Eine Oase namens Wirtshaus

Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.

Demokrit

Ja, auch hier war es einmal schön und gut.

Wir wissen es alle, aus eigener Erfahrung, aus Erzählungen, aus Medienberichten: das Wirtshaus ist ein Auslaufmodell. Ob an einer beliebigen Straße, in einem Dorf, in einer Kleinstadt oder auch in den urbanen Zentren: Irgendwann begegnen wir an einem leeren Parkplatz einem sichtlich verödeten Portal mit dem Schild „Auf Dauer geschlossen“ auf einer schmutzigen Fensterscheibe. Tristesse pur.

Wir alle kennen die Ursachen: steigende Preise der Grundprodukte und der Energie, fehlender oder uninteressierter Nachwuchs, Personalprobleme. Aber auch Gästeschwund. Die jüngeren Generationen, oft auch durch „soziale“ Medien getrieben in dem Wahn, überall dabei sein und alles mitmachen zu müssen, haben weder Zeit noch Lust zu einem längeren, genussvollen Beisammensein im Gasthaus. Der Stammtisch als Kommunikationszentrale und Nachrichtenbörse ist ein absolutes Minderheitenprogramm geworden – falls er jemals mehr war.

Wer sich heute noch das Wirt- oder Wirtin-Sein antut, muss ein Idealist sein. Früher sind die Kinder von Wirtsleuten ins Geschäft hineingewachsen und haben seine schönen und die vielen weniger schönen Seiten quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Das ist, mit wenigen Ausnahmen, längst vorbei. Kein Familienleben – außer an der Schank, in der Gaststube oder in der Küche -, fast bis gar keine Freizeit, Ärger mit dem Personal – falls überhaupt vorhanden -; dazu der tägliche Kampf mit der Bürokratie; und für all das unter dem Strich ein bescheidener Lohn: wer tut sich das heute noch an?

Jetzt kann man natürlich sagen, was nicht nur prominente Gastronomen schon seit längerem wie ein Mantra predigen: Das Wirtshaus ist ein Kulturgut. Und wie jede Kultur muss es gefördert werden, um (über-)leben zu können. So berechtigt er sein mag: angesichts des allgemeinen Sparzwanges ist das ein frommer Wunsch. Wobei die Vorstellung, dass der Dorfwirt sein karges Dasein nur dadurch fristet, dass er am öffentlichen Tropf hängt, nicht unbedingt die Gemütlichkeit fördert.

Zum Wirtsein muss man geboren sein, hieß es einmal. Und: Wer nix wird, wird Wirt. Ersteres hat wohl etwas für sich, letzteres ist ein ausgemachter Blödsinn, geboren vermutlich aus dem Neid. Heute jedenfalls muss man Wirtsleute, die ihr Geschäft mit Leidenschaft und Hingabe betreiben, mit der Lupe suchen. Die Gasthausszene hat sich zum überwiegenden Teil auf zwei Pole verteilt: Spitzengastronomie mit entsprechenden Preisen und Fastfood – Pizza, Burger etc., das allermeiste davon Convenience-Produkte, also halb oder ganz vorgefertigte Speisen oder Bestandteile, meist tiefgefroren und aufgetaut. Convenience bedeutet übersetzt übrigens Bequemlichkeit. Immerhin ehrlich.

Es braucht eigentlich nicht viel, eine gastliche und gesellige Atmospäre zu schaffen.

Und doch gibt es sie noch: die echten, unverfälschten Kleinode, buchstäbliche Oasen in der gastronomischen Wüste. Auf sie trifft das Eingangszitat, das dem Philosophen Demokrit zugeschrieben wird, auf ganz besondere Weise zu.

Wir haben das Glück, ein paar dieser Kleinode zu kennen, in der eigenen Gemeinde, in der Region, in der Metropole, wo wir früher lebten, und im nahen Ausland. Und jedes Mal, wenn wir an einem dieser Plätze für einige Stunden verweilen, fühlen wir uns in eine andere Welt versetzt, die uns dennoch so vertraut erscheint. Nicht dass unsere Leben einer Reise durch die Wüste gliche – aber diese gastlichen Orte sind Oasen. Oasen, in denen wir die Welt und ihre Probleme rundherum ausklammern, zu uns kommen, uns mit Freunden austauschen – kurz: genießen im umfassenden Sinn des Wortes. Man kann schwer sagen, was es im Einzelnen ist, das dieses Gefühl erzeugt. Das Ambiente mit Einrichtung und Dekorelementen, die Herzlichkeit der Wirtsleute und auch der Mitarbeiter:innen, die Qualität der Speisen und Getränke – es ist alles zusammen, natürlich mit unterschiedlichen Gewichtungen. Was man sagen kann: In den aller-, allermeisten Fällen handelt es sich um Familienbetriebe, in denen der Generationenwechsel offenbar sehr gut funktioniert. Das (natürlich nicht völlig konfliktfreie) Gefühl, an einer guten gemeinsamen Sache zu arbeiten, die vielen Menschen Freude bereitet, überträgt sich auf die Gäste. Und so sind diese besonderen Orte auch Oasen der Menschlichkeit.

Dazu kommt, dass viele dieser Wirtshäuser (ja, es kommt auf die Wirtsleute an!) die Veränderungen der Ess- und Genussgewohnheiten von jeher auf völlig unaufgeregte Weise mitvollzogen haben, ja sogar fördern. Man bestellt gemeinsam, die Gerichte werden in der Mitte der Tische platziert und jeder nimmt sich, was er mag. Zusammen mit den guten Gesprächen erzeugt das, bei aller Individualität der Einzelnen, ein Gemeinschaftsgefühlt. Man teilt Geschmack und Gedanken. Ja, solche Stunden sind hochgradig kulturelle Ereignisse.

Hier stimmt alles. Herz, was willst du mehr? Fotos

Wir können nur dankbar dafür sein, dass es solche Plätze gibt. Dass es Menschen gibt, die diesen Dienst am umfassenden Wohlbefinden ihrer Mitmenschen noch immer zu leisten bereit sind – und dass sie in diesem Dienst offenbar auch Erfüllung finden. Denn sonst würden sie es wohl nicht tun.

„Mit einer Kettensäge über das Gesicht“

Der Zufall trifft nur den vorbereiteten Geist. (Louis Pasteur)

Also war ich vorbereitet mit meinem jüngsten Blog, in dem ich über Tattoos und die Motive ihrer Träger extemporiert habe. In ihrer neuesten Ausgabe lässt die ZEIT sechs Menschen zu Wort kommen, die sich ihre Tätowierungen ganz oder teilweise wieder entfernen ließen oder noch lassen.

Solche Versprechen aus der Werbung für Tattooentfernung sind nur selten realistisch.

