Sache auch ihr Gutes haben. Und Drago Jančars Buch eignet sich ohnehin nicht so gut als Strandlektüre.

Amerikas Zerrbild und Wesenszug

Donald Trump zeigt uns schonungslos die dunkle Seite des amerikanischen Traums.

Die Flagge der Vereinigten Staaten

Warum finden auch viele Menschen, denen die Vereinigten Staaten von Amerika eigentlich imponieren, deren gegenwärtigen Präsidenten so widerlich? Donald Trump verkörpert im Grunde einen, wenn nicht den Wesenszug „des Amerikanischen“: das Selbstverständnis als God’s own country, des Paradieses auf Erden. Ein Amerikaner mit diesem Selbstverständnis betrachtet es als sein natürliches Recht, alle verfügbaren Ressourcen auszubeuten, ohne Rücksicht auf Natur und andere Menschen mit eventuell gegenläufigen Interessen. America first.

Die Geschichte der USA wurde über weite Strecken auf dieser Unterlage geschrieben, von der Ausrottung der Indianer über die Sklaverei bis zur anhaltenden Diskriminierung der Afroamerikaner. Wer oder was sich der Verwirklichung des amerikanischen Traumes entgegenstellt, wird zur Seite geschoben, im Extremfall ausgeschaltet.

Mit seiner exzentrischen, unberechenbaren Persönlichkeit mag Trump wie ein Zerrbild „des Amerikanischen“ erscheinen. Doch ist diese Rückseite der Medaille ebenso real wie die Vorderseite. Die Vorderseite steht für das „gute“ Amerika. Jenes Amerika, das jede noch so große Herausforderung unerschrocken annimmt, das optimistisch zu new frontiers, zu neuen Grenzen, aufbricht, um sie zu überschreiten. Ein Amerika, das sich in den Dienst von Menschenrechten und Menschenwürde stellt. Glänzendstes Beispiel dafür ist die Befreiung Europas von der Schreckensherrschaft des Hitlerregimes.

Im Amerikanischen Bürger- oder Sezessionskrieg (1861-1865) kämpften in gewisser Weise das „gute“ und das „schlechte“ Amerika gegeneinander. Es ging vor allem um die Haltung zur Sklaverei, aber auch um die Konzeption einer Staatenunion. Am Ende standen das Aus der Sklaverei und ein Bundesstaat mit einer – relativ – starken Zentralregierung.

Diese Zentralinstitution mit Washington D. C. als Hauptstadt und Synonym ist vielen „echten“ Amerikanern auch heute ein Dorn im Auge. Trump hat in seinem ersten Wahlkampf erfolgreich gegen die mit Washington gleichgesetzten Eliten mobilisiert, ein amerikanischer Robin Hood als Rächer der enterbten „echten“ Amerikaner. Als solcher glaubt er auch die Bundespolizei gegen Anti-Rassismus-Demonstranten einsetzen zu dürfen, weil diese eben unamerikanisch – nach seiner Definition – seien. Damit tut er aber genau das, was er den zentralistischen Eliten ansonsten ankreidet. Wie sich ja auch sein sorgfältig gepflegtes Image als uramerikanischer Selfmademan bei näherem Hinsehen schnell verflüchtigt.

Widersprüche also, wohin man schaut. Verzerrte Wesenszüge, Zerrbilder mit Wahrheitsgehalt. Wenn es „das Amerikanische“ denn gibt, dann wohl als permanenten Auftrag, diese unauflösbaren Widersprüche zumindest unter Kontrolle zu halten, mit dem System der checks and balances, des Macht- und Interessenausgleichs in Kenntnis der dunklen Seiten des Menschen.

In der Person Trumps ist das amerikanische Pendel extrem ausgeschlagen. Nach den physikalischen Regeln müsste es irgendwann ebenso so stark in die andere Richtung schwingen. Man wird sehen, ob sich auch God’s own country an der Physik orientiert oder seinen eigenen Gesetzen folgt.

Wer Wirt wird, wird was

Ein Ruf schallt durchs Land, in der Krise lauter denn je: Rettet die Wirtshäuser, wo immer sie noch stehen. Zu Recht.

