Man entkommt ihnen nicht. Man begegnet ihnen auf der Straße, im Supermarkt vor und hinter der Kasse, im Restaurant, ob unter den Gästen oder im Personal. Wieviel man von dem sieht, was sie für ihr Alleinstellungsmerkmal halten, hängt meist, aber keinesfalls immer von der Jahreszeit ab. Im Freibad fast alles, auf dem FKK-Strand alles. Egal, was man davon hält, man muss damit leben.

Die Rede ist hier von den Tätowierten beiderlei und sonstigen Geschlechts, deren offenbar immer mehr werden. Peckte nennt sie der Volksmund, weil sie sich eben pecken lassen. Pieksen sagen unsere deutschen Sprachgenossen dazu. (Wobei „gepeckt“ im Sinne von „anpeckt“ auch noch was anderes bedeutet, das die Gepeckten sicher nicht auf sich beziehen.) Dass das Pecken meist sehr schmerzhaft ist, nehmen sie in Kauf, bewusst oder zwangsläufig. Wer schön sein will, muss leiden.
Schön? Gewiss, für sich genommen sind nicht wenige Tattoo-Motive durchaus beeindruckend. Sogar kunstwerkverdächtig. Was aber wollen uns die Peckt’n damit sagen? Und für wen und wozu lassen sie sich quälen? Für die Anderen, weil sie dann aus der Masse hervorstechen, besser wahrgenommen werden und trotzdem anonym bleiben? Für sich selbst, weil sie sich damit etwas beweisen wollen? Aber was?
Sicher ist, dass es noch nie so viele Tätowierte gab wie jetzt. Die Zeiten, als es hieß „Bye, bye, Arschgeweih“ (relativ dezentes, geweihähnliches Tattoo über dem Gesäß), sind vorbei. Sicher ist ebenso, dass die Geschichte der Tätowierung uralt ist. Und da unzählige Kulturen auf der ganzen Erde diesen Brauch kennen, ist davon auszugehen, dass er sich jeweils unabhängig entwickelt hat. Er muss also ein menschlichen Urbedürfnis befriedigen.
Der rund 5300 Jahre alte Ötzi galt lange als ältester Fund eines Menschen mit Tätowierung. Bis ein Artikel in einer Fachzeitschrift darauf verwies, dass sich im Britischen Museum zwei Mumien aus Oberägypten befinden, die ebenfalls Tätowierungen mit vermutlich kultischem Hintergrund befinden. Bei Ötzi hingegen wird ein möglicher therapeutischer Zweck vermutet.
Schon das Alte Testament geht auf das Tätowieren ein – ablehnend: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,28). Bei einigen frühchristlichen Sekten hingegen waren Tätowierungen üblich, möglicherweise in bewusster Abgrenzung zu den Juden. Neubekehrte ließen sich ein großes Tau (griechisch Τ) als Abbild des Kreuzes auf die Stirn ritzen. In ähnlicher Weisen ritzten sich später Kreuzritter lateinisches Kreuz in die Haut.

Hier haben wir schon zwei entscheidende Motive für das Tätowieren: Abgrenzen von anderen und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Und das trifft wohl auf die meisten traditionellen Tätowierungsbräuche zu. Auf Samoa etwa drücken die oft den halben Körper oder mehr bedeckenden Tattoos die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm aus.
Und heute? „In der heutigen Zeit dienen Tätowierungen auch als Ausdrucksmöglichkeit für Exklusivität, Selbstdarstellung, Geltungssucht und Abgrenzung, als Mittel zur Verstärkung sexueller Reize, Schmuck, Protest, zur politischen Stellungnahme und zum Ausdruck sexueller Einstellungen. Adolf Loos bezeichnete in seiner Schrift Ornament und Verbrechen die Tätowierung als Ornament.“ (Zitat Wikipedia) Loos hat bekanntlich geschrieben: „Ornament ist ein Verbrechen.“
So weit würde heute wahrscheinlich kaum jemand gehen, der Tätowierungen strikt ablehnt, sie entstellend oder hässlich oder beides findet oder die Motive ihrer Träger:innen schlicht weg nicht versteht. Auch ich habe meine Schwierigkeiten damit. Ohne die Beweggründe im Einzelnen zu kennen, frage ich mich vor allem bei extremen Tattoos, wie es um das Selbstwertgefühl von Menschen bestellt sein muss, die so etwas brauchen, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei stellt sich, wenn man mit stark Tätowierten ins Gespräch kommt, meist heraus, dass es sympathische, offene, kontaktfreudige Menschen sind. Wozu dann aber dieser Auftritt? Eine sehr auffällig tätowierte junge Dame sagte uns im Gespräch, dass sie sich mit den eingravierten Schutzsymbolen sicherer fühle. Kann man immerhin nachvollziehen.
Vielleicht helfen auch andere Erklärungsansätze. Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Paul-Henri Campbell meint: „Der Körper ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Der Körper ist Ausdrucksmittel und Präsentationsfläche – und er ist einzigartig.“ Keinen Gegensatz, sondern eine tiefer gehende Erklärung liefert der Kommunikationswissenschafter Oliver Bidlo: Das Tattoo changiere in seiner Bedeutung zwischen Innen und Außen. Es diene der Bewahrung von Erinnerungen oder Identitätssymbolen und bilde vor dem Hintergrund einer beschleunigten und globalisierten Welt einen Anker und ein gewisses Maß an Unveränderbarkeit. Da scheint mir einiges dran zu sein.

Warum sich dann aber viele ihre Tattoos ebenso schmerzhaft, wie sie sie stechen ließen, wieder entfernen lassen, ist aber auch wieder schwer zu verstehen. Jedenfalls verdienen Hautärzte, die das mit Laser bewerkstelligen, dann auch noch einmal ganz schön.
Ja, des Menschen Wesen ist ein weites Feld. Ende der Durchsage.

