Hier einige Zitate:

„Ich bin am ganzen Körper tätowiert und bereue alle Tattoos. Ihr einziger Vorteil ist, dass ich in öffentlichen Verkehrsmitteln immer ein paar Sitze habe, weil die Leute offenbar Angst haben. (…)

Seit zwei Jahren lasse ich mein Gesicht behandeln. Die Entfernung ist zehnmal so teuer und hundertmal so schmerzhaft wie das Tätowieren. Das Lasern fühlt sich an, als würde mir einer mit einer Kettensäge über das Gesicht fahren.

Noch viel schmerzhafter als die Entfernung ist aber, dass mein Vater nach dem ersten Gesichtstattoo den Kontakt zu mir abgebrochen hat. Seit zehn Jahren habe ich nicht mit ihm gesprochen. Ich hoffe, dass die Laserbehandlung so schnell vorangeht, dass ich ihn wenigstens noch einmal in den Arm nehmen kann.“  H. K., 54

„In dem Tattoostudio in Russland, in dem ich damals arbeitete, gab es einen Typen, der einen Laser hatte. Es tat so weh, dass ich nach zwei Sessions beschloss, die Tattoos lieber überstechen zu lassen. Die Laser-Resultate waren auch nicht so gut wie erhofft.“  A. P., 35

„Mir wurde gesagt, dass ich höchstens vier Sitzungen brauchen würde, bis die Augenbrauen weg sind. Inzwischen hatte ich neun. Es war schwieriger als gedacht, all die Farbe aus den 15 Jahren abzutragen. Alles in allem kostete es 1.300 Euro. Aber ehrlich gesagt: Ich hätte jeden Preis gezahlt.“  Ch. W., 35

„Die Tattoos waren eine Phase von mir, in der ich versucht habe, jemand zu werden, der ich nie war. Seit 2023 lasse ich mir die Tattoos an den Beinen und Händen entfernen, weil die so sichtbar sind. (…)

Was mich ebenfalls stört, ist die Außenwirkung, die ich mit den Tattoos habe. Gerade beim Dating dachten Männer immer, ich wäre selbstbewusst, stark und draufgängerisch. Dabei bin ich ein sehr sensibler Mensch.“  K. M., 29

„Das Tattoo ist so groß, dass man es nicht auf einmal Lasern kann. Durch das Lasern werden die Farbpartikel aufgespalten und bewegen sich frei als Fremdkörper im Körper, das ist sehr anstrengend für das Immunsystem.

Es fühlt sich jedes Mal 35 Minuten an, als würde ich verbrannt. Eine Session kostet 200 Euro, ich habe schon drei hinter mir, drei kommen noch. Wenn das Tattoo dann blass genug ist, werde ich es überstechen lassen.“  M., 29

Diese Stimmen können, müssen aber nicht repräsentativ sein. Aber sie geben Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen, die diese Torturen auf sich nehmen. Ob wirklich freiwillig oder durch innere oder äußere Zwänge getrieben, wissen viele von ihnen wahrscheinlich nicht einmal selbst.

Das Wesen des Menschen ist nicht nur ein weites Feld, sondern auch eine tiefe Schlucht. Ende der zweiten Durchsage.

Sind die Peckt’n alle anpeckt?

Man entkommt ihnen nicht. Man begegnet ihnen auf der Straße, im Supermarkt vor und hinter der Kasse, im Restaurant, ob unter den Gästen oder im Personal. Wieviel man von dem sieht, was sie für ihr Alleinstellungsmerkmal halten, hängt meist, aber keinesfalls immer von der Jahreszeit ab. Im Freibad fast alles, auf dem FKK-Strand alles. Egal, was man davon hält, man muss damit leben.

Erzengel Michael tötet den Drachen. Tattoo nach einer alten Bilbelillustration. Ob sich der Träger nach der Inschrift – „Wage es, weise zu sein“ – gerichtet hat? Foto: Alexander Kuzovlev/Wikimedia

Die Rede ist hier von den Tätowierten beiderlei und sonstigen Geschlechts, deren offenbar immer mehr werden. Peckte nennt sie der Volksmund, weil sie sich eben pecken lassen. Pieksen sagen unsere deutschen Sprachgenossen dazu. (Wobei „gepeckt“ im Sinne von „anpeckt“ auch noch was anderes bedeutet, das die Gepeckten sicher nicht auf sich beziehen.) Dass das Pecken meist sehr schmerzhaft ist, nehmen sie in Kauf, bewusst oder zwangsläufig. Wer schön sein will, muss leiden.

Schön? Gewiss, für sich genommen sind nicht wenige Tattoo-Motive durchaus beeindruckend. Sogar kunstwerkverdächtig. Was aber wollen uns die Peckt’n damit sagen? Und für wen und wozu lassen sie sich quälen? Für die Anderen, weil sie dann aus der Masse hervorstechen, besser wahrgenommen werden und trotzdem anonym bleiben? Für sich selbst, weil sie sich damit etwas beweisen wollen? Aber was?

Sicher ist, dass es noch nie so viele Tätowierte gab wie jetzt. Die Zeiten, als es hieß „Bye, bye, Arschgeweih“ (relativ dezentes, geweihähnliches Tattoo über dem Gesäß), sind vorbei. Sicher ist ebenso, dass die Geschichte der Tätowierung uralt ist. Und da unzählige Kulturen auf der ganzen Erde diesen Brauch kennen, ist davon auszugehen, dass er sich jeweils unabhängig entwickelt hat. Er muss also ein menschlichen Urbedürfnis befriedigen.

Der rund 5300 Jahre alte Ötzi galt lange als ältester Fund eines Menschen mit Tätowierung. Bis ein Artikel in einer Fachzeitschrift darauf verwies, dass sich im Britischen Museum zwei Mumien aus Oberägypten befinden, die ebenfalls Tätowierungen mit vermutlich kultischem Hintergrund befinden. Bei Ötzi hingegen wird ein möglicher therapeutischer Zweck vermutet.

Schon das Alte Testament geht auf das Tätowieren ein – ablehnend: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,28). Bei einigen frühchristlichen Sekten hingegen waren Tätowierungen üblich, möglicherweise in bewusster Abgrenzung zu den Juden. Neubekehrte ließen sich ein großes Tau (griechisch Τ) als Abbild des Kreuzes auf die Stirn ritzen. In ähnlicher Weisen ritzten sich später Kreuzritter lateinisches Kreuz in die Haut.

Stammeszugehörigkeit: Tattoo eines Samoaners. Foto: Cloud Surfer/Wikimedia

Hier haben wir schon zwei entscheidende Motive für das Tätowieren: Abgrenzen von anderen und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und das trifft wohl auf die meisten traditionellen Tätowierungsbräuche zu. Auf Samoa etwa drücken die oft den halben Körper oder mehr bedeckenden Tattoos die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm aus.