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Wirtshaus und Therapiezentrum der besonderen Art: Buschenschank.

Auch Sprichwörter – es wurde hier schon einmal festgestellt – haben ein Ablaufdatum. Wer nix wird, wird Wirt. Da war auch viel Neid dabei auf jene, die sich nur ins vermeintlich gemachte Bett zu legen brauchten. Aber es ist lange her, dass dieser Spruch im Umlauf war. Heute wäre man in unzähligen Dörfern, Märkten und Städten froh, wenn Tochter oder Sohn das Lokal der Eltern weiterführten. Stattdessen grassiert seit Jahren das Wirtshaussterben.

Und die Corona-Krise wird es noch verschärfen. Denn die meisten Wirtsleute haben schon bisher am finanziellen und/oder physischen Limit gearbeitet. Was ist das Geheimnis scheinbar krisenresistenter Familienbetriebe?
In vielen Fällen Selbstausbeutung.

Ein gutes Wirtshaus ist eine einzigartige multifunktionale Einrichtung: Ort der Begegnung, des Gesprächs, des kultivierten (früher auch handfesten) Streites, des geselligen Beisammenseins aus fröhlichem oder traurigem Anlass, des Innehaltens und Genießens. Ein Wirt müsse alles sein, meint der renommierte Gastronom und Koch Rudi Obauer: „Psychiater, Doktor, Arbeiter, Kartenklescher“, einer der sich alles anhören müsse. Und dafür gehörte er entlohnt wie ein dreifacher Mediziner. Auch für Heinz Reitbauer ist das Wirtshaus Teil der soziokulturellen Infrastruktur wie die Feuerwehr oder das Vereinsleben und müsse daher entsprechend öffentlich unterstützt werden. „Wirt der Wirte“, den „Archetyp der Zunft“ hat Kleine Zeitung-Chefredakteur Hubert Patterer den Patron des „Steirereck am Pogusch“ jüngst genannt.

Sohn Heinz jun., der das Wiener „Steirereck im Stadtpark“ zu einem der 25 weltbesten Restaurants gemacht hat, begeistert die Gäste und inspiriert die Branche mit seiner kreativen Küchenlinie. Er vertritt eine ganzheitliche Sicht der Gastronomie, in der die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, die Herkunft und Qualität des Grundprodukte, Schlüsselrollen spielen.

Am Pogusch zeugt eine Riesenbaustelle von der Umsetzung eines neuartigen gastronomischen Konzepts, das für Aufsehen sorgen wird.

Vater und Sohn Reitbauer engagieren sich wie Obauer und andere, dass der Corona-Schock der Politik die Augen öffnet, dass er zu Erleichterungen führt, die vielen resignierenden Gastronomen das Überleben ermöglichen: Bürokratieabbau, Steuererleichterungen etc. Die Krise hat vielen Menschen den Wert eines intakten Lebens auf dem Land klar gemacht. Dazu gehören auch Gastlokale verschiedenster Kategorie, ob Stehbeisl, Dorfwirtshaus, das sogenannte gutbürgerliche Gasthaus, die Buschenschank oder das Gourmetrestaurant. Und natürlich die Almhütte.

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Kulturgut der besonderen Art: Almhütte mit Qualitätskulinarik. Fotos: Kirchengast

Ist die – noch – vorhandene gastronomische Vielfalt in Österreich weltweit ziemlich einzigartig, so stellen die bewirtschafteten Almhütten und ihr oft beachtliches kulinarisches Niveau eine Besonderheit für sich dar. Nicht nur, aber vor allem ausländische Gäste stellen das immer wieder mit Staunen und Freude fest, wie etwa unsere französischen (!) Freunde. Man muss inständig hoffen, dass der Wert dieses kulturellen und touristischen Schatzes den Verantwortlichen hierzulande nicht erst dann bewusst wird, wenn er schon versunken ist.

Es gibt auch Sprichwörter, die kein Ablaufdatum haben.

Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus. (Demokrit, griechischer Philosoph, ca. 460 – 370 v. Chr.)