Und heute? „In der heutigen Zeit dienen Tätowierungen auch als Ausdrucksmöglichkeit für Exklusivität, Selbstdarstellung, Geltungssucht und Abgrenzung, als Mittel zur Verstärkung sexueller Reize, Schmuck, Protest, zur politischen Stellungnahme und zum Ausdruck sexueller Einstellungen. Adolf Loos bezeichnete in seiner Schrift Ornament und Verbrechen die Tätowierung als Ornament.“ (Zitat Wikipedia) Loos hat bekanntlich geschrieben: „Ornament ist ein Verbrechen.“

So weit würde heute wahrscheinlich kaum jemand gehen, der Tätowierungen strikt ablehnt, sie entstellend oder hässlich oder beides findet oder die Motive ihrer Träger:innen schlicht weg nicht versteht. Auch ich habe meine Schwierigkeiten damit. Ohne die Beweggründe im Einzelnen zu kennen, frage ich mich vor allem bei extremen Tattoos, wie es um das Selbstwertgefühl von Menschen bestellt sein muss, die so etwas brauchen, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei stellt sich, wenn man mit stark Tätowierten ins Gespräch kommt, meist heraus, dass es sympathische, offene, kontaktfreudige Menschen sind. Wozu dann aber dieser Auftritt? Eine sehr auffällig tätowierte junge Dame sagte uns im Gespräch, dass sie sich mit den eingravierten Schutzsymbolen sicherer fühle. Kann man immerhin nachvollziehen.

Vielleicht helfen auch andere Erklärungsansätze. Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Paul-Henri Campbell meint: „Der Körper ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Der Körper ist Ausdrucksmittel und Präsentationsfläche – und er ist einzigartig.“ Keinen Gegensatz, sondern eine tiefer gehende Erklärung liefert der Kommunikationswissenschafter Oliver Bidlo: Das Tattoo changiere in seiner Bedeutung zwischen Innen und Außen. Es diene der Bewahrung von Erinnerungen oder Identitätssymbolen und bilde vor dem Hintergrund einer beschleunigten und globalisierten Welt einen Anker und ein gewisses Maß an Unveränderbarkeit. Da scheint mir einiges dran zu sein.

Hier weiß man freilich nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Foto: Kirchengast

Warum sich dann aber viele ihre Tattoos ebenso schmerzhaft, wie sie sie stechen ließen, wieder entfernen lassen, ist aber auch wieder schwer zu verstehen. Jedenfalls verdienen Hautärzte, die das mit Laser bewerkstelligen, dann auch noch einmal ganz schön.

Ja, des Menschen Wesen ist ein weites Feld. Ende der Durchsage.

Liebe statt Wein und andere Schauergeschichten

Auf der heurigen Singwoche in Rab mit mehr 70 Teilnehmer:innen aus ganz Österreich und darüber hinaus haben wir, unter anderem, ein Lied einstudiert, das mir seither nicht mehr aus dem Sinn geht. Unser umtriebiger Chorleiter Georg Lenger, der nicht nur ein großartiger und humorvoller Musikpädagoge, sondern auch ein profunder Literaturkenner ist, sucht immer wieder ganz besondere Stücke aus. Und er hat auch unzählige bekannte und weniger bekannte lyrische Klassiker selbst vertont.

Eine offensichlich prosaische Liebesbeziehung.

Heuer war ein vertontes und von Georg für vierstimmigen Chor arrangiertes Liebesgedicht aus dem 17. Jahrhundert dabei: Drink to me only von Ben Jonson aus dem Jahr 1606. Es ist in wunderschönem, melodischem Altenglisch abgefasst. Bemerkenswerterweise hat es Johnny Cash als Siebzehnjähriger bei der Aufnahmeprüfung ins Musikgymnasium erstmals gesungen – und später, als er schon berühmt war, immer wieder bei seinen Auftritten. (Zu finden auf YouTube.) Für mich, der ich sowohl Wein als auch Blumen – und natürlich Menschen – liebe, ist es eines der schönsten Liebesgedichte überhaupt:

Drink to me only with thine eyes
And I will pledge with mine.
Or leave a kiss within the cup
And I’ll not ask for wine.

A thirst that from the soul doth rise
Doth ask a drink divine.
But might I of Jove’s nectar sip
I would not change for thine.

I sent thee late a rosy wreath
Not so much hon’ring thee,
As giving it a hope that there
It could not withered be.

But thou thereon did’st only breathe
And sent’st it back to me.
Since when it grows and smells, I swear,
Not of itself, but thee.


Frei übersetzt:

Trink mir nur mit deinen Augen zu,
und ich antworte mit meinen.
Oder hauch‘ einen Kuss ins Glas,
und ich werde nicht nach Wein fragen.

Ein Durst, der aus der Seele kommt,
verlangt nach göttlichem Getränk.
Doch könn’t ich auch an Jupiters Nektar nippen,
ich würd‘ ihn nicht gegen deinen tauschen.

Ich schickte dir jüngst einen Rosen-Kranz,
nicht so sehr zu deinen Ehren
als in der Hoffnung,
er würde dort nicht verdorren.

Du aber hast nur daran gerochen
und mir die Rosen zurückgeschickt.
Seither duften sie, ich schwör’s,
nicht nach ihnen selbst sondern nach dir.

Es ist eine ganz, ganz innige Zärtlichkeit auf Distanz, die sich in diesen Zeilen ausdrückt. Er sagt es ihr, im wörtlichen Sinn, durch die Blume. Und diese Liebe braucht offenbar keine Probe aufs Exempel, sie ist unerfüllt – wenn man unter Erfüllung auch die körperliche Vereinigung versteht -, aber auch unzerstörbar.

Nehmen und Geben: Schwarzhummel besucht Mönchspfeffer.

Zwei bekannte Liebesgedichte von Goethe fallen mir spontan dazu ein. Das eine über herrschsüchtige, gewalttätige Liebe, das andere über völlig selbstlose, hingebungsvolle Liebe.

Das Heidenröslein

Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt’ es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein roth,
Röslein auf der Heiden.

Das Gedicht tut fast körperlich weh. Es wird ja auch als Metapher einer Vergewaltigung interpretiert. Auf jeden Fall macht es auf zutiefst berührende, aufwühlende Weise klar, wie eng Liebe und Gewalt beieinander liegen können. Denn wenn das Heidenröslein dem Knaben gleichgültig wäre, würde er achtlos an ihm vorübergehen. Aber wenn er das Röslein wirklich liebte, würde er sich zu ihm hinknien, es bewundern – und nicht pflücken, sondern stehen lassen. Und es in seinem Herzen mit nach Hause nehmen. Dass das Gedicht vielfach vertont wurde, unter anderen von Franz Schubert, Robert Schumann und Franz Lehár, macht seinen Inhalt nicht weniger verstörend.

Verlorene Liebesmüh‘? Zitat des 1994 verstorbenen Dramatikers Werner Schwab.

Geradezu um das Gegenteil geht es in Goethes ebenso berühmtem Gedicht

Das Veilchen

Ein Veilchen auf der Wiese stand,
gebückt in sich und unbekannt;
es war ein herzigs Veilchen.
Da kam ein‘ junge Schäferin
mit leichtem Schritt und munterm Sinn
daher, daher,
die Wiese her und sang.

Ach! denkt das Veilchen, wär‘ ich nur
die schönste Blume der Natur,
ach, nur ein kleines Weilchen,
bis mich das Liebchen abgepflückt
und an dem Busen matt gedrückt,
ach, nur, ach nur
ein Viertelstündchen lang!

Ach, aber ach! Das Mädchen kam
und nicht in acht das Veilchen nahm,
ertrat das arme Veilchen.
Es sank und starb, und freut‘ sich noch:
und sterb‘ ich denn, so sterb‘ ich doch
durch sie, durch sie,
zu ihren Füßen doch!

Ich muss gestehen, dass mir bei diesen Versen beinahe die Tränen kommen. Die Sehnsucht, geliebt zu werden, ist so überwältigend, dass das Veilchen dafür in den Tod geht – und dabei die Erfüllung findet. Es ist sozusagen negative Gewalt, die Antithese zum Heidenröslein, das sich vergeblich gegen die Gewalt wehrt und ebenso stirbt. Das Veilchen dagegen nimmt die – unabsichtliche, aber gedankenlose – Gewalt hin, als einzige Möglichkeit, Liebe zu erfahren. Mozart, der große Experte in Sachen Liebe, hat das Veilchen wunderbar vertont.

Das waren jetzt Beispiele für drei jeweils auf ihre Art extreme Beispiele von Liebe:

Die prosaische, die aus einem leeren Weinglas und durch die Blume spricht – kann sie wirklich erfüllend sein?

Die herrschsüchtige, gewalttätige „Liebe“, die dieses Wort in Wahrheit nicht verdient und sich heute beispielsweise als ohnmächtige, hilflose männliche Wut in den schrecklichen Femiziden äußert.

Und die aufopfernde, unbeachtete und unerwiderte Liebe, die die Erfüllung nur im Tod findet.

Aber wir können bestätigen: Liebe funktioniert auch MIT Wein. Fotos: Kirchengast

Die Frage, welche dieser Formen von Liebe oder „Liebe“ nachahmenswert ist, wird jede und jeder für sich selbst beantworten. Eines aber machen alle drei Varianten klar: wie wertvoll eine erfüllende Beziehung zwischen zwei Menschen ist, in der sich Geben und Nehmen die Waage halten – und wie sehr beide unablässig daran arbeiten müssen, diesen kostbaren, aber sehr labilen Zustand zu erhalten.

Im Krieg war’s am schönsten

„Im Krieg war’s am schönsten.“ Das hat meine Großmutter selig mehr als einmal gesagt, wenn es wieder einmal Streit um eine Lappalie gab. Und dann gleich hinzugefügt, wie sie es meinte: „Da haben alle zusammengehalten.“

Die Worte meiner Oma kamen mir in den Sinn, als ich jüngst eine Studie über das gesellschaftliche Klima in der Ukraine las. Putin, der terroristische Aggressor und Diktator, legt es ja darauf an, die Moral der Ukrainerinnen und Ukrainer durch Drohnen- und Raketenangriffe auf die Infrastruktur und zuletzt immer häufiger auch auf Wohngebiete zu brechen. Jetzt nimmt er immer stärker auch die Hauptstadt Kiew ins Visier – und dabei auch Kulturstätten, die eine tiefe Bedeutung für die Identität der Ukrainer haben.

Ukrainischer Galgenhumor, schon Jahre vor Putins Überfall: Führerschein für „Diktator Volodimir Putler“ als Souvenir.

Was Putin damit bisher erreicht hat, ist das Gegenteil des Beabsichtigten. Die Gesellschaft rückt zusammen. Werden Wohnungen zerstört, gibt es in kürzester Zeit Ersatzquartiere. Im Winter, als oftmals Strom und Heizungen durch die Bombardements ausfielen, wurden sofort Wärmestuben und Versorgungszentren eingerichtet.

Getragen werden all diese Aktivitäten in erster Linie von Frauen. Natürlich auch, weil viele Männer an der Front stehen oder ihren Berufen nachgehen. Aber das allein würde die ganze Dimension dessen, was da geleistet wird, nicht hinreichend erklären. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, das nicht nur die Älteren hierzulande noch vom Krieg her kennen. Auch während der Corona-Pandemie rückte die Gesellschaft zusammen, obwohl sie das wegen der Schutzmaßnahmen eigentlich gar hätte tun sollen. Einige Menschen sahen schon eine neue Zeit stärkeren gemeinschaftlichen Fühlens und Handelns heraufdämmern. Eine voreilige Hoffnung, wie wir inzwischen wissen.

Dennoch bleibt das Faktum, dass die Menschen in existenziellen Krisen zusammenrücken. Die Studie über die Ukraine nennt das die „Kultur der horizontalen Vernetzung“. Die Menschen verlassen sich nicht darauf, dass der Staat ihnen in allen Situationen hilft. Sie organisieren sich selbst. Man nennt das auch gesellschaftliche Resilienz, also Krisenfestigkeit. In der Studie ist auch von „Notfall-Erwachsenwerden“ die Rede.

Dabei verbindet sich Improvisation mit strategischem Denken. Denn die Menschen in der Ukraine wissen natürlich, dass Putin ihnen mit allen Mitteln das Rückgrat brechen will. Bis sie resignieren und auch ein „Friedens“-Diktat akzeptieren – wenn nur endlich der Bombenterror aufhört. Deshalb setzen sie alles daran, die Normalität aufrechtzuerhalten, als Zeichen ungebrochenen Widerstandes. Dabei spielt die Kultur eine ganz wichtige Rolle, als Trägerin nationaler Identität. In Kiew und anderen großen und kleineren Städten gibt es Literatur-Festivals, Lyrik-Lesungen, Philosophie-Runden und vieles mehr. Die Theater haben ganz normale Spielpläne. Das Leben, auch das kulturelle, soll seinen gewohnten Gang gehen.

Man kennt dieses soziale Phänomen auch von der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos von April 1992 bis Februar 1996. Wenn etwa eine Spielstätte beschädigt oder zerstört wurde, war sofort andernorts eine Ersatzbühne geschaffen, Mundpropaganda sorgte für die Information der Interessierten. Die Menschen wussten: Die Belagerer hatten es nicht nur auf ihre Körper, sondern auch und vor allem auf ihre Seelen abgesehen.

In der Ukraine manifestierte sich mit der gesellschaftlichen Resilienz gleichzeitig auch bürgerliche Zivilcourage. Es gab Massendemonstrationen gegen die Verwässerung der Antikorruptionsmaßnahmen der Regierung. Präsident Selenskij musste einlenken. Das soziale Engagement und die Proteste waren ein Balanceakt zwischen Verantwortung und Kritik. Darf man die eigene Regierung in Kriegszeiten herausfordern? Man darf. Vor allem, wenn man sich gleichzeitig aktiv für das Gemeinwohl einsetzt.

Kulturelle Identität: Buchmarkt beim Iwan-Fedorow-Denkmal, das an den ersten ostslawischen Buchdrucker erinnert, in Lwiw (Lemberg).

In grellstem Kontrast dazu die Verhältnisse in Russland. Auch infolge von Putins umfassenden Repressionsmaßnahmen hat sich kollektive Lähmung breitgemacht, begleitet von Gleichgültigkeit, Fatalismus, innerer oder – bei vielen jüngeren, gut ausgebildeten Menschen – äußerer Emigration. Nur als in jüngster Zeit infolge der ukrainischen Drohnenangriffe auf die Energie-Infrastruktur der Treibstoff knapp wurde, kam – verhaltenes – Murren aus dem Volk. Auch wenn man sich in die Lage der Bevölkerung angesichts des Putin’schen Unterdrückungsapparates hineinversetzen kann – es bleibt ein Rest von Mitverantwortung „des Volkes“ für das, was Putin macht.

Welch ein Gegensatz: Hier gesellschaftliches Engagement als Zeichen ungebrochenen Überlebenswillens – dort gesellschaftliche Resignation, Anpassung und Schweigen als Überlebensstrategie. Dass die Ukrainerinnen und Ukrainer dereinst sagen werden, im Krieg sei es am schönsten gewesen, ist wohl sehr unwahrscheinlich. Dafür mussten sie schon zu viel erdulden. Aber sie liefern der Welt ein Beispiel dafür, wozu die Menschen in extremen Situationen fähig sind. Ist vor allem Europa noch dazu fähig und auch bereit, die Botschaft zu verstehen?

Machen wir uns als Menschen selber überflüssig?

Stimmt. Denn Irren ist menschlich.

Magnifica humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. So hat Papst Leo XIV., der US-Amerikaner mit bürgerlichem Namen Robert Francis Prevost, seine erste Enzyklika übertitelt. Sie erhielt sehr viel Zustimmung, auch von Nichtgläubigen.

Magnifica humanitas. Man kann magnifica mit großartig, herrlich, prächtig übersetzen. Aber auch mit erhaben. Im Kern warnt der Papst davor, die KI Überhand über das Menschliche gewinnen zu lassen. Etwa – und das ist der brisanteste Teil der Enzyklika – auch bei der Weiterentwicklung von Waffen. Denn schon jetzt ist es im Prinzip möglich, die KI völlig autonom über den Einsatz von Waffen entscheiden zu lassen. Die Menschheit sei gerade dabei, einen „permanenten Kriegszustand“ zu schaffen, schreibt der Papst. Daher auch sein flammender Appell, die KI zu entwaffnen.

Ist es eine „großartige, herrliche, erhabene“ Menschheit, die dabei ist, den permanenten Kriegszustand zu schaffen? Das Großartige, Erhabene, das Robert Prevost meint, ist – die menschliche Würde. Die menschliche Würde ist das, was den Menschen ausmacht. Niemand kann sie ihm nehmen – auch wenn sie jeden Tag an unzähligen Orten millionenfach verletzt wird. Der KI aber ist die menschliche Würde völlig egal. Sie entscheidet zweckorientiert, freilich nach Kriterien, die ihr von Menschen vorgegeben werden. Auch wenn es längst ernste Warnungen gibt, eine künstliche „Superintelligenz“ könne sich menschlicher Kontrolle entziehen.

Wenn die KI nicht rechtzeitig entwaffnet wird, im weitesten Sinn des Wortes, werden die Menschen nach und nach entmündigt – und damit ihrer Würde beraubt. Menschlichkeit bedeutet, im Sinn der menschlichen Würde, Erhabenheit. Und diese Erhabenheit schließt, mit all den guten und schlechten menschlichen Eigenschaften, auch Fehlbarkeit ein. Diese Fehlbarkeit auszuschalten, also einen unfehlbaren Übermenschen zu schaffen, kann nur in der Unmenschlichkeit enden. Die Geschichte hat einige Beispiele dafür parat.

Die gesamte technologische Entwicklung, zum Beispiel beim autonomen Fahren, geht dahin, den Menschen als Fehlerquelle auszuschalten. Das kann sehr nützlich sein. Es bedeutet aber auch, menschliche Gefühle und letztlich auch menschliches Denken überflüssig zu machen, ja geradezu als störend zu eliminieren.

Stimmungen, Gefühle, Gedanken: In der KI haben sie keinen Platz. Fotos: Kirchengast

Wenn dann überall alles perfekt, ohne menschliches Zutun, läuft, was bleibt den Menschen dann noch? Daumendrehen, lesen, reisen, philosophieren? Philosophieren – ja, aber worüber? Der Mensch mit seinen Gedanken, manchmal auch Geistesblitzen, der sensible, verletzliche, mitfühlende Mensch wird ja nicht mehr gebraucht. Denn wir haben ja den Übermenschen namens KI. Außerdem haben wir das Denken dann sowieso schon verlernt. Es wird nicht mehr benötigt. Überlasst das Denken den Pferden – die haben größere Köpfe: Das hat uns ein Lehrer im Gymnasium immer wieder unter die Nase gerieben. Aber es gab gottlob auch andere Lehrer, die uns zum Denken ermuntert haben. Denken gehört zu den, ja, erhabensten Fähigkeiten des Menschen.

Magnifica humanitas. Erhabene Menschheit. Wenn sich die KI, vom Menschen dazu ermächtigt, über diese edelste menschliche Fähigkeit hinweghebt und sie – scheinbar – überflüssig macht, ist es mit dem Menschsein vorbei.

Schöne neue Welt?

Ist weibliche die bessere Macht?

Nicht, weil gerade Muttertag war, sondern überhaupt: Wäre die Welt eine bessere, wenn an den entscheidenden Schaltstellen der Macht, ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur, mehr Frauen als Männer säßen? Manche, auch nicht wenige Männer, sind überzeugt davon. Manche, auch viele Frauen, meinen, dass weibliche Machtausübung von und Rivalität zwischen Frauen auch nicht immer ein Damenkränzchen seien.

An Beidem mag was dran sein. Tatsache ist, dass es in der Menschheitsgeschichte matriarchale Kulturen gab – und dass sie wieder verschwanden, aus unterschiedlichen Gründen. Ideologisch beruhten sie auf der Mutterrolle der Frau: Da jeder Mensch von einer Frau geboren wird, hätten die Frauen das natürliche Recht, das menschliche Zusammenleben zu regeln.

Die katholische Kirche, die die Frauen noch immer auf die Ränge verweist, trägt der Mutterrolle der Frau mit der Marienverehrung Rechnung. Ohne Maria gäbe es keinen Jesus. Weshalb sich die Frauen dann aber den Männern, mit dem Papst an der Spitze, unterordnen müssen, ist eine Frage, der man vermutlich am besten tiefenpsychologisch begegnet.

Könnte aus einer matriarchalen Religion stammen: Altarbild in der Euphrasius-Basilika von Poreč mit Maria als zentraler Figur.

Das Interessante dabei ist, unter anderem, dass die Kirche selbst immer wieder beeindruckende Beispiele für das Relativieren ihrer eigenen Hierarchie liefert. Einige dieser Beispiele bewunderten wir jüngst wieder in der Euphrasius-Basilika im istrischen Poreč. In ihrer heutigen Gestalt im 6. Jahrhundert errichtet, gilt sie als eines der herausragenden Beispiele spätantiker und byzantinischer Kunst im gesamten Adriaraum.

Die Halbkuppel über dem Altar wird oben von Jesus mit den zwölf Aposteln begrenzt. Darunter aber sitzt, dominant, Maria mit dem Jesuskind, flankiert von Engeln und Märtyrern. Darüber wölbt sich, mit dem Lamm Gottes in der Mitte, ein Kranz von berühmten weiblichen Heiligen. Nirgendwo ist ein Gekreuzigter zu sehen. Dass sich das Christentum mit seiner zentralen Botschaft der Auferstehung und des ewigen Lebens einen grausamst zu Tode gemarterten Menschen als Symbol gewählt hat, ist ja in der Tat sehr schwer verständlich. Das gesamte Altarensemble der Basilika von Poreč ist dagegen, mit Maria als zentraler Figur, ein prachtvolles Ja zum Leben.

Welches Schicksal steht mir bevor? Istrische Madonna aus dem 15. Jahrhundert.

Mindestens so sehr beeindruckt wie die Basilika hat uns im angeschlossenen Museum die Skulptur einer Madonna mit Kind. Sie wird auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert und stammt aus der Friedhofskirche im ostistrischen Albona, heute Labin. Marias Blick scheint eigentlich ins Innere gerichtet, fragend und wohl auch ahnend, was ihr bevorsteht. Auch der kleine Jesus scheint eher ratlos in die Zukunft zu blicken. Mich hat der Gesichtsausdruck der Madonna tief berührt: Wie soll ich mit meiner Bestimmung zurechtkommen, das Leid der Welt zu (er)tragen?

Und weil wir schon beim Interpretieren sind: Das Motiv eines römischen Mosaiks, ebenfalls im Museumskomplex, hat sich mir als Metapher für männlich-weibliche Rivalität und zugleich Bereicherung aufgedrängt. Das Verschlungen-Weibliche überwindet, scheinbar spielerisch, das strenge Männliche. Aber vielleicht ist das ein Zuviel des Hineindeutens. Wunderschön ist es auf jeden Fall.

Ein römisches Mosaik mit großer Symbolkraft – für die, die sie sehen wollen. Fotos: Kirchengast

Die wandelbare und ewige Wahrheit im Wein

Alkohol hat seit längerer Zeit eine schlechte Presse. Vermutlich zu Recht. Denn Alkohol ist zwar eine Lösung, wie ein launiger Spruch vor einem Bierlokal in Wien verkündet. Aber nur aus chemischer Sicht, wie es gleich am Beginn des Satzes heißt. Und aus physiologischer Sicht ist Alkohol ein Gift, das menschliche Zellen zerstören kann. Er kann also keine Lösung für menschliche Probleme sein.

Zauber einer Kulturlandschaft mit einem Hauptdarsteller.

Unter dem schlechten Image des Alkohols leiden inzwischen auch die Weinbauern. Alkoholfreier Wein kann den Rückgang des Weinkonsums nicht wettmachen. Abgesehen davon, dass er bestenfalls, unter Nachsicht aller Taxen und Vergewaltigung des Geschmacksinns, genießbar ist.

Zugegeben, auch ich trinke deutlich weniger Wein als in früheren Jahren. Das hat sicher mit dem Alter und diversen, gleichfalls altersbedingten Wehwehchen zu tun. Aber die Freude an ein, zwei, manchmal auch drei Gläsern zu einem guten Essen lasse ich mir nicht nehmen. Und wenn ich an die vielen jungen und auch älteren Menschen denke, die auch zum Essen süße Limonaden oder Energydrinks mit jeder Menge Zucker trinken, fühle ich mich gleich wieder pumperlgesund.

Dass die Kulturgeschichte des Menschen ohne den Wein undenkbar wäre, ist schon tausendfach geschildert und ausgeschmückt worden. Angeblich gab es schon vor 60 Millionen Jahren Urformen von Weinreben. Ob es hingegen auch seriöse Untersuchungen darüber gibt, ob und wie Wein den Gang der Weltgeschichte an sich beeinflusst hat, weiß ich nicht. Dass die Österreicher die Sowjets bei den Verhandlungen über den Staatsvertrag zu ihren Gunsten „eingewässert“ hätten, ist eine Mär. („Einwässern“ ist übrigens eine nette Verharmlosung, mit der Freud seine Freude hätte.) Fest steht jedenfalls, dass alle Kulturen Rauschmittel kennen. Offenbar kommt der Mensch nicht ohne sie aus.

Einige Hektoliter Wahrheit.

Fest steht ferner, dass Wein, in Maßen genossen, die Geselligkeit anregt und auch Bewusstseinserweiterung bewirken kann. Man muss ja nicht gleich so weit gehen und behaupten, dass eine Flasche Rotwein acht Semester Philosophiestudium ersetzt. Aber ein Körnchen Wahrheit liegt, wie ich meine, schon darin. Liegt aber wirklich die Wahrheit schlechthin im Wein? Wenn man die ganze Wahrheit nimmt, dann ja. Denn zur ganzen Wahrheit gehört, dass mäßiger Genuss das Wohlbefinden fördert, wenn nicht gar zu den schönsten Dingen des Lebens gehört. Dass unmäßiger Genuss aber letztlich das Gegenteil bewirkt. Ganz nach Paracelsus: Die Dosis macht das Gift.

Eines der schönsten Gedichte über die vielschichtige Wahrheit im Wein stammt von Roland Betsch:

Im Wein sind Mühe, Winzers Fleiß.
Im Wein sind Sonne, Sorg‘ und Schweiß.
Im Wein ist Erde neu entstanden.
Im Wein ist Geist aus Väters Landen.
Im Wein sind Schöpfung, Hoffen, Bangen.
Im Wein sind Jahre eingefangen.
Im Wein sind Wahrheit, Leben, Tod.
Im Wein sind Nacht und Morgenrot
und Jugend und Vergänglichkeit.
Im Wein der Pendelschlag der Zeit.
Wir selbst sind Teil von Wein und Reben.
Im Weine spiegelt sich das Leben.

Wein übersetzt „die Unverständlichkeit von Zeit in die Sprache unseres Geschmacks“ (Ilija Trojanow).

Der zeitweise in Wien lebende Schriftsteller Ilija Trojanow schreibt in seinem jüngsten Buch Ein Glas voller Zeit (Residenz Verlag, Salzburg), dem „Versuch einer Liebeserklärung“: „Wie keine andere menschliche Schöpfung übersetzt Wein die Unverständlichkeit von Zeit in die Sprache unseres Geschmacks.“ Treffender und schöner kann man es kaum sagen.

Und ganz zeitgemäß noch ein Rat vom guten alten Goethe:

Wasser allein macht stumm,
das zeigen im Bach die Fische.
Wein allein macht dumm,
siehe die Herrn am Tische.
Da ich keins von beiden will sein,
trink ich Wasser mit Wein.

Warum Triest nicht Mahagonny ist

Es zog uns wieder einmal ans Meer. Nicht nur wegen der unglaublich zähen Nebelsuppe dieses südoststeirischen Winters, sondern überhaupt. Was lag da näher, als wieder einmal unsere Lieblingsstadt anzusteuern. Es sind ja nur gute drei Autostunden nach Triest. (Sehr viel länger dauert es nach der Eröffnung des Koralmtunnels inzwischen auch mit der Bahn nicht.)

Nicht, dass wir einen bräuchten – aber wir hatten diesmal neben dem Nebel einen besonderen Anlass. Angeregt durch das Inserat eines Reisebüros schaute ich mir die Website des Triestiner Theater- und Opernhauses an, des Teatro Verdi nahe der Börse. Und da stach mir sofort eine Aufführung ins Auge: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, die berühmte Oper von Kurt Weill mit dem Libretto von Bert Brecht. Dass die Triestiner gerade dieses Stück in einer Eigenproduktion aufführen, noch dazu im Deutschen Original (mit italienischen und englischen Übertiteln), hatte ich nicht erwartet.

Wir buchten und fuhren „hinunter“. Mit dem Wetter hatten wir großes Glück – drei Tage Sonne, zwischendurch eine leichte Bora. Man konnte am Lungomare den Kaffee schon im Freien, direkt am Meer, trinken. Welch ein herrliches Gefühl, das sich dann auch auf dem „Sentiero Rilke“, dem Rilke-Weg oben auf dem Karst von Duino Richtung Sistiana, noch intensiver einstellte. Es war Sonntag, unten in der Bucht tummelten sich die Boote mehrerer Segelschulen, diszipliniert aufgefädelt wie auf einer Schnur. Ein Bild der disziplinierten Leichtigkeit und des Friedens.

In der wärmenden Wintersonne von Triest.

Aber zurück zum Anlass. Wir hatten die Weill/Brecht-Oper vor Jahrzehnten in einer denkwürdigen Aufführung im Grazer Schauspielhaus gesehen, das damals auch als Ausweichquartier für die Oper diente, die renoviert wurde. Ein unvergesslicher Abend. Die Geschichte einer Stadt, in der nur das Geld zählt. Der knallharte Sarkasmus von Brecht, und dazu eine Musik, in der trotz der unbarmherzigen, eiskalten Gesetze des Kapitalismus – oder vielleicht gerade deshalb – auch die Sehnsucht nach Wärme, Liebe und Geborgenheit durchklingt. Noch immer habe ich den „moon af Alabama“ im Ohr. Aber wer in Mahagonny kein Geld hat, verhungert oder wird hingerichtet, weil er die Richter nicht bestechen kann.

Mahagonny wurde 1930 in Leipzig uraufgeführt. Dabei kam es zu Tumulten, die von den im Aufwind befindlichen Nazis angezettelt wurden. Erstaunlich auch deshalb, weil Mahagonny durchaus als Synonym für den damaligen „Sündenpfuhl“ Berlin gelten konnte: Fressen, Sex, Vergnügungen, Saufen.

Die Triestiner Inszenierung begeisterte uns restlos. Gutes Orchester, von der jungen Dirigentin Beatrice Venezi virtuos geführt, gutes, eindringliches Bühnenbild, überzeugende Solisten, ausgezeichneter Chor und ein Ballett unter anderen mit Damen, die sich lasziv und doch sehr ästhetisch bewegen. Besser kann man es kaum machen.

Und dann fragten wir uns: Kann Mahagonny auch Triest sein? Diese Stadt, deren Aufstieg mit der Förderung des Handels durch Maria Theresia und der Zuwanderung von Geschäftsleuten, Unternehmern und sicher auch Hasardeuren aus halb Europa begann. Deren wirtschaftliche Bedeutung nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg drastisch sank und die seit einigen Jahren wieder eine fulminante Renaissance erlebt? Zählte und zählt auch in Triest nur das Geld?

Der Mensch – ein Buch mit sieben Siegeln. Ausstellung von Alfonso Firmani.

So wie wir Triest kennen, bestreiten wir das vehement. Die Stadt hat ein reges Kulturleben. Der riesige alte Hafen wird schrittweise revitalisiert. Gerade wurden wieder neue Ausstellungen im „magazzino 26“ eröffnet, das auch das beeindruckende „Museo del Mare“, das Museum des Meeres, beherbergt. Odissee – L’esperienza dell‘ orizonte (Der Erfahrung des Horizonts) heißt eine davon. Alfonso Firmani zeigt in Montagen und Installationen den Menschen in seiner Komplexität und auch Entrücktheit. Ein eindrückliches Erlebnis.

Sehr berührend auch die Fotoausstellung Volti di donna – Nella Trieste della Belle Époque: großteils Aufnahmen anonymer Fotografen von Frauen aus der sogenannten besseren Gesellschaft, aber auch aus den unteren Schichten, etwa Bäuerinnen oder Marktfrauen, aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Was dabei auffällt, ist das demonstrative Selbstbewusstsein der Frauen auf vielen Bildern. Alle Ausstellungen im „magazzino 26“ sind übrigens bei freiem Eintritt zu besuchen.

Triest – eine Hochburg des Kapitalismus? Auch, aber eben nicht nur. Das zeigt auch das Beispiel Revoltella, das David McWilliams in seinem lesenswerten Buch Money. Eine Geschichte der Menschheit aus Perspektive des Geldes (Goldmann Verlag) schildert. Pasquale Revoltella, ein Selfmademan, beteiligte sich in großem Stil an der Finanzierung des 1869 eröffneten Suezkanals. Revoltella wurde dafür zum Vizepräsidenten der Universalgesellschaft des Suezkanals ernannt. Nach der Eröffnung des Kanals stieg der Umschlag des Triestiner Hafens von knapp einer Million Tonnen 1870 auf über fünf Millionen Tonnen im Jahr 1913. Revoltella war aber auch Mäzen. Er gründete unter anderem eine Handelsschule, in der James Joyce, der den Ulysses teils in Triest schrieb, zeitweise Englisch unterrichtete. Das herrschaftliche Haus der Revoltellas ist heute ein stattliches Museum.

Selbstbewusste Triestinerinnen in der Belle Époque.

Das ist nur eines von vielen Beispielen für die Symbiose von Geld und Kultur alla triestina. Sie macht – neben vielem anderen – den Reiz dieser unvergleichlichen Stadt aus. Vielleicht war die Triestiner Aufführung von Mahagonny deshalb so gut, weil sie als abschreckendes Beispiel dienen sollte? Heute gibt es andere Systeme, für die Mahagonny als Synomym gelten kann: zum Beispiel das Netzwerk des als Sexualstraftäter verurteilten US-Investmentbankers Jeffrey Epstein, der 2019 in Haft, angeblich durch Suizid, starb. Es umfasste Politiker, Wirtschaftsbosse, Wissenschafter, aber auch prominente Künstler und Kulturschaffende. Der New Yorker Kolumnist David Patrick Columbia beschrieb es so: „Eine Haftstrafe zählt da nicht mehr. Das Einzige, was dich in dieser Gesellschaft zum Paria macht, ist arm zu sein.“

Wer dagegen die Seele von Triest erkunden will, muss woanders suchen. In Marinaresca, der inoffiziellen Triestiner Hymne, heißt es im Refrain: „Triest schläft, das Meer bewegt sich kaum, die Sterne leuchten und lassen mich träumen. Und wenn ich heute Nacht eine Meerjungfrau fange, möchte ich sie dir morgen geben.“ Ganz so ohne ist das freilich auch nicht.

Lasst euch von der Muse küssen

Mir ist wieder was eingefallen. Wie kommt das übrigens – dass einem „etwas einfällt“? Das heißt doch eigentlich, dass dieses Etwas nicht die eigene Leistung, sondern einem zugefallen ist. Natürlich auch durch eigene Denkanstrengung, aber eben nicht nur. Es gibt dafür einen sehr schönen Ausdruck: Die Muse hat mich geküsst. Welche Muse, das ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt ihrer neun. Frühere Gymnasiastengenerationen wurden mit ihrer Aufzählung gequält. Und einem findigen Kopf ist dazu eine Eselsbrücke eingefallen: klio-me-ter-thal-eu-er-ur-po-kal. Am besten merkt man sich das ganze Kunstwort zweigeteilt, mit einer ganz kurzen Pause: kliometerthal/euerurpokal. Den „Urpokal“ merkt sich jeder.

Vielleicht hat deshalb auch die eine oder andere Muse nackt gebadet. (Im Schaufenster eines Souvenirgeschäfts in Bad Radkersburg.)

Neun sind es also an der Zahl, und jede steht für eine bestimmte Kunstrichtung oder Wissenschaft. Der griechischen Mythologie zufolge sind die Musen die Töchter der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, und des Zeus. Ursprünglich hatten die Musen keine speziellen Zuständigkeitsbereiche. Diese wechselten auch immer wieder und haben sich erst nach und nach gefestigt. Menschenwerk also. Schließlich aber galt:

Klio ist für die Geschichtsschreibung zuständig; Melpomene für die Tragödie; Terpsichore für Chorlyrik und Tanz; Thalia für die Komödie; Euterpe für Lyrik und Flötenspiel; Erato für die Liebesdichtung; Urania für die Astronomie; Polyhymnia für den Gesang; und Kalliope, eine wahre Universalistin und meine persönliche Favoritin, für epische Dichtung, Rhetorik, Philosophie und Wissenschaft im Allgemeinen.

Kreative Toilettenkennzeichnung eines Cafés in Feldbach.

In all den Kunstgattungen, die hier nicht vorkommen, müssen sich die Schaffenden ohne Musenküsse „etwas einfallen lassen“. So gibt es zum Beispiel keine Muse für Alltagspoesie. Und doch kommt diese Kunstgattung öfter vor, als man vermuten würde. Ein besonders fruchtbarer Nährboden für Alltagspoesie ist der berühmte „Wiener Schmäh“. Jüngst sahen wir in Wien einen Müllwagen der sprachlich stets sehr kreativen Magistratsabteilung (MA) 48 mit der Aufschrift: Für immer getrennt. Wiener Humor mit dieser typisch negativ-ironischen Grundnote, die oft ins Makabre übergleitet. Legendär die Durchsage in einer Wiener U-Bahn-Station vor der Einfahrt des Zuges: Einen Schritt zurück oder zwei Schritte vor. Den Vogel des Makabren aber schießt – eine durchaus passende Wortwahl – die Wiener Bestattung ab, die sowohl am Zentralfriedhof als auch online ein Souvenirshop betreibt. Der Tod war ja immer schon ein gutes Geschäft. Und so bietet die Wiener Bestattung ein Strandtuch mit der Aufschrift Bei uns liegen Sie richtig an oder einen Eiskratzer mit dem Spruch Mit uns kratzen Sie besser ab. Dafür braucht es freilich schon einen recht robusten Humor. Wer aber könnte der Feststellung widersprechen: Der letzte Wagen ist immer ein Kombi.

Auch wenn das nicht unbedingt erhebende Neujahrssprüche sind – als Anregung für kreative, belebende Sprache und mehr Humor im Alltag taugen sie ganz sicher. Lassen wir uns öfter von der Muse für Sprachwitz unnd Augenzwinkern inspirieren, wie immer sie heißen mag. Wir brauchen ihre Küsse in diesen nicht so erhellenden Zeiten dringender denn je. Ganz in diesem Sinne lautet der an die Autofahrer im Nebel gerichtete Wunsch der gleichfalls sehr kreativen Asfinag-Texter auf den Anzeigetafeln über der Fahrbahn: Es werde Licht.

Wortwitz mit Hintersinn: Ausspruch des Kabarettisten Gerhard Polt am Vorarlberg Museum in Bregenz. Fotos: Kirchengast
